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Sonntagmorgen im
Stehcafé
(Leseprobe aus: Stehcafé, Geschichten
vom Sonntag und anderen Tagen, 2010, NordPark)
Der Sonntagmorgen, ich meine, der stille, der
menschenleere, auch möglichst sonnige, er verdient alle Aufmerksamkeit.
Viele werden freilich jetzt noch schlafen, sie merken nichts von ihm.
Wir früh Aufgestandenen jedoch erleben eine Welt,in der auch die Mächte, die uns
sonst zu bedrohen scheinen, noch mit eingezogenen Krallen schlafen. Das
Autoradio lasse ich stumm.
Wenn es im Autoradio schlechte Nachrichten gibt, sind sie meistens von gestern.
Im Übrigen sind Nachrichten fast immer schlecht.
Ich fand den Morgen reich an Eindrücken, als ich zum nahen Wald fuhr. Schon die
wenigen Gesichter an den Bushaltestellen verlockten zum Studium: Gepflegte
Matronen auf dem Weg zu Verwandten, sie suchen Menschennähe.
Die Bäckerei-Verkäuferin sagt immer: »Nein, ich bin überhaupt nicht allein. Ich
habe ja meine Nichte.« Ein wackerer und friedlich aussehender Wandersmann mit
wadenlanger Hose auf dem Weg in den Wald. Vielleicht fand sich einmal ein
Mädchen, das es mit ihm versucht hätte, aber er hat sich nicht getraut.
Mir begegnen: Eine dickliche Frau, die mit einem großen, gefährlichen, an der
Leine zerrenden Hund kämpft, und überhaupt die friedliche, die stille Welt, von
der noch keinerlei Gefahr zu drohen scheint. Es stimmt wohl, dass tagsüber immer
etwas passiert. Oder dass etwas passiert, das einem selbst fast hätte passieren
können. Oder dass jemandem etwas passiert, bei dem wir wissen sollten: »it tolls
for you« – die Glocke schlägt auch für dich, immer vorausgesetzt, dass die
Menschheit ein mystischer Leib ist. Der Verstockte, Schweigsame aus dem
Nebenhaus, der nie grüßt, hier sehe ich ihn während des Fahrens in
Jogging-Kleidung auf dem Gehsteig laufen. Er spricht nie ein Wort, wenn ich ihm
sonst begegne. Aber ich hebe sportlich grüßend die Hand, er stockt, kann nicht
anders, grüßt zurück. So weit habe ich ihn schon einmal gebracht.
Ich parke den Wagen, trotte los und begegne noch weiteren Menschen.
Ein Afrikaner, gefolgt von einer kleinen, klug aussehenden, bebrillten Frau,
vielleicht eine Lehrerin, joggt an mir vorüber; kleine Gruppen von Frauen, nicht
mehr ganz jung, aber so immer öfter zu sehen, walken mit ihren Stöcken eilig
heran; einzelne Väter rennen vorbei, sie schieben dreirädrige Kinderwagen, die
geländegängig sind. Männerblicke folgen niedlichen Radfahrerinnen, die von
Begleithunden beschützt werden.
Und dann kommt der ersehnte Augenblick. Ich finde die kleine Bäckerei, die am
Sonntagmorgen geöffnet hat, bekomme einen Pott Kaffee und ein belegtes Brötchen.
Ich schlürfe gierig meinen Kaffee. Draußen ist es windig, aber auch sonnig
zwischen weißen, rasch segelnden Wolken.
Aus knapper Entfernung sehe ich, wie der Wind die Bäume im Wald beutelt.
Zwischendurch kommt ein laut schreiender alter Mann herein: Er sei Rentner, habe
darum keine Zeit, ob seine Frau da wäre, nein, dann müsse sie ihre Brötchen
selber holen, Tschüss. Es ist lustig gemeint, wirkt jedoch ziemlich
wichtigtuerisch.
Junge Männer und Mädchen in Gauloises-Sonntagskleidung kommen herein, kaufen
Brötchen, abgelöst von einem gepflegten Mädchen, süß aussehend, süß plappernd.
Nacheinander zwei etwa achtjährige Jungen, festen Schrittes, offenen Blickes,
präzise bestellend, bitte, danke, stimmt genau, Tschüss und einen schönen
Sonntag. Mir bleibt der Mund offen stehen. Das hätte ich als Junge nicht
gekonnt.
Wo wird man so gemacht? Ich will zurück, noch mal an den Anfang, auch so werden.
Es wird stiller in meiner Steh-Bäckerei. Nur ein Paar mittleren Alters, mehr als
nachlässig gekleidet, steht noch draußen an einem Tischchen und trinkt Kaffee.
Sie rauchen – mir wurde so früh immer flau davon, heute lasse ich es schön –
und, tut mir leid, ich denke bei ihrem Anblick allerlei:
Ob sie geschiedene Singles sind, frühverrentet, krankgeschrieben, arbeitslos,
obdachlos? Ich weiß, die sehen nicht alle so aus. Das Drama meiner mageren,
blassen, kleinen Stehbäckerin hat inzwischen begonnen, die, welche sonntags
immer zu ihrer Nichte geht. Ich sehe sie immer wieder vor die Türe gehen und
eine Zigarette anzünden, aber Sekunden später kommt sie mit verzweifeltem
Gesichtsausdruck wieder herein – ein Kunde naht. So geht es vier- bis fünfmal.
Schließlich sage ich: »Vielleicht sollten Sie eigentlich nicht rauchen? Wer
raucht, ist abhängig. Man lebt ja ständig mit Unlustgefühlen.
»Ich bin nicht abhängig. Ich kann jederzeit aufhören «, sagt sie trotzig.
»Ich verstehe. Klappt eben nicht so?«
»Wenn ich bei meiner Nichte bin«, ergänzt sie, »dann kann ich es fünf bis sechs
Stunden lassen.«
»Das wäre schön, wenn das immer ginge«, sage ich etwas zu hartnäckig. »Ich kann
es nicht leiden, wenn einem Leute andauernd was beibringen wollen. Ich weiß
selber, was ich will.«
Ich zweifele nicht daran, ich hätte da ja selber lange Quälereien hinter mir,
sage ich mit einem Versuch zur Versöhnung. Aber dazu ist es zu spät.
»Oder solche, die alles besser wissen«, fügt sie schärfer hinzu. Ich begreife,
dass ich längst damit aufhören müsste. Ein weiteres Brötchen scheint notwenig zu
sein. Es könnte vielleicht helfen.
»Bitte.«
»Hier.«
»Ist da sonst nicht immer ein Salatblatt auf dem Brötchen?«, frage ich.
»Haben wir heute nicht«, sagt sie kurz angebunden. Ich glaube es zwar nicht,
aber ich sehe zu, wie sie wieder mit ihrer Zigarettenschachtel vor die Türe
geht. Vom Rauchen werde ich nie mehr mit ihr sprechen.
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