Im Gespräch mit Peter Handke von André Müller, 1993, Bibliothek der Provinz

André Müller

Im Gespräch mit Peter Handke
(Leseprobe aus: Im Gespräch mit Peter Handke, 1993, Bibliothek der Provinz).

Das Haus Altenmarkt 6 hat einen kleinen Garten, der in drei Terrassen zu einem steilen Naturweg abfällt. Schon von weitem sehe ich: Handke sitzt in einem grünen Holzstuhl auf der Veranda und hält sein Gesicht in die Sonne. Seine Frau, die Schauspielerin Libgart Schwarz*, hat noch die Lockenwickler im Haar. Sie legt, als sie das Auto kommen hört, hastig ihr Strickzeug weg und läuft in das Haus. Handke kommt mir entgegen. Er hat eine schwarze, schmuddlige Hose an, eine dazupassende Anzugweste, ein buntgemustertes Hemd, grüne Wollsocken, keine Schuhe. Er trägt eine dunkle Brille. Sein Gesicht ist braungebrannt. Von der Nase schält sich die Haut ab. Zur Begrüßung sagt er nur: „Sie sind das also." Dann knöpft er langsam sein Hemd auf, so daß das weiße Leibchen, das er darunter anhat, hervorschaut, und knöpft es, ebenso langsam, sofort wieder zu.
„Wollen Sie etwas trinken? "Aus dem Haus hört man die zweijährige Tochter Amina schreien. Sie wird in den Garten gebracht. Jetzt erst, durch das Geschrei, merke ich, wie still es hier ist. Die Luft ist glasklar. Die wenigen Geräusche, die es hier gibt, prägen sich ein: Vogelgezwitscher, das Lachen und Weinen des Kindes, Zetergeschrei einer Tante von Handke, die im Nachbarhaus wohnt, Böllerschießen, Glockengeläute, ab und zu der Lärm eines vorbeifahrenden Traktors. Handke bringt roten Holundersaft. Wir setzen uns. Er legt die Beine auf die Holzbrüstung, die die Veranda vom Garten abgrenzt. „Sind Sie hier geboren?" frage ich. Er zeigt auf gegenüberliegende Mauerreste, an die ein neues Haus angebaut ist. „Das war das Haus meines Großvaters. Da bin ich geboren." Ich frage, warum er überhaupt hier ist. Er antwortet stockend, leise, monoton, unterbricht sich oft, macht lange Pausen zwischen den Sätzen. „Wir haben keine Wohnung. Von Düsseldorf sind wir weggegangen, und jetzt haben wir irgendwo eine Wohnung gesucht, die wird aber erst im Herbst fertig, bei Frankfurt irgendwo. Für das Kind, weil wir ein kleines Kind haben, hab' ich gedacht, ich geh' zu meiner Mutter inzwischen, bis die Wohnung fertig ist... In Düsseldorf, da haben wir in so einer Straße gewohnt, wo alle Wohnungen ein bißchen ähnlich ausgeschaut haben. Zwei Jahre haben wir nicht dort gewohnt, da war ich zum Teil in Berlin, zum Teil in Paris, und dann ist meine Frau zurückgekommen in die Wohnung, und da war die halt ein bißchen staubig von außen, und die Gardinen sind halt anders gehangen als in den anderen Wohnungen. In den anderen Wohnungen sind sie gerade gehangen, ich weiß nicht..."
Er ruft: „Wie war das, Libgart? Wie war das mit den Gardinen in Düsseldorf?"

Die Frau, die sich mit dem Kind weggesetzt hat, ruft zurück: „Ja, die sind schon hin und wieder gewaschen worden von der Hausmeisterin." „Ja, die waren halt staubig", sagt Handke, „und die Fenster waren halt schmutzig, und da ist halt der Mietvertrag nicht verlängert worden, obwohl wir gerade 4000 Mark reingesteckt hatten, um das Bad zu erneuern, da haben sie uns gekündigt für den 31. Dezember, und das fand ich halt nicht zumutbar, daß man da mitten im Winter noch ausziehen soll, und dann hab' ich halt einen Brief geschrieben, daß ich nicht ausziehen würde bis zum 31. März, und dann haben sie das halt zur Kenntnis genommen." Ich hole meine auf mehrere Zettel aufgeschriebenen Fragen hervor. Es ist eine lange Liste. "Libgart!" ruft Handke noch einmal hinüber. „Sagst, wenn die Amina schreit, gelt?" Aber dann kümmert er sich um die Frau und das Kind nicht mehr. Was war Ihre letzte Arbeit? „Chronik der laufenden Ereignisse, ein Film, den wir in Köln gedreht haben, wo zwei Leute vom Land in die Stadt kommen, um da was zu erleben, eine Allegorie auf die politischen Vorgänge in der Bundesrepublik vor zwei Jahren, personalisiert auf zwei Kinohelden. Der Film fängt an wie ein Kinofilm und verwandelt sich dann in einen Fernsehfilm..."

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