Zweite Liebe von André Müller, 1991, Bibliothek der Provinz

André Müller

Zweite Liebe
(Leseprobe aus: Zweite Liebe, Sieben Geschichten, 1991, Bibliothek der Provinz).

Robert, der sich in der angenehmen Lage befand, keiner geregelten Arbeit nachgehen zu müssen, wußte, seit er die Nächte wieder allein verbrachte, nicht so recht, weshalb er morgens aufstehen sollte. Er sah auf die Armbanduhr, die er wie immer vor dem Einschlafen neben das Bett gelegt hatte. Es war zu früh, um Marion anzurufen. Sonntags schlief sie gewöhnlich länger. Er beschloß, mit dem Anruf so lange zu warten, bis er sicher sein konnte, daß sie ihm, selbst wenn er sie weckte, dies nicht vorwerfen würde. Nachdem er gefrühstückt hatte, machte er den Versuch eines Spaziergangs. Schon die Begegnung mit dem Hausmeister, der einen Kothaufen vom Gehsteig entfernte, veranlaßte ihn umzukehren. Als er die Wohnungstür aufschloß, hörte er das Telefon klingeln.

„Marion, du!"

Er war zu sehr außer Atem, um weiterzusprechen.

„Ich rufe nur an, um dir zu sagen, daß ich dich liebe."

Sie legte auf, ohne sich verabschiedet zu haben. Robert hielt den Hörer ans Ohr, bis der Rhythmus seines Luftholens ruhiger wurde. Die Tür stand noch offen. Er lief aus der Wohnung, die Treppe hinunter. Dem Hausmeister rief er zu, er habe den Autoschlüssel vergessen. Eine Lüge, dachte er, als er am Steuer saß, schmunzelnd, weil er dem Mann Gott weiß was erzählen konnte, ohne seinen Verdacht zu wecken. Mit Marion verband ihn ein exklusives Wahrheitsverhältnis. Nie zuvor hatte er sich einem Menschen so preisgegeben. Er hielt vor ihrem Haus, stellte den Motor ab, blieb aber im Wagen sitzen. Sie hatte nicht gesagt, daß er kommen sollte. Eine Liebeserklärung ist keine Einladung. Er steckte sich eine Zigarette an, behielt das Haustor im Auge. Sie trat heraus in einem roten Kleid, ging an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Im Rückspiegel sah er noch, wie sie in eine Seitenstraße einbog. Seit einiger Zeit weigerte sie sich, mit ihm zusammenzutreffen

Den Grund dafür kannte er nicht, hatte auch nicht danach gefragt. In der Ungewißheit blieb ihm wenigstens Hoffnung. Er rauchte die Zigarette zu Ende, den Blick geistesabwesend auf eine Gruppe von Knaben gerichtet, die auf einem Rasenstück Fußball spielten. Vielleicht ist sie es gar nicht gewesen, dachte er, vielleicht eine Sinnestäuschung. Er wünschte, daß etwas geschähe, wodurch seine Erinnerung ausgelöscht würde. Da schoß einer der Jungen den Ball über das Trottoir auf die Straße. Ein anderer lief hinterher, wurde von einem Auto erfaßt und zu Boden geworfen. Robert hörte den dumpfen Aufprall. Passanten umringten die Unfallstelle. Er drückte die Zigarette aus und verließ fluchtartig den Schauplatz. In seinem Kopf fügten sich die Ereignisse wie die Indizien eines Verbrechens zu einem noch unvollständigen Ganzen, nach dessen fehlenden Teilen er sich auf die Suche machte.

Marion rief am frühen Nachmittag wieder an, erzählte, sie sei mit einer Freundin in der Alten Pinakothek gewesen, zum erstenmal, wie sie zu ihrer Schande gestehen müsse. In Madrid würde sie sofort den Prado besuchen, in Florenz die Uffizien, aber in der Stadt, in der man zu Hause sei, gehe man nie ins Museum, weil man denke, es jederzeit tun zu können. Robert versuchte sich vorzustellen, wie sie aussah. Sein Gedächtnis erzeugte ein Bild, das in ihm, so sehr es der Wirklichkeit auch entsprechen mochte, keine Gefühle hervorrief. Er ging mit dem Telefon in der Hand, die Telefonschnur hinter sich herziehend, zum Schreibtisch, entnahm der obersten Lade eine Fotografie, die Marion mit Sonnenhut in südlicher Landschaft zeigte. Zwar kehrten beim Betrachten des Fotos die alten Empfindungen wieder, doch gelang es ihm nicht, sie mit der Frau, deren Stimme er hörte, in Verbindung zu bringen.

„Du erzählst gar nichts von dir", sagte sie, und da er schwieg: „Weißt du übrigens, daß du mir heute einen Moment lang gefehlt hast? Ich hatte vor diesen Bildern plötzlich den Wunsch, dich an meiner Seite zu haben. Ich wollte dich spüren. Du kannst es auch Sehnsucht nennen."

„Es war wohl der falsche Moment", sagte Robert.

Marion lachte.

„Du hast deinen Humor nicht verloren."

Sie verabschiedeten sich mit den üblichen Floskeln. Robert ergänzte seine Indizienkette. Alles deutete auf ein Spiel hin, das er nicht durchschaute. Er schaltete den Fernsehapparat ein, ließ aber den Ton weg. Auf dem Bildschirm erschien ein bekannter Schauspieler, der ein gekochtes Ei in die Luft warf, anschließend in eine Wurst biß, sich mit einer bis zur Hüfte entblößten Frau unterhaltend, die auf einem Stuhl saß. Auch das scheinbar Zufällige konnte Bedeutung haben. Der Schauspieler sagte etwas, das die Frau in Staunen versetzte. Sie starrte ihn fassungslos an, sprang dann auf und lief aus dem Zimmer, wobei ihre Nacktheit, die vorher reizvoll gewesen war, abstoßend wirkte. Robert schaltete auf ein anderes Programm um. Sein Blick durchstreifte, der Kamera folgend, die Elendsviertel einer afrikanischen Großstadt, drang in die Behausungen ein, wo sich die Menschen wie lichtscheues Getier in die Ecken drückten. Obwohl das, was der Fernsehfilm zeigte, außerhalb dessen lag, was er jemals erleben würde, empfand er keinen Unterschied zu der vorigen Szene. Er drehte den Ton auf. Ein Sprecher berichtete über das Ausmaß der Not, indem er Zahlen nannte. Soundsoviele Menschen lebten auf soundsoviel Quadratmetern am Rande des Hungertods. Soundsoviele starben im Durchschnitt täglich.

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