Menschen am Berg von Melanie Mühl, 2010, Nagel+Kimche

Melanie Mühl

Die Hüter des Berges
(Leseprobe aus: Menschen am Berg, Geschichten vom Leben ganz oben, 2010, Nagel&Kimche).

Hier oben auf dem Berg sind die Nächte so schwarz, dass

alles verschwindet. Der Hof. Der Stall. Der kurze Weg zum

Stall. Die wenigen Bäume, die in der Gegend herumstehen,

als hätte sie jemand hier vergessen. Die Güllegrube,

verschluckt von der Dunkelheit.

Ihr Tag beginnt trotzdem. Sie steht im Stall, trägt eine

dünne Jacke und vom Schlaf zerzaustes Haar. Sie heißt Regula

Wehrli. Über den Hof geht ein eisiger Wind, aber die

Kälte macht ihr nichts aus, und das Vieh lässt nicht mit

sich handeln. Sie füllt einen Eimer mit Futter. Das Futter

bekommen die Ziegen. Einundzwanzig sind es, die durch

den Winter gebracht werden müssen. Vor ein paar Tagen

kamen noch elf Jungtiere dazu. Braun-weiß gescheckte

Wollknäuel, die auf dürren Beinen stehen und wie Stofftiere

aussehen. Sie nennt sie Gitzis. Die Ziegen kriegen

Getreide,

Zuckerrübenschnitzel und junges Heu. Sie sind

zahm und anhänglich, aber ohne jede Unterwürfigkeit,

und genau das mag Regula an den Ziegen.

Sie sagt: «Ziegen sind fast wie Haustiere.»

Den Ziegen gegenüber stehen zehn Mutterkühe, ihr Fell

glänzt silberfarben im trüben Licht. Rätisches Grauvieh,

die Schweizer Urrasse. Die Tiere sind kleiner als die braunen

Kühe und können aggressiv werden, untereinander

oder dem Menschen gegenüber, je nachdem. Um die Kühe

kümmert sich Roger. Roger ist Regulas Mann. Er mistet

den Stall aus, er füttert die Kühe mit Heu und Silage. Ein

großer, schlanker Mann Anfang fünfzig, mit gewaltigen

Händen und einer dunklen Stimme, die gern erzählt. Früher

saß er oft auf der Weide unter den Kühen, er hörte

ihnen

beim Wiederkäuen zu und blickte in die Ferne. Das

entspannte ihn. Heute hat er dafür keine Zeit mehr.

Er sagt: «Kühe sind die Tiere, mit denen ich am längsten

in meinem Leben zu tun habe.»

Sie hat die Ziegen, er hat die Kühe. Keiner redet dem

anderen drein. Sie kommen einander nicht in die Quere.

Jeder macht stumm seine Arbeit, nichts, worüber sie sprechen.

Man könnte auch sagen, die beiden sind gut aufeinander

eingespielt. Sie haben ja nur sich, die Kinder und

die Tiere.

Die Berge des Jura sind mild und undramatisch. Von

Biel windet sich die Straße hinauf nach Les Prés d’Orvin,

ein Dorf mit einer Handvoll Läden und niedrigen Häusern,

es verschwindet beinahe in der Landschaft. Man

lässt es hinter sich, biegt rechts ab und folgt der Naturstraße

bis zu ihrem Ende. So gelangt man zum Hof der

Wehrlis.

Der Hof liegt auf 1250 Metern mit weitem Blick über das

einsame Land. Lächerlich, diese Höhe für die Alpen, denkt

man. Hier muss sich die Natur von ihrer freundlichsten

Seite zeigen. Bestimmt heißt sie die Menschen mit offenen

Armen willkommen. Aber das tut sie nicht. Im Gegenteil.

Keine Menschenseele wollte einst freiwillig hierher, des

rauhen Klimas wegen, und so ist der Jura die letzte Region

der Schweiz gewesen, die besiedelt wurde. Früher schickten

sie die Sträflinge, die Räuber und Mörder. Heute leben

die Wehrlis hier. Neben den Kühen und den Ziegen haben

sie sechs Katzen, einen Hirtenhund, drei Zwerghühner

und einen Zwerghahn. Der Hahn hat einen absurd kurzen

Kamm. Hähne mit längeren Kämmen sind einfach

nicht gemacht für den Berg, die Kämme würden einfrieren

im Winter. In einem großen Schuppen stehen Traktor,

Schneefräse, Wiesenhexe, Kreiselschwader und ein Dutzend

andere Geräte. Darüber lagern die Wehrlis ihr Stroh,

das sie aus Frankreich beziehen, zehn Tonnen für jeden

Winter. Die inländischen Preise sind in den vergangenen

Jahren in die Höhe geschossen, in den letzten zwölf Monaten

haben sie sich sogar verdoppelt, da die Schweiz den

Strohbedarf ihrer Bauern nicht mehr decken kann.

Während der Sömmerung, von Ende Mai bis Mitte September,

kommen zu den Tieren der Wehrlis noch zweihundertfünfzig

Rinder hinzu. Bauern aus dem Tal geben

sie hoch auf den Berg, in die Hände der Hirten, und die

Wiesen, die frei dadurch werden, bewirtschaften sie dann.

Draußen hinter dem Stall bricht ein neuer Tag an. Drinnen

melken sie die Ziegen.

Fiona ist fünf Jahre alt, ihr Skianzug muss irgendwann

mal rosa gewesen sein. Seit sie drei ist, hilft sie ihrer Mutter

beim Melken, inzwischen ist sie nicht weniger geschickt.

Andere Kinder frisieren in diesem Alter ihre Barbies, Fiona

hockt hinter einer Ziege. Es kostet Kraft, alles rauszuholen

aus den Eutern. Nicht jede Ziege will gemolken werden,

manche treten, andere legen sich hin und schreien. Fiona

ist das egal, bei ihr kapitulieren sie alle. «Lueg», sagt sie

und drückt einen weißen Strahl aus der Zitze.

Letztes Jahr, als die Ziegen trächtig waren, da sagte

Fiona

eines Abends beim Essen: «Die Mia, bei der ist es

bald so weit.» Ihre Eltern lachten und schüttelten den

Kopf, so wie man eben den Kopf schüttelt, wenn Kinder

Unsinn erzählen.

Am nächsten Tag wurden sie eines Besseren belehrt.

Ihre Mutter sagt: «Sie hat eine Begabung für Tiere.»

Julie, Fionas kleine Schwester, sitzt auf dem Arm ihres

Vaters. Sie ist zwei Jahre alt, ihr Haar ist blond, das Gesicht

puppenhaft. Mit den Ziegen hat sie nicht viel zu schaffen.

Sie sind ja noch größer als sie.

Roger sagt: «Ziegen sind gute Tiere. Entweder sie sind

gesund, oder sie sind tot.»

Seit dreißig Jahren lebt er auf der Alp, seit fünf auf dem

Leubringenberg. Er hat eine kaufmännische Lehre absolviert,

aber er hat danach keinen einzigen Tag im Büro

gesessen.

Er muss seine Hände spüren. Er war Maler und

Lackierer,

er jobbte, wo immer es sich ergab, und Ende der

siebziger Jahre, als er und seine erste Frau von einer langen

Afrikareise zurückkehrten, da wussten sie, Zürich, das ist

nicht mehr unser Zuhause. Zu dieser Zeit galt es in der Alternativszene

als schick, auf die Alp zu gehen, und so gingen

auch Roger und seine Frau. Ein Jahr, hatten sie damals

gesagt. Es wurden achtzehn. Als Rogers Frau später starb,

blieben seine Tochter, sein Sohn und er allein auf dem

Berg zurück. Tochter und Sohn leben heute in der Stadt.

Regula hat sich ins Haus zurückgezogen. Sie ist Ende

dreißig, ihre Augen sind hell und sanft, es fällt schwer,

sich diese Frau wütend vorzustellen. Ihr Gesicht hat etwas

Versöhnliches. Sie sitzt am Schreibtisch, oben im ersten

Stock, wo der Holzboden keinen Schritt unbemerkt lässt,

in einem kleinen Arbeitszimmer mit Computer, das gleichzeitig

Wäsche- und Bügelzimmer ist. Sie sortiert Rechnungen,

die Buchhaltung ist ihre Sache.

Früher hat sie als Ergotherapeutin in einer Rehaklinik

am Bielersee gearbeitet. Sie hat sich um Menschen mit

Schädel-Hirn-Trauma gekümmert, acht Jahre lang. Sie

mochte ihren Beruf, aber irgendwann zog sie auf einen

Bauernhof, weil sie einen Ausgleich brauchte, bis sie

merkte, das dort ist ihr Leben. Sie lernte Alplandwirtin,

verdiente im Sommer ihr Geld als Hirtin, im Winter als

Redakteurin einer Landwirtschaftszeitung. Bei einer Tagung

über die Zukunft des Landwirts lernte sie Roger kennen.

Das war 1999.

Regula sagt: «Wir halten uns schon lange aus.»

Beobachtet man die beiden, könnte man meinen, sie

gingen kühl miteinander um. Sie berühren einander nicht,

keine Hand, die sich auf die Schulter des anderen legt,

kein Kuss, kein Wangenstreicheln. Es ist die Art, wie sie

miteinander reden, die ihre Nähe verrät. Nichts bleibt unausgesprochen

zwischen ihnen, das hat etwas Schonungsloses.

Aber sie haben kein Geheimnis voreinander.

Im Tal sind Liebesbeziehungen eine Herausforderung,

auf dem Berg sind sie eine Kunst. Niemand da, der den anderen

auffängt. War der Tag schlecht, war er das für beide.

Läuft etwas schief, dann für beide. Macht einer einen Feh

ler, geht es auch den anderen etwas an. Zwei Menschen

auf einem Berg, die alles untereinander austragen. Damit

muss man leben können.

«Warum sollte man sonst zusammen sein, wenn man

nicht existentiell aneinandergekettet ist?», fragt Regula.

Genau daran aber scheitern so viele Beziehungen auf

dem Berg. Die Menschen kommen einfach nicht zurecht

damit, ständig für den anderen verantwortlich zu sein.

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