Till Müller-Klug

Die Gedankensenderin
(manisch-suggestiver Monolog)

Ich denke an dich. 

Ich kann dich sehen. 

Jetzt, wie du über die Kreuzung läufst, Hände in den Taschen, Schultern hochgezogen, Blick auf den Asphalt, dir ist kalt. Du presst die Lippen aufeinander und gehst schneller, vorbei an der Tankstelle, vorbei am Elektronik An- und Verkauf, drei, vierhundert Meter noch zum Haus, du schiebst die Hände tiefer in die Jacke, die Uhr, die Uhr, die Uhr, die Armbanduhr.

Ich denke an dich. 

Deine schwarze Casio. Da, nun hast du die linke Faust aus der Tasche gezogen, Autoscheinwerfer blitzen über die Anzeige, du ziehst die Augenbrauen zusammen und liest die grünlich schimmernde Zahl, irgendeine Zeit, deine, nicht meine Zeit, denn alle Uhren, die du anschaust, sagen dir seit Monaten dasselbe: beim nächsten Ton ist es ... verdammt spät, und jetzt, wo du die Hand zurück in die Jacke stößt, hat es dich wieder eingeholt, dieses Gefühl, diesmal könnte es später sein, zu spät.

Ich denke an dich. Jetzt, wo du vor der Haustür stehst, den Schlüssel in das Schloss schiebst, umdrehst - bestimmt hast du dir etwas ausgedacht, eine kleine Rede, eine Handvoll passender Worte, die du mir oben überreichen kannst, falls ich da bin, ein linderndes Mitbringsel. Der Diplomat in dir schiebt Überstunden, bastelt an einer neuen Deeskalationsstrategie, es gibt für alles eine Lösung, versetzt man sich nur in die Lage des anderen, GENAU DAS TUE ICH, hocke mitten in dir drin und hier wimmelt es von Lösungen, die sind tatsächlich in der Überzahl, da kommt kein Problem gegen an, selbst ich nicht. Erster Stock. Die halbe Treppe. Das ist keine Frage von sauberer Bruchrechnung. Zweiter Stock. Das kennt kein Ergebnis, das sehnt sich nach Erlösung. 

Dritter Stock. Jetzt fühle ich mich ganz nah bei dir. Deine Hand, wie sie in die Jackentasche fährt, nach dem Schlüsselbund tastet, zurückzuckt, als hätte sie sich am Metall verbrannt, etwas hält dich davon ab, unsere Tür zu öffnen, es ist die Klingel. Du weißt nicht, ob ich da bin. Behutsam drückst du den Knopf und lässt gleich wieder los, falls ich schlafe, willst du mich nicht wecken, du horchst nach einer Antwort, hörst den eigenen Atem vier, fünfmal ein- und ausströmen, dann schließt du auf und trittst über die Schwelle. Griff nach rechts zum Lichtschalter und leiser Fluch, als es dunkel bleibt. 

Sieben, acht Zeitlupenschritte durch den lichtleeren Raum auf die Küche zu. Griff nach links zum Schalter, diesmal erfolgreich. Blick zurück in den Flur, auf die hässliche Deckenlampe aus Tropfenglas, zählebiges Relikt der Vormieter, Blick auf die darin sichtbare Glühbirne, die nicht mehr glühen will, von der du glaubst, sie sei durchgebrannt. Kurzer Gedanke, hier und jetzt die Leiter zu holen und die Birne zu wechseln, aber der Hausmeister in dir hat schon Feierabend, oder? Der Hausmeister in dir zögert. Geht in Gedanken die Elektro-Bestände durch. Doch, da könnte noch eine Hunderter dabei sein, der Hausmeister in dir macht mobil, schickt dich durch die Küche in die Abstellkammer, suchend fährst du mit dem Zeigefinger über die staubigen Kanten der Metallregale, vorbei an Farbeimern, Lötkolben, Platinenschachtel, Schraubzwingen, Akkubohrer, Batterieladegerät, CD-Rohlingen, silberner Stablampe, Abschleppseil, du ziehst einen Karton aus dem untersten Regal, stutzt, erkennst das Muster meines hellblauen Sommerkleids, schiebst den Karton wieder zurück und stößt einen halben Meter weiter auf die Glühbirnensammlung. 

Ich kann dich sehen. Jetzt, wie du der Reihe nach die Schachteln öffnest, die Birnen dicht vor dein Gesicht hältst, mühsam entzifferst du die blass gedruckten Watt-Zahlen, keine Hunderter dabei, der Hausmeister in dir zuckt die Achseln, du zögerst, doch, da gibt es noch jemanden, den du fragen könntest: ihn, den Mann, auf den fast immer Verlass ist, ihn, den FUNKENSPRÜHER, der würde sicher eine Lösung finden, ERfinden, aber der Hausmeister in dir wird ungeduldig, murmelt was von Baumarkt morgen früh und Schluss für heute, die Uhr, die Uhr, die Uhr, die Küchenuhr. 

Beim nächsten Ton ist es ... 

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