Der Blick
(Leseprobe aus: Wohin auch immer, Erzählungen, 2009,
Haymon).
Vorhin sind die beiden gegangen, einer hat sich noch einmal umgedreht und mir einen Blick über die Schulter zugeworfen.
Der Himmel war weit weg, hatte sich blassblau zurückgezogen, einige Schneeflocken segelten in der Luft, und eine zerging auf dem grauen Schulterstoff des Mannes, genau in dem Moment, als ich aufschaute und sein Blick mich traf.
Dann strich sich der Gendarm über den kahlen Kopf, setzte seine Mütze wieder auf und wandte sich endgültig um.
Ich sah, wie sie über den knirschenden Kiesweg zum Auto gingen.
Der, der mir den Blick zugeworfen hatte, ging ein wenig steif hinter dem Größeren her, und als sie die Straße hinunterfuhren, bemerkte ich, wie die Kälte an meinen nackten Beinen hinaufkroch, an der Innenseite des Nachthemds entlang, und wie dünn mein Bademantel war.
Ich schloß die Tür, sie schnappte ein mit einem Knacken, lauter als sonst. Wie lange ich im Stiegenhaus herumgestanden bin, weiß ich nicht mehr, ich stand einfach da und rührte mich nicht, und alles war still.
Irgendwann ist mir dann so kalt geworden, daß meine Beine von allein die Treppe hinaufgingen, ein wenig schleppend zwar, aber zielgerichtet, wie es mir oft im Traum passiert, und bald stand ich im Schlafzimmer vor dem offenen Schrank und starrte auf die Pullover und Jacken, und im Spiegel, der bis zum Boden reicht, sah ich etwas Graues, Unförmiges aus dem Nachthemd ragen.
Das Graue waren meine Beine, sie wuchsen zwischen zipfeligem Stoff hervor, und ich überlegte ohne Ergebnis, wann ich begonnen hatte, zipfelige, verwaschene Nachthemden zu tragen.
Mein Blick blieb an den Blumen hängen, die sich in meiner Bauchgegend sammelten.
Plötzlich wurde mir schlecht, so vom Bauch aus, der mir unter dem Stoff wie ein Grab vorkam, auf dem sich Blumen sammeln, und dann gingen meine Beine rasch mit mir ins Bad, meine Hände zogen mir das Hemd über den Kopf, die Beine stiegen in die Dusche mit mir, und endlich spürte ich den warmen Strahl.
Bevor die Gendarmen gekommen waren, hatte das Telefon geläutet.
Ich wartete eine Weile im Dunkeln, bis mein Herz nicht mehr hüpfte, und ich sicher sein konnte, daß das Telefon wirklich läutete und nicht nur irgendetwas in meinem Kopf.
Ich komme, sobald ich den Jungen in die Schule gebracht habe, sagte Mia durchs Telefon, halt durch.
Ich überlegte, wieviel Zeit bis dahin verginge und sah, daß die Schubläden im Wohnzimmerschrank nicht ordentlich geschlossen waren, was mich in diesem Moment etwas beunruhigte. Ich stand auf, drückte sie zu und dachte an das Glück, das ich mit Mia habe.
Leider konnte sie nicht verhindern, daß es später an der Tür läutete, und die Gendarmen draußen standen, ich sah ihre verzerrten Schatten durch das Milchglas, sie drehten ihre Mützen in den Händen, und der Kleinere strich sich über den kahlen Kopf.
Ich hatte keine Möglichkeit, nicht da zu sein, ich stand im Stiegenhaus, und die Gendarmen drückten auf die Klingel, weil sie wußten, daß ich hier bin, irgendwer hatte sie angerufen, vom Krankenhaus aus vermutlich, das ist in solchen Fällen üblich, das hätte ich jetzt fast wieder vergessen, sie konnten sich ihrer Sache also absolut sicher sein.
Halt. Du mußt dich beruhigen, komm, leg dich ein wenig hin, denk an gar nichts, würde Mia jetzt sagen, wenn sie Ephraim schon in die Schule gebracht hätte und endlich hier wäre.
Schon geht mein Atem ruhiger.
Vor den Fenstern hat sich der Schneefall verstärkt, es ist April, dicke Flocken fliegen ums Haus.
Wenn es schneit, kommt die Kinderzeit zurück, zurück, das sang unsere Großmutter, weißt du noch, sagte Mia vor kurzem, das war die, die wir beide mochten.
Aber doch nicht im April, so viel Schnee.
Ich gehe von Fenster zu Fenster, sehe hinaus in die Watte, die das Haus, die Bäume, den Garten schluckt. Ich muß für die Vögel Futter kaufen, denke ich, später.
Ich lege die Stirn an die Fensterscheibe. Am Fensterbrett draußen verhaken sich Kristalle, einen Atemzug lang sind ihre zarten Verästelungen zu sehen.
Als wir Kinder waren, wuchsen Eisblumen an den Fenstern, wütend kratzte ich sie weg, ich wollte hinaussehen können, ich kam mir wie lebendig begraben vor, das ist doch schön, rief Mia, laß das doch.
Das Schneetreiben nimmt zu, es beginnt mir zu gefallen, aber nun fällt mir ein, daß ich die Handtasche noch verstecken muß, ich habe sie im Vorhaus abgestellt oder vielleicht auf der Treppe.
Ich gehe ins Vorhaus, aber da ist sie nicht, und auf der Treppe liegt sie auch nicht, macht nichts, ich werde sie schon finden, es ist noch Zeit.
Jetzt ist draußen alles weiß, es könnte sein, daß der Wagen von Mia nicht anspringen oder der Schneepflug erst am späten Vormittag fahren wird, vielleicht hat sie auch schon Sommerreifen drauf.
Wenn das so weitergeht mit dem Schnee, kommt sie vielleicht den Hügel nicht herauf, unser abgelegenes Haus vergessen die von der Gemeinde immer, immerzu.
Die Kaffeemaschine faucht, ich gieße mir Kaffee in die Tasse ein, huste und trinke.
So eine Stille.
Ein Knopfdruck.
Die islamischen Terroristen drohen weiterhin mit Erschießung aller Geiseln. Kursstürze. Warten, essen, ein paar Tabletten schlucken.
Die Ölpest weitet sich immer mehr aus, mal sehen, ob hinten in der Garage noch immer das Vogelhaus steht, die Wirtschaft erwartet gute Prognosen, Entschädigungszahlungen am Rande des Scheiterns, ich streiche Butter, lege Käsestücke aufs Brot, Niederschläge.
Ich schalte die Werbung ab, schlucke die Brotbissen hinunter. Neben der Kaffeemaschine liegt die offene Packung, ich drücke den Daumen gegen die Klarsichtfolie.
Diese Misttabletten, würde Mia sofort sagen und sie mir wegnehmen wollen, und ich würde lachen, weil sie einen Vogel hat mit ihrem Wettern gegen die Schulmedizin, und sie vor ihren Augen hinunterspülen, so wie jetzt.
Später, wenn sie gekommen sein wird, wird sie mich anschauen mit diesen Fragezeichen in den Augen, und dann wird sie mir das Bad einlassen oder mich massieren oder sagen, komm, wir gehen schwimmen, Punkt und keine Widerrede, jetzt ist Erholung angesagt.
Wenn ich mich dann richtig gut erholt haben werde, werden wir vielleicht über meine Söhne reden. Mia fragt mich nicht oft nach meinen Söhnen, sie fragt mich alle paar Monate wie nebenbei, und ich sage immer, es ginge ihnen prächtig.
Meine prächtigen Söhne.
Einmal hat Thomas mich beim Wiedersehen so umarmt, daß er mir die unterste linke Rippe brach, wir hörten beide dieses starke Knacken, er lachte, ich sah seine weißen Zähne, er trat einen Schritt zurück, lachte mir seinen Unglauben ins Gesicht.
Er hatte nicht begriffen, daß dieser Bruch zu meinem Körper gehörte und nicht zu seinem.
Von Fenster zu Fenster wandere ich, es ist acht Uhr fünf.
Vor zehn Minuten hat Mia Ephraim in die Schule gebracht, jetzt sitzt sie im Auto auf dem Weg zu mir, da bin ich mir sicher. Wir sind beide pünktlich und ordentlich, wir zwei Schwestern, wenn uns etwas wichtig ist, da kennen wir nichts. Sie braucht zwanzig Minuten hierher, unterwegs wird sie keine Besorgungen machen, nicht zum Arzt gehen und nicht in den Supermarkt, sie weiß, worauf es ankommt, es kommt auf die Schneelage an und auf die Reifen, und ob sie unten im Ort schon den Schneepflug haben fahren lassen, die von der Gemeinde, diese Ignoranten, diese Schneeverbrecher.
Ich schalte das Radio wieder ein, aber es hat sich in der Welt nichts geändert.
Später, wenn es zu schneien aufgehört haben wird, werde ich das Vogelhaus holen und die Körner, die irgendwo noch herumliegen.
Die Vögel kommen dann zu Hunderten, aus allen Himmelsrichtungen, als hätten sie nur auf den Aprilschnee gewartet, damit sie sich hier im Garten vergnügen können, hier bei mir.
Auch die Kinder mochten die Vögel im Schnee, ich sehe sie noch mit den Armen fuchteln und einen Namen rufen, Max, ja, Max hieß jeder Vogel, komm jetzt endlich her, Max, rief Jonas, und Thomas lachte über den kleinen Bruder.
Jonas verlangte immer, daß ich ihm Geschichten erzähle, er rollte sich als kleines Kind auf meinem Schoß zusammen, er steckte seinen Kopf zwischen meine Beine, als wolle er kopfüber zurückkriechen in meinen Bauch, mit verwunderten Augen sah er mich an.
Ich aber schüttelte den Kopf und lachte.
Es ist so still hier, nur die Heizung summt ein wenig, Thomas und Jonas, manchmal betrachte ich ihre Kinderfotos und summe die Lieder, die ich ihnen vorgesungen habe, von ihrem ersten Lebenstag an habe ich ihnen vorgesungen, alles, was mir einfiel, einfach drauflos.
Mitten im Singen fielen mir die Melodien und Sätze ein, und je lauter ich sang, desto schneller schliefen die beiden ein.
Es ist acht Uhr sieben, ich blättere die Fernsehzeitschriften durch, notiere mir genau meine Serien, heute wird Betty von Tom verlassen, das war gestern schon abzusehen, aber sie ist eine Durchtriebene und hat schon vorgesorgt.
Mia gefällt das nicht so sehr, ist mein Eindruck, sie wird lächeln, wenn sie kommt, und ihre Haare werden dabei glänzen, frisch und falsch, ich glaube, sie will mich von meinen Serien abhalten, sie kommt oft am Nachmittag hereingeschneit, sie sieht mich an, als würde sie mir eine Hausputzaktion vorschlagen wollen oder sie seufzt betont laut, ich sitze mit meiner Fernbedienung da und denke, na und.
Gewöhnlich will sie mich zum Spazierengehen schleppen oder ins Café, aber das ist mir zu voll, die Menschen vom Ort unten mit ihren neugierigen Nasen und roten Wangen, wie sie mir ihren Rauch entgegenblasen, und die Kellnerin lächelt so schief.
Aber das ist doch schon fünf Jahre her, ruft Mia, es gibt doch längst eine andere Kellnerin, und viele Leute kennen dich schon nicht mehr, und außerdem mußt du wieder einmal raus, raus hier, raus.
Ich muß gar nichts, sage ich dann, der Mensch muß gar nichts, außer sterben, Mia schiebt ihre Unterlippe vor, sie bläst den Atem heraus, es wirkt nicht besonders vorteilhaft, sie stützt sich auf die Sessellehne mit beiden Armen, ich sehe die weißen Knöchel auf ihren Handrücken, und schließlich sagt sie, mir zuliebe, bitte.
Ihr zuliebe gehe ich also hin und wieder spazieren, wir suchen uns abgelegene Waldwege, auch ins Schwimmbad gehe ich mit ihr, aber nicht in das vom Ort, sondern in dasjenige fünfundzwanzig Kilometer weiter in der nächstgrößeren Stadt, wo ich niemanden kenne und niemand sieht, daß ich zugenommen habe oder abgenommen oder zehn oder zwanzig Jahre älter geworden bin.
Manchmal werden wir angesprochen, wenn wir auf unseren Liegen plaudern im Ruheraum, wir sind freundlich, das heißt, Mia plaudert dann weiter, und ich blättere in den Zeitschriften herum.
Ich liege gerne an der Fensterwand, sehe in die Landschaft hinaus, nichts, sage ich, wenn Mia sich vorbeugt und, woran denkst du, fragt.
Manchmal spricht uns ein Mann an, das heißt, Mia wird angesprochen, und ich sehe ihre blitzenden Augen, wenn er ihr gefällt, sie bewegt ihre Hände schnell in der Luft, damit er sehen kann, wie schön sie geraten sind, und wenn wir nach Hause fahren, sage ich, naaa, und Mia sagt, ach, was weiß man denn schon.
Ab und zu meldet sich ein Mann, wenn ich bei ihr anrufe, aber es ist nie lange ein und dieselbe Stimme, dafür habe ich ein feines Gehör, Ephraim freut sich, wenn ein Freund mit ihm spielt, sagt Mia, wenn ich sage, paß auf das Kind auf, du weißt, wie schnell sowas geht.
Sie tut dann immer, als wäre die Verbindung schlecht, Hallo, ruft sie, Hallo, kannst du mich hören, dabei ist die Verbindung immer hervorragend, ich höre das glucksende Lachen von Ephraim und das tiefere Lachen von dem neuen Mann.
Es ist acht Uhr zehn, ich räume das Kaffeegeschirr in den Geschirrspüler, später werde ich waschen und trocknen, Schnee schaufeln werde ich, damit niemand ausrutscht vor meinem Haus, denn da würde ich mich strafbar machen, falls wer vorbeigehen würde, was ja durchaus einmal vorkommen kann.
Mia geht immer unten herum, sie steigt nicht die Treppen herauf, sie kommt durch das Gartentor und nimmt gleich die Post mit, wenn welche da ist.
Manchmal sind früher Einladungen für mich zu Geburtstagsessen oder Hausumbaufeiern gekommen, wie schön, sagte Mia, aber ich wußte genau, was dahintersteckte, es war ein Komplott, es waren Bekannte von ihr, ladet doch meine Schwester ein, hatte sie ihnen gesagt, wahrscheinlich, aber das war dann auch schnell wieder vorbei.
Ich schüttle das Bett auf, zupfe die Überdecke zurecht, schließe den Kleiderkasten. Im Spiegel ist etwas Verwischtes in hellen Farben, ich trage gerne Pastell.
Schwarz ist scheußlich, das steht dir nicht, fanden auch Thomas und Jonas, sie schenkten mir einmal eine Seidenbluse in Beige, zu Weihnachten, glaube ich, ich bin mir nicht mehr sicher. Sie ist viel zu schade, sie liegt in Papier gehüllt im Kasten, manchmal streiche ich darüber, das knistert so fein.
Es ist acht Uhr fünfzehn, wenn es nicht immer noch schneien würde, könnte ich jetzt ganz sicher sein, daß Mias Kopf gleich am Fenster auftauchen wird, ihr Lachen werde ich hören durch die Glasscheibe, ihr Klopfen an der Tür.
Ich werde ihr öffnen, ihr Blick wird über mein Gesicht streifen, über jede Falte und Pore, denn deine Haut erzählt mir, wie es dir geht, hat sie einmal gesagt, auch wenn du dich verstecken willst vor mir.
Ich will mich gar nicht vor ihr verstecken, das sieht sie völlig falsch, aber dann wird sie SoeinWettersoeinSchnee rufen und sich schütteln im Stiegenhaus, JetztmacheichdirsoeinenDreck, wird sie rufen, und ich, AchichhabejaZeit.
Vorher muß ich aber jetzt wirklich die Handtasche finden, damit Mia sie nicht findet, und einen Schrei ausstößt, dada, da ist ja meine Handtasche, meine Handtasche, die ich vor so langer Zeit, um Himmelswillen, wie kommt meine Handtasche, wie kommt die hierher, ich kann mir ihr Gestammel gut vorstellen, das Blasswerden und Herumheulen, und was dann alles besprochen werden müßte, und deswegen muß die Handtasche gefunden und versteckt werden.
Ich gehe durch die Zimmer des Hauses, von einem zum nächsten, ich sehe überall nach, wische hier ein wenig, rücke da zurecht, ich bin vergeßlich geworden, die Handtasche kann doch nicht einfach verschwunden sein in diesem kleinen Haus, das aber zu groß ist für eine Person, wie ich gehört habe.
Ich habe es von den Leuten gehört, sie tuschelten, als ich vor langer Zeit im Ort unten an der Supermarktkasse gewartet habe, und in der Apotheke habe ich es erneut gehört, dann auf der Straße, aber das ist auch schon wieder sehr lange her.
Ich gieße die Pflanzen, ich muß überlegen, das Wasser schwappt über die Tellerränder, tropft mir auf die Zehen.
Ich setze mich auf den Boden und wärme meine Füsse am Heizkörper.
Wenn Mia nicht bald auftaucht, werde ich wieder graue Beine bekommen und die Gendarmen ihre Mützen in den Händen drehen und unten an der Haustür läuten.
Wovor fürchtest du dich am meisten, hat Mia einmal gefragt, als ich auf der Couch lag und sie meine Hand hielt.
Ich mußte nicht lange nachdenken, eigentlich habe ich keine Sekunde über diese Frage nachgedacht, ich war selbst ein wenig erstaunt, wie aus meinem Mund die Antwort sprang, direkt hinein in Mias bemühtes Gesicht.
Am meisten fürchte ich mich vor dem Blick des Kahlköpfigen, warum, fragte Mia, den mußt du vergessen, sagte sie, du mußt den Blick vergessen, den bildest du dir sicher ein, diesen Blick.
Ich stehe auf, sehe durchs Fenster, jetzt kann man sich das gar nicht vorstellen, daß draußen schon Krokusse stehen, Märzenbecher, Frühlingsknotenblumen, die werden alle erfrieren und später werden die Maulwurfshügel zu sehen sein, die natürlich auch.
Unsere Großmutter hat es immer mit Gas gemacht, ich erinnerte mich daran in dem Sommer, als sie plötzlich anfingen, den Garten zu versauen mit ihren kleinen braunen Grabhügeln, ich machs wie Großmutter, sagte ich zu Mia, wie die, die wir beide immer mochten.
Acht Uhr zwanzig.
Schaff dir doch einen Hund an, schlägt Mia immer wieder vor, oder wenigstens einen Vogel, damit du etwas Lebendiges im Haus hast, meinst du nicht.
Nein, nein, sage ich dann immer, ich habe doch die Vögel draußen, und ab und zu springen Hasen oder Rehe durch den Garten, oder eine Katze streicht vorbei. Ich sehe ihnen zu, sie brauchen keine Hilfe, und ich, ich freue mich.
Nein, die Tiere in Gefangenschaft, das ist doch nichts, frei müssen Tiere sein, sich bewegen können, das Schlimmste war, als ich das letzte Mal im Zoo war mit Mia und Ephraim. Die Fahrt dahin war halbwegs erträglich trotz Hitze und Staus, aber als ich die ersten Panther hinter den Gitterstäben herumschleichen gesehen habe, hin und her und hin und her, wie ein aufgezogenes Spielzeug, da habe ich gesagt, nein, ich gehe keinen Schritt weiter, ihr könnt machen, was ihr wollt, aber ohne mich.
Ephraim begann zu heulen, er war noch sehr klein damals, er dachte, die Tiere wären krank oder ich, und Mia wurde ganz grün im Gesicht, ich setzte mich auf eine Bank, sie zog mit dem Kleinen zum Eisstand ab.
Manchmal spricht Mia von unseren Eltern, und ich frage, möchtest du heute Tee oder Kaffee.
Meistens liegt draußen Schnee, wenn Mia von unseren Eltern spricht, bei Schnee fallen ihr am ehesten die Eltern ein, aber der Schnee hat nichts zu tun mit ihnen, sie starben beide im Grün und im herrlichsten Sonnenschein.
Die Handtasche könnte im Schlafzimmer sein, vielleicht habe ich sie einfach in eine Schublade gesteckt oder zwischen die Pullover, mal sehen.
Ich strecke die Hand aus nach der Schachtel mit der Bluse, das Seidenpapier knistert, und plötzlich knistert ein Satz in meinem Ohr.
So ein Kind müßte man eigentlich gleich umbringen, jetzt rauscht es wie bei einer gestörten Telefonleitung, ich bleibe vor der offenen Tür stehen und lege die Hand aufs Ohr, ja das ist die Stimme von Thomas, er sagte diesen Satz, als er noch hier lebte, das war, bevor er nach Amerika ging und seinen Erfolg machte, er sagte, mein Vater hätte diesen Satz gesagt, als die kleine Kusine damals auf die Welt gekommen war, ein klebriger Maulwurf, etwas schwer Behindertes, wir haben alle genickt damals, sagte Thomas, du auch, Mama, du kannst doch nicht immer alles vergessen, erinnere dich doch, ich selbst war ja erst zwölf, sagte Thomas, wir haben das alle richtig gefunden, keiner von uns, niemand sagte, Opa, was redest du denn da.
Willst du ein Bier haben, fragte ich Thomas damals, als er sich an die kleine Kusine und den Opa und uns alle erinnerte, ich hab schönes Bier eingekauft, wir zwei standen um den Kühlschrank herum, Thomas sah mich an, es war so ein Blick, ich drehte den Kopf zur Seite, und als ich ihn wieder in Richtung Tür drehte, war kein Thomas mehr da.
Acht Uhr dreißig.
Er hat es nicht so gemeint, sagte Mia später, als Thomas mir schon längst durch die Glasscheibe am Flughafen zugewunken hatte, das ist eine ganz gesunde Rebellion, er muß gegen die Familie sein, in seinem Alter, sonst wäre er doch nicht normal.
Jaja, sagte ich, jaja, und dann dachte ich an Jonas, und Jonas kam abends nach Hause und sagte, danke, aber er würde fasten.
Der Sekundenzeiger knarzt, wenn man in der Nähe der Uhr steht, ich horche, aber nichts rührt sich sonst, nichts innen und außen, und lautlos legt sich der Schnee ums Haus.
Wo die Handtasche ist, weiß ich noch immer nicht, aber wenn ich sie nicht sehe, wird Mia sie auch nicht sehen, warum ist mir dieser Gedanke bisher nicht gekommen, bei diesem Gedanken fühle ich mich plötzlich leicht und frei.
Meine Füsse machen einige Schritte über den Teppichboden, als würden sie abheben wollen, vor den Fotos auf der Kommode bleiben sie aber stehen.
Später mußte ich ja einsehen, daß ich mich getäuscht hatte, Jonas kam nach Hause und hatte leuchtende Augen, die hätte er von Gott geschenkt bekommen, sagte er, ich dachte, das würde sich schon wieder geben, der Junge muß Phasen durchmachen, aber die Erleuchtungs-Phase blieb.
Auch Mia war so jung damals, mit frechen Beinen, sie hob das Glas, rollte die Augen, als ich sagte, ich könnte noch ein drittes Kind bekommen, etwas Kleines, Süßes, es würde erst erwachsen sein, wenn ich schon sehr alt wäre, und was sagt Josef dazu, fragte Mia, zupfte den Rock über die Schenkel und verschluckte sich.
Ja, es stimmt, Josef ging damals im Haus umher wie ein Gespenst, er kam nachts und schlief im anderen Zimmer, morgens ging die Spülung, später sprangen draußen die Kieselsteine von den Reifen. Josef stieg aufs Gaspedal, als könnte er nicht schnell genug vom Haus wegkommen, er raste in die Firma, die Firma war das Leben, was willst du, sagte er, ohne Firma kein Haus, kein Wohlstand, er hatte ja recht.
Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod, habe ich einmal in einem Kulturbericht gehört, ich wollte den Satz vergessen, aber der Satz hat mich nicht vergessen, du darfst das alles nicht so ernst nehmen, kreischte Mia, als ich bald darauf die Josefshand zwischen ihren Beinen entdeckte.
Ich gehe aus dem Schlafzimmer, übersehe den Staub auf dem Treppengeländer, heute werde ich großzügig sein, ganz ruhig bleiben, ich öffne die Tür zum Kinderzimmer, das ist der wärmste Raum.
Na, singst du schon wieder, sagt Mia manchmal, wenn sie mich hier findet, und mein Kopf wird rot, weil ich gar nicht bemerke, wenn ich Ein Männlein steht im Walde singe oder Ich weiß nicht, was soll es bedeuten.
Mein Fuß stößt an den Bagger am Boden, die übrigen Autos liegen verstreut, die Teddybären glotzen, zwei Hasen grinsen.
Aber auch sie wissen nicht, wo ich die Handtasche versteckt habe.
An manchen Tagen sagt Mia, komm, gehen wir zum Friedhof, die Bewegung tut uns gut. Wenn wir durchs Friedhofstor gehen, denke ich mir immer, es ist ja gar nicht so schlimm, die Gräber sehen aus wie Beete, die Steine sind kühl, es ist endlich einmal so richtig still.
Zuerst gehen wir immer zu den Eltern, sie haben ein prächtiges Grab, bunte Blumen, Lichter, Mia ist eine begabte Gärtnerin, und wenn ich das sage, wackelt sie mit dem Kopf.
Wir unterhalten uns über die Mühe, die es ihr bereitet, neben Ephraim, Büro und Haushalt noch die Gräber zu pflegen, ich nicke und stecke ihr Geld zu, das ich später wieder in einem Topf oder in der Obstschale finden werde, dann gehen wir weiter in die nächste Reihe.
Auch das Grab ganz hinten ist gut bepflanzt, wenn auch nicht so üppig, Josef wäre auch für Schlichtheit gewesen, sagt Mia immer, und da hat sie recht.
Ich stehe dann am Grab, Mia zündet die Kerzen an, mir ist zu warm oder zu kalt mittlerweile, je nach Wetterlage, ich hauche in die Hände oder ziehe mir die Jacke aus, tja, sagt Mia, dann wollen wir wieder, nicht.
Dann wollen wir wieder, sagte ich damals zu Josef, wir wollen wieder zusammen sein, nicht wahr Josef, du vergißt Mia, ich vergesse, was sie getan hat, was ihr getan habt, ich vergesse alles, wir sind wieder eine Familie, auch wenn Thomas dich einen Versager nennt, weil du dich nie gewehrt hast gegen meinen und deinen Vater, und Jonas sagte gar nichts, er schlug das Kreuz.
Damals ging Josef wieder im Haus umher, ab und zu stand er in der Tür zu meinem Zimmer, das früher unser Schlafzimmer gewesen war, er hatte so eine scheue Art, in der Tür zu stehen, die Kieselsteine sprangen nicht mehr so streng von den Reifen weg, über dieses und jenes sprachen wir, über dieses und jenes nicht, und Mia wurde schwanger von einem neuen Mann.
Aus Amerika kamen Karten, Jonas bekam einen Auftrag von Gott, er mußte nach Indien, in die Mongolei, in der Firma häuften sich Probleme, jetzt haben wir nur noch uns beide, lachte ich.
Josef lachte auch und gab Gas.
Die Uhr im Kinderzimmer ist stehengeblieben, aber ich bin sicher, daß Mia jetzt gleich kommen wird, jetzt ist auch der Himmel heller geworden, vor dem Fenster bewegen sich nur mehr vereinzelte Flocken, wie in Zeitlupe, so langsam, als würden sie niemals unten ankommen wollen, bald werden die Straßen frei sein, ich höre mich singen, es läutet, das Singen bleibt in der Luft hängen, es läutet, ich weiß, was es bedeutet, ich wußte es schon damals, was es bedeutet, ich werde nach unten gehen, ich habe mein Nachthemd an, ich habe wirre Haare, es ist früher Morgen, durch die Milchglastür sehe ich die verzerrten Schatten der Gendarmen, ich werde ihnen öffnen, sie werden mir in die Augen sehen und nicht in die Augen sehen, weiter unten wird ein Mund sich öffnen, der von dem Größeren, er wird die Mütze in der Hand drehen, von einem Unfall oder einem Selbstmord sprechen, von Leidtun und trauriger Pflicht, der Kleinere wird über seinen kahlen Kopf streichen, ich werde sie und mich in der Kälte stehen lassen, ich werde hören, daß Josef gegen einen Baum gefahren ist, daß man alles untersuchen müsse, daß noch kein Ergebnis vorliege, daß meine Schwester bald kommen werde, ob ich jetzt allein sein könne, ob ich diese Handtasche kenne, die meiner Schwester zu gehören scheine, sie sei im Auto gelegen, am Beifahrersitz eingeklemmt, daher zerbeult, ihr Inhalt weise sie als die und die aus, ja, das stimmt, werde ich sagen, gehen Sie nur, alles stimmt, ich werde sehen, wie sich der Himmel blassblau zurückziehen und der eine sich noch einmal umdrehen wird, genau in dem Moment, in dem eine Schneeflocke auf seiner grauen Schulter zergehen wird, und sein Blick mich trifft.
Rezension I Buchbestellung I home II09 LYRIKwelt © B.M.-W.