Alfred Müller-Felsenburg

Sie schreiben zwischen Lenne und Volme, Ruhr und Ennepe
Begegnung mit Hagener Autoren

Vorbemerkung

Hagen wird oftmals gepriesen als eine Stadt der bildenden Kunst und der Galerien. Aber sie verfügt noch über ein anderes künstlerisches Potential. Im nachfolgenden Aufsatz soll einmal versucht werden, die Persönlichkeitsbilder Hagener Autorinnen und Autoren einzufangen. Natürlich bleibt Biographisches und Bibliographisches immer Stückwerk. Nehmen wir darum nach altem lateinischen Brauch: pars pro toto, den Teil fürs Ganze! Vollständigkeit wird hier nicht angestrebt. Statt dessen zeichnet der Schreiber eine subjektive Auswahl! Er klammert sich selbst nicht aus. Doch gestattet er sich, das Wesen des Literarischen zu skizzieren, darauf hoffend, daß den Leserinnen und Lesern somit ein Einstieg in jenes Schaffen bereitet wird, das unser aller Leben von Kindheit an mit prägen hilft.

Aus meiner Schreibstube

Ich bin oft gefragt worden: "Warum schreiben Sie?" Eine präzise Antwort fiel mir nie ein. Ich vergleiche meine Berufsgenossen und mich gern mit Hohlspiegeln. Wir fangen Licht auf (oder Wahrheit, Meinung, Irrtum, Lüge Gefühle ...), bündeln es zu einem Zentrum, strahlen es in gewollte Richtungen ab. Es kommt auf den jeweiligen Standort des Schreibers an. Manch einer übersetzt das mit dem Begriff "Engagement". Das heißt: Ein Schriftsteller darf sich nicht darauf beschränken, nur unterhaltsam zu sein (das gehört dennoch zu seinem Tun, unabdingbarl). Es ist zwar angenehm und oft heiter, ein guter Unterhalter zu sein; aber mit dieser Kunst allein begäben Schreiber sich des Rechtes, Schriftsteller genannt zu werden. Menschen meiner Profession haben sich nicht nur der Schrift, sondern auch der Sprache innerhalb ihrer Gesellschaft zu stellen. Letztere ist stets Ausdruck humanen Seins und Werdens. Sie prägt Charakter aus gewonnener, verdichteter Meinung, erfahrbarer Wahrheit, hingenommener Lüge. Kurz: Ich kann viele Meinungen hegen, aber im Grunde nur eine Haltung einnehmen und vertreten. Meine eigene wurde geprägt von Erlebnissen und vom Wesen elterlicher Erziehung, vom Umgang mit Menschen des In- und Auslandes, in Krieg und Frieden, von Schulen und Pädagogen, innerhalb der Natur und als Beteiligter an der Technik, Wirtschaft, Politik, Kunst.

Sie wurde zugleich beeinflußt von meiner frei gewählten Konfession, der Volkszugehörigkeit, meinem ersten Beruf als Lehrer, meiner eigenen Familie. Folglich richtet sich meine schriftstellerische Arbeit darauf, Gedanken, Ideen wie Dinge und Menschen zu schildern, die ich als Welt-Realität betrachte und die ich neu gestalte, nachschöpfe gewissermaßen. An dieser (meiner ich-gerichteten) Realität messe ich auch mein Handeln. Politisch ausgedrückt: Wenn ich schreibe, übe ich Kritik an Zuständen in der Welt, im Volk, in der Kirche, in der Familie, in mir. Ich bejahe das Vertiefen unantastbarer Strukturen, wie sie in der Lehre Jesu Christi zutage treten. Solche Anschauungen suche ich zu formulieren und anderen zugänglich zu machen.

Texter leben nicht in einem Elfenbeinturm, außerhalb von Welt und Ereignis also! Sie sind zu Hause in dem, was wir Milieu und Welt, Umfeld und Heimat, Erde und Zeit, Wechsel und Beständigkeit nennen. Wir Schreiber atmen, essen, trinken, lieben, hassen, sprechen, schweigen, schlafen, träumen, genießen, laufen, verharren: Leben! Die Regungen unseres Daseins registrieren wir, messen sie an zugänglichen Tatbeständen und Menschen. Ergebnisse unserer Arbeit sind überprüfbar, nicht vollkommen; denn nur die Maschine schafft Perfektion. Menschenwerk ist stets anfällig. Deshalb sagen Mohammedaner: "Nur Allah ist vollkommen!" und weben in jeden Teppich einen Fehler hinein. Aber Roboter und Maschinen verfassen keine Gedichte, weil diese in sich nicht logisch sind - oder doch nur in einem anderen Sinne folgerichtig, so daß ein kybernetischer Apparat nicht fähig ist, emotionelle Schwingungen, die unwägbaren, einzubringen und auszudrücken. Die Gesetzlichkeit des Schreibens beruht auf einer anderen Rechtfertigung: Die Dichter erhalten den Anruf von außen und innen, hören den Auftrag ihrer Welt und setzen ihn um in das Sagbare! Zu guter Letzt meine ich, daß Schreiben, wie jede Kunst, ein Geschenk ist, das sich zusammensetzt aus mitgegebenem Erbe, erzieherischer Konsequenz der Gesellschaft und ... Begabung von Gott.

Die Hagener Schreiberzunft

Vor diesem Hintergrund sei hier einmal versucht, das Hagener Szenarium der Literatur zu porträtieren. Ich beziehe mich dabei auf Heutiges, wiewohl ich weiß, daß jene Dichter, die einst in Hagen lebten (Caspar Butz, Hans Roselieb, Hugo Carl Jüngst, Hubert Schumacher, Gisbert von Vincke u.a.) sowie die Heimatschriftsteller Dr. Sellmann, Hermann Esser, Dr. Schnettler, Emil Bonner und K. Schaub notwendigerweise den Boden für Jetzige mit bereiten halfen. Ich nehme mir zudem die Freiheit, Menschen meiner Wahl zu zeichnen, Frauen oder Männer, die mir begegneten und denen ich in irgendeiner Weise nahekam.

Richard Althaus, Foto: privat (hf1107)Ich beginne mit RICHARD ALTHAUS (Foto links). Seinen Namen hatte ich häufig gehört oder in Zeitungen des Märkischen Kreises gelesen. Mir gefielen die klugen, sachkundigen Aufsätze, Berichte, Gedichte, naturkundlichen Fotos. In seine plattdeutschen Verse mußte ich mich länger eindenken. Die niederdeutsche Sprache war mir, dem gebürtigen Ruhrpottjungen, nie vertraut gewesen. Eines Tages, es mag im Frühjahr 1962 gewesen sein, traf ich ihn.

Althaus lacht gern, verträgt, daß man ihn "auf die Schippe nimmt", zahlt in gleicher Münze heim ... Die Dinge, die ihn nicht ruhen lassen, umfassen vielerlei Bereiche. Er gehört zu den durch und durch musischen Menschen, die in ihrer Region als Katalysatoren der Kultur wirken. Seine Begabung richtet sich nicht allein auf Literarisches. Er hat ein empfindsames Organ für die bildende Kunst, wie er Gespür für Richtungen, Farben, Figurationen der Malerei und Bildhauerei entwickelte. Sein geschultes Ohr nimmt nachempfindend Klänge der Musik auf...

Noch im letzten Jahre (1980) fuhren wir gemeinsam nach München. Zum Papstempfang. Da wurde wiederum Neues für mich offenbar. Ich ahnte zwar lange, daß er, der sich gern als Freidenker apostrophierte, mehr als religiöses Ahnen in sich birgt; aber die Wurzeln seines Schreibens, die stets mit dem Begriff Heimat eng verknüpft blieben, sind auch im Denken über den Menschen hinaus zu suchen. Das beweist u. a. sein Madonnengedicht.

Westfälische Madonna

Ohn allen Prunk
thronst du mit deinem
Kinde unter uns
und bist doch aller Hoheit voll.

Zu deines Kleides
strengen Falten
atmet unseres Landes Schwere,
die uns zur Erde zieht
mit unbegriffner Kraft.

Du ruhst in dir
und schließest in den Kreis
von Frieden, Güte, Liebe
ein dein Kind, das,
eng an dich geschmiegt,
noch dir gehört.

Du Mutter über allen Müttern,
dem Himmel angehörend,
bist du der Erde nah
und ruhst in dir.

Innerhalb der letzten Jahre schuf er umfassende Werke der Darstellung jener Städte, in denen er "zu Hause" war und ist: Hagen, Lüdenscheid, Altena, Iserlohn. Er komponierte Bild und Text zum Klang von Arbeiten, die alle Sinne ansprechen. Es ist nicht erforderlich, neu aufzuzeichnen, was er heute noch schafft und wozu man ihn ruft. Eines sollte jedoch genannt werden: Daß es einen Autorenkreis "Ruhr-Mark", Hagen, gibt, verdanken wir ihm in besonderem Maße. Somit wurde er zum Stifter eines regionalen Schriftstellerverbandes, der dieser, unserer Stadt das freundliche Aroma auch des Dichterischen verlieh.

Ein völlig anderer Typus ist WALTER K. B. HOLZ. Der gebürtige Hagener erwarb den Titel eines Ingenieurs (grad.) und verwaltete Jahrzehnte das Archiv der Stadt Hagen. Sein Temperament ist das eines kostbaren Araberpferdes geblieben. Noch immer ereifert er sich über die geistige Trägheit jener Mitmenschen, die nicht einsehen wollen, daß das kulturelle Erbe dieser und vergangen er Zeiten zu erhalten ist. Er kämpft für "Geschichtsämter", wünscht, daß der Staat sich seines Auftrages besinnt, literarische und musikalische Sammlungen zu übernehmen, zu schützen und allen zugänglich zu machen. Er entwarf ein Planetenmodell für Hagen, das zu einer besonderen Attraktion wurde, richtete ein Musik- und Literaturarchiv ein, das er heute noch betreut und in dem besonders kostbare Originale der Musik zu finden sind. Nicht genug damit. Die euklidische Geometrie und Mathematik wurden von ihm weiterentwickelt. Seine Briefe gehen zu Persönlichkeiten der Länder und des Bundes, und seine Kontakte mit den Großen unserer Epoche sind zugleich Zeichen dafür, die Linien des zu Bewahrenden und zu Erhaltenden fortzuschreiben. Leider sind nur Teile seiner Vorschläge bislang verwirklicht worden. Kurzum: Der Vergleich mit einem edlen Streitroß kommt nicht von ungefähr, und da Holz sich nicht scheut, den Finger auf schwärende Wunden zu legen, wundert es niemanden, daß er mit vielen Gegnern zu tun hat. Für ihn gilt, was ein Aphoristiker sinngemäß so formulierte: Er eilte seiner Zeit weit voraus und mußte deshalb in unbequemen Unterkünften lange auf sie warten! Seine Veröffentlichungen sind mittlerweile Legion geworden. Holz zählt zum Redaktionsteam des Hagener Heimatkalenders (jetzt: Heimatbuch Hagen und Mark); er beschrieb Stadt und Bürger in seinen Beiträgen. Aufsätze zur Musik- und Literaturgeschichte finden sich in vielerlei Publikationen. Zu seinen größten Verdiensten gehört aber die Herausgabe des Buches "Ein Jahrtausend Raum Hagen" (Herausgeberin: Stadt Hagen, Weihnachten 1947). Die gesamte Literatur über Hagen schöpft aus dieser reichhaltigen Quelle. Zitieren wir einige wenige Sätze: "Wir müssen uns über die kleinen Tagesinteressen erheben und uns schreiten sehen auf der mit uns wandernden Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft. Alles, was wir fühlen und träumen und schaffen, haben auch unsere Ahnen durchlebt, nur war dieses Erleben in ein anderes Gewand der Zeit gehüllt... Walter K. B. Holz ist seit Jahren Mitglied des hiesigen Autorenkreises "Ruhr-Mark". Seine Stimme wird dort wieder und wieder gehört!

Bislang war nur von Männern die Rede; aber die Landschaft der Sprach kunst wäre gewiß unvollständig, schlössen wir die Damen aus. Wer vermutet, daß eine Frau, die noch vor dem Ersten Weltkrieg aufwuchs, hausbacken sein muß, irrt sich gewaltig. Die am 14. April 1907 in Montigny (Kreis Metz) geborene IRMGARD RÖHRIG, die seit langen Jahren in unserer Stadt lebt und arbeitet, muß eher zeitloser Charme und Elan nachgesagt werden. Auch sie gehört zum Autorenkreis "Ruhr-Mark" (seit 1972).
Wer ihre ironisch-kritische Art, in der sie bestehend  Verwilderung von Sprache heftig und zugleich humorvoll angreift, kennenlernen möchte, sollte sich einmal das Buch "Spiegelbild/Autorenkreis Ruhr Mark" (Gronenberg, Gummersbach 1978) zur Hand nehmen und darin blättern. In dieser Anthologie ist sie auch mit Texten vertreten. Wir zitieren: "Es war einmal eine alte Ziege mit sieben Kindern, die aus einem emanzipatorischen Impetus heraus als Parkett-Kosmetikerin in Teilzeitarbeit beschäftigt war und kleine Geißlein infolge des falsch programmierten Gesellschaftssystems täglich für einige Zeit als Schlüsselkinder zurücklassen mußte ... " Dieses abgewandelte Märchen leitet sie u. a. dergestalt ein: "Sie wollen mir gütigst verzeihen, das ich als antiquiertes Kind meines Äons diesen Sie ohne Zweifel aufs Heftigste frustrierenden Wortsalat zu mixen mich erdreistet habe. Ich kann Ihnen versichern, daß ich nach Drucklegung dieser in einer solar-thermischen Beton-Atmosphäre entstandenen ratio-diktierten Produktion mit Freuden wieder zu dem nie versiegenden Zauber ihrer ewig jungen Märchenwelt zurückkehren werde ..." Ein Wort noch zur Herkunft und Entwicklung von I. Röhrig: Nach Besuch des Lyzeums und Erhalt der Mittleren Reife ging sie in die Krankenhauspflege. Später war sie dann in der Jugendfürsorge sozialpädagogisch tätig. Daß sie sich mit Familienbildung befaßte, lag nur auf der Linie ihres Schaffens. Heute übt sie eine ehrenamtliche Tätigkeit in Mütterheimen und Seniorenkreisen aus. Daß sie parallel dazu Glossen, Essays schrieb und schreibt, Vorträge hält und z. B. allmonatlich in "senior", Stuttgart, veröffentlicht, paßt zu ihr wie ihre sprichwörtliche Zurückhaltung und Bescheidenheit.

Extravertierter, um nicht zu schreiben: total geöffnet dem Außen- und Auf-sich-Bezogensein (eine Eigenschaft, die viele schreibende Menschen teilen!), ist URSULA WIEGAND, die unter dem Pseudonym Uschi Sonntag arbeitet. Sie stammt nicht aus Hagen, sondern wurde am 27. 3.1930 in Beuthen/Oberschlesien geboren. Sie war in ihrem Leben (nach dem Besuch der Höheren Töchterschule) DRK-Helferin, Arztsekretärin. belegte ein Fernstudium in Literatur, Philosophie, Psychologie, Anthroposophie, um dann - neben ihrer hausfrauliehen Arbeit -, als Schriftstellerin zu wirken. Die Mutter von fünf Kindern gehört mehreren Autorengemeinschaften in der Bundesrepublik an, befaßt sich mit dem Schreiben von Romanen, Erzählungen, Essays, Gedichten, Kritiken, Aphorismen und philosophischen Abhandlungen. Heute reist sie viel und wird als Vortragende eigener Werke geschätzt. Inzwischen veröffentlichte sie in verschiedenen Verlagen mehr als fünfzehn Bücher. Ihre Stärke liegt wohl in den Fabeln, die sie publizierte. Sie greift darin, unmittelbar an die Tradition anschließend, Themen unserer Zeit auf und stellt sie komprimiert dar, um mittels der Kleinform das Wesentliche auszudrücken.
Von ihr soll hier jedoch ein Gedicht wiedergegeben werden, das die Sehnsucht nach dem Verlorenen widerspiegelt.

IM GHETTO DER GROSSTADT

Einmal noch!
Möchte ich über Wiesen gehen,
die freie Luft atmen
und Feldblumen sehen,
dem Grillenzirpen lauschen.

Einmal noch!
Möcht ich auf Waldwegen gehen,
den Tannenduft atmen
und Farnkräuter sehen,
dem Vogelgezwitscher lauschen.

Einmal noch!
Möcht ich über Landwege gehen,
die klare Nacht einatmen,
und den Sternenhimmel sehen,
dem Käuzchenschrei lauschen.

Einmal noch!
Möchte ich das alles froh erleben,
frei sein im Schaffen, frei im Streben;
vergessen der Mauern, der Alltagslast
unter der Dunstglocke der großen Stadt.

Wenn wir einmal den Begriff "Fremdsprache" ins Spiel bringen, dann sollte in einem Aufsatz wie diesem jene nahezu im Abseits liegende Art des Sprechens nicht fehlen, die wir PLATTDEUTSCH nennen. Gott sei Dank! Offenbar besinnen wir Heutigen uns wieder darauf, die urtümlichen Weisen des Sprechens nicht völlig im Dunkel von Geschichte und des Gestern verschwinden zu lassen. Einer von ihnen, der beiträgt, das alte Gut des Volkes und der angestammten Heimat zu bewahren, ist OTTO VOM ORDE. Er mag so zu Wort kommen:

PLATTDÜTSCH

lek höär et wier,
bat iek verlour'n glowte:
Westfolen dine Sproake.
In die liett Sinn
un Kraft!
Dai nigget Lidwen tüget.
Verloaten
düör de Tiden
büst du nu wier doa;
un met diäm wasse iek.
Mensch bliwen
in'ne Welt
dai nit tau packen es.

Darin ist er sich mit Richard Althaus völlig einig. Beide arbeiten gemeinsam.
Obwohl das Geburtsdatum des in Hagen-Haspe Geborenen und Aufgewachsenen ein wenig karnevalistisch anmutet (11. 11. 1928) hat sein Wesen mehr Ernsthafteres in sich. Vom Orde gehört noch zu der Generation, die geprägt wurde von den Wirkungen des Zweiten Weltkrieges; das heißt: Skepsis und Zurückhaltung bestimmen seinen Charakte ebenso wie eine distanzierte Freundlichkeit Jahrelang war er beim Gartenamt der Stad Hagen als Betriebsgärtner angestellt. Seinen ursprünglichen Beruf - er erlernte das Schneiderhandwerk! - gab er frühzeitig auf. In diesem Sinne können wir von einem Arbeiterdichter sprechen. Ein echter Autodidaktl Seine Lyrik veröffentlicht er unter dem Pseudonym Otto Wilhelm. Was in Hagen wenig' wissen: Seine Gedichte wurden häufig in Österreich publiziert; aber in der hiesigen Heimatpresse fehlt er keineswegs (Sauerländer Zeitung, Heimatkalender etc.). Daß er kluge Sentenzen zu verfassen weiß, sei durch einen Aphorismus erwiesen:

"Reales Denken
ist die Summe
einer Vielzahl
von Begegnungen."

Ein anderer Mann, gleichfalls aus der Welt der Arbeit hervorgegangen, ist RUDI WINKLER. Auch er ein gebürtiger Volmestädter. Nach dem Besuch der Volksschule bildete er sich auf einer Maschinenbauschule weiter, absolvierte die Werkzeugmacherlehre, legte später die Meisterprüfung ab, arbeitete als Schlosser in einem Hagener Betrieb. Der zeitweilige Vorsitzende der Katholischen Arbeiter-Bewegung innerhalb der Pfarrei Eilpe vertrat immer die Belange der werktätigen Menschen. Am 14. 11. 1979 feierte er seinen 60. Geburtstag. Seit kurzem widmet er sich nur noch dem Schreiben. Seine Arbeitsgebiete literarischer Art sind die Erzählung, die Kurzgeschichte, das Gedicht, das Hörspiel, der Vortrag. Bezeichnend für sein Schaffen bleiben die umfassenden Beiträge in vielen Anthologien. So findet man seine Texte u. a. in der "Sammlung Deutscher Arbeiter-Literatur der Gegenwart" (Verlag Der Kreis, 1973). Eine Zeitlang versah er das Amt des Geschäftsfiihrers im "Ruhr-Mark-Autorenkreis". Auch von ihm wollen wir ein Beispiel seines Engagements bringen:

IM STADTPARK

Argwöhnisch über den Brillenrand
glotzen sie dien an,
knirscht der Kies unter deinen Füßen.
Unentwegt drehen sich Stöcke
zwischen schwieligen Händen,
Abseits, in die Ecke gedrückt,
reden sie schleppend bis in den Abend
von früher.
Lichtblick bringt allein die Flasche,
ängstlich versteckt.
Kalte Zigarrenstummel kauend
warten sie auf irgendwas,
warten, daß die Zeit vergeht
und sitzen morgen wieder
auf der gleichen Bank.
Glotzen, raunen, trinken, reden,
warten, daß die Zeit vergeht. .

Von völlig anderem Zuschnitt muten folgende Verse an.

STRANDHAFER

Unscheinbares Gras,
die Wurzeln verkettet,
halten den Sand.

FRAGE UND ANTWORT

"Was macht Ihr denn nur,
Du und das Meer, so allein?"
"Wir horchen uns ab ..."

BEREIT

Nun kannst du kommen,
Winter, ich sträube mich nicht,
mein Haus ist jetzt warm.

ENDLICH

Der Sommer ist da!
Er ist doch noch gekommen,
ich hab' ihn geglaubt.

Hildegard Schallenberg bei einer Lesung im November 2011 in Hagen, Foto:www.lyrikwelt.de (hf1211)Seltsame Beispiele einer dichterischen Kunst, denken Sie? Solche Gedichte werden Haikai (Haikus) genannt. Die Form jener Lyrik stammt aus Japan. Sie besteht jeweils aus fiinf Silben in der ersten, siebenin der zweiten und wiederum fünf in der letzten Zeile. Ein Gedanke, leicht und schnell wie der Strich eines Vogels am geröteten Morgenhimmel, wird festgehalten, verdient Beachtung, erfordert Nachdenklichkeit. Eine Weise des Impressionistischen wird bevorzugt von HILDEGARD SCHALLENBERG (Foto rechts), die freiberuflich als Krankengymnastin in unserer Stadt lebt und wirkt. Ihr Band "Inselgedanken'' - daraus wurden die Verse entnommen - erschien im Jahre 1973. Hildegard Schallenberg gehört nicht zu den Vielschreiberinnen. Texte von ihr sind in einigen Anthologien zu finden, und es wäre wünschenswert, griffe sie erneut zur Feder, um zu sagen, was sie bewegt. Die in Münster Geborene (15. 5. 1921) hält Hagen schon lange für ihre Stadt. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Turn- und Sportlehrerinnen-Ausbildung am Hochschulinstitut für Leibesübungen in Münster. Sodann ließ sie sich zur Krankengymnastin ausbilden. Auch sie gehört seit Jahren zu den "Ruhr-Mark"-Autorinnen.

WERNER SCHAUBE zählt zur jungen Generation. Seine Biographie in Kurzform: Geboren am 8. März 1947 in Hagen. Bereits als Jugendlicher, der erfolgreich die Bankkaufmannslehre nach Mittlerer Reife abgeschlossen hatte, machte sich der "Chef" einer Kabarett- Truppe ("die kniekranken") in unserer Region einen Namen. Dann sattelte er um, studierte zunächst in Paderborn, später in Köln Theologie, Religionspädagogik, Germanistik, schloß mit einem ausgezeichneten Examen ab und arbeitet heute als Studienrat an einer Hagener Berufsschule. Der Vater von drei Kindern ist freier Mitarbeiter des WDR, veröffentlichte im Laufe der letzten Jahre kontinuierlich Texte und Bücher. Mindestens fünfzehn Bände von ihm sind auf dem Markt. Ein außerordentlich begabter Autor, dessen Arbeiten hauptsächlich auf junge Leute oder Wissenschaftler gerichtet sind. Ein kritischer Mann überdies, der sich mit den brennenden Problemen unserer Zeit ständig auseinandersetzt. Überflüssig, zu sagen, daß er scharf pointiert zu schreiben weiß. Auch von ihm eine Kostprobe aus "NEUE TISCHGEBETE"

(DONAUWÖRTH 1976):

IMMER HINEIN

Hoch lebe
der Kühlschrank
und das Eisfach.
Letzte Rettung
gegen allen Kummer:
der weiße Kasten.
Sein leises Summen:
Musik für Unmäßige.
Ein Griff, ein Zug,
beleuchtete Kalorien:
zehntausendfach.
Kein richtiger Hunger,
aber Kühlschrank-Mentalität:
immer hinein.

Rezension I Buchbestellung 0I12 © AMF/LYRIKwelt