Montagsmenschen von Milena Moser, 2012, Magel+Kimche

Milena Moser

Nevada
(Leseprobe aus: Montagsmenschen, Roman, 2012, Nagel+Kimche)

Sie stand im Hund, und sie fiel auf die Schnauze.

Hinabschauender Hund. Gähnender Hund. Totgeschossener Hund.

Als Kind hatte sie einmal ein Bild gesehen, in einer Zeitschrift. Ein

versehentlich getroffener Jagdhund. Er lag auf der Seite, dunkles Blut

auf dem nassen Herbstlaub unter ihm wie eine Decke. Die Vorderpfoten

waren angewinkelt, eng an den Körper gezogen und nach innen

gekrümmt, als versuchte er zu beten.

Hier lag sie nun. Nevada, die Schneebedeckte. Auf der abgewetzten

blauen Yogamatte, die ihr Zuhause war. Ihre Nase drückte gegen den

weichen Kunststoff, das Blau flimmerte vor ihren Augen, sie schloss sie.

Endlich schlafen, dachte sie. Einfach liegen bleiben. Nie mehr aufstehen.

Seit Wochen quälte sie diese Schwere, als hätte sich die Erdanziehungskraft

vervielfacht, sie konnte kaum die Arme heben, den Kopf

aufrecht halten. Jede Bewegung kostete sie Kraft, die sie nicht mehr

hatte. Seit einigen Wochen wachte sie außerdem jeden Morgen auf

wie der tote Jagdhund auf dem Bild: die Handgelenke nach innen

geknickt,

die Finger gegen die Handflächen gezogen wie von einem

Gummiband im Innern der Arme. Das Band war zu kurz. Es spannte,

es juckte. Manchmal zog es plötzlich an, im nächsten Moment war es

überdehnt, und ihre Finger schlackerten. Der Schmerz war als solcher

kaum zu erkennen, ein unterirdisches Summen, aushaltbar, aber konstant.

Manchmal flammte ein Jucken auf, das sich zum Stechen steigern

konnte. Elektrische Leitungen spannten sich zu den Ellbogen

hinauf,

den Schultern. Ein Surren, Summen, etwas wie Zahnweh, nur

eben in den Händen. Sie ertappte sich immer öfter dabei, wie sie die

Hände rang. Wie die Mutter Gottes, dachte sie, und dann: Wo kommt

das bloß her? Betete sie nicht seit zehn Jahren vor den Altaren hinduistischer

Gottheiten? Mit einer Hand umfasste sie ihr Handgelenk

und presste es sanft zusammen, als ließen sich die Nervenenden zu

rückdämmen. Als ließe sich der Schmerz ins Innere des Körpers zurückdrängen,

dorthin, wo er wohnte, dorthin, wo er schlief.

Nevada war sechsunddreißig Jahre alt und Yogalehrerin. Sie stand

jeden Morgen um fünf Uhr auf und übte zwei Stunden lang für sich. Sie

unterrichtete jeden Tag, manchmal zweimal. Sie aß seit zwanzig Jahren

kein Fleisch mehr, sie spülte sich die Nasenlöcher mit Salzwasser aus,

sie konnte die Füße im Nacken verschränken, während sie auf den

Händen balancierte, sie konnte ihren großen Bauchmuskel hervortreten

und rotieren lassen wie einen Quirl. Sie war so gesund, wie ein

Mensch nur sein konnte. Als Kind hatte sie Ballett getanzt, sie wusste,

was sie ihrem Körper abverlangen konnte. Nevada übte noch härter,

noch länger. Die Handgelenke kräftigen, dachte sie und baute Chatturangha

Dandasana, die Yoga-Liegestütze, ein, wo sie nur konnte.

Der Schmerz wurde stärker. Sie rieb sich die Handgelenke. Zog die

Pulloverärmel bis über die Fingerspitzen. Dann kroch der Schmerz in

die Schulter, und sie dachte, das sei ein gutes Zeichen. Etwas löst sich,

dachte sie. Wenn sie nur nicht so müde wäre.

Sie wickelte elastische Binden um die Handgelenke. Dann konnte

sie deren Druck nicht ertragen und riss sie wieder hinunter. Sie musste

ihre Ringe abstreifen. Der dünne rote Faden, den sie seit ihrem letzten

Meditationsretreat umgebunden trug, schien mitten in der Nacht

Feuer zu fangen und sich in ihre Haut zu brennen. Sie biss ihn mit den

Zähnen durch wie ein gefangenes Tier seine Fesseln. Doch ihre Fesseln

lagen tiefer. Unter der Haut. Sie kam nicht an sie heran.

Danach hatte sie lange wach gelegen, die Hände zwischen den Brüsten

versorgt, und sich gefragt, was es wohl für karmische Konsequenzen

haben würde, dass sie den von ihrem Meditationslehrer gesegneten

Faden durchgebissen hatte. Ob sie ihn anrufen, um einen neuen

Faden bitten konnte? War der Schmerz bereits die Strafe? Wenn ja,

wofür?

Der Faden war mit einem Wunsch verbunden gewesen, der in Erfüllung

gehen sollte, wenn der Faden sich auflöst. Das hatte sie jetzt wohl

verhindert. An ihren Wunsch konnte sie sich ohnehin nicht mehr erinnern.

Etwas Ungefähres vermutlich, wie «Klarheit». Jetzt hatte sie nur

noch einen Wunsch, und der war klar: Aufhören! Es soll aufhören!

Die Stunde am Montagabend war eine ihrer liebsten. Sie kannte die

meisten ihrer Schüler schon länger. Lakshmi, der das Yogastudio am

Wasser gehörte, fand, sie unterrichte zu viel.

«Du dominierst das Studio», hatte sie gesagt. «Lass doch auch mal

die jüngeren Lehrerinnen ran!» Die Yogalehrerinnen, die sie selber

ausbildete, wollten schließlich beschäftigt sein. Doch Nevadas Klassen

waren immer voll. Ihre Schüler schätzten ihre anstrengenden und

klarstrukturierten Lektionen. Sie wollten schwitzen, nicht beten. Nevada

verlor keine Zeit mit dem Rezitieren unverständlicher Sanskritverse.

Bei ihr gab es nur einatmen, die Arme zur Decke strecken, ausatmen,

mit den Händen den Fußboden berühren.

Zwanzig Minuten bevor die Lektion begann, öffnete Nevada den

Raum, rollte die Matten aus, zündete eine Kerze an. Dann setzte sie

sich unter den kleinen Altar, auf dem eine Statue des Elefantengottes

Ganesha neben einer Vase mit frischen Blumen stand.

Ganesha, mach die Schmerzen weg, dachte Nevada. Aufgabe des

Elefantengottes war es schließlich, Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Allerdings auch, sie einem vor die Füße zu legen. Es war gut

möglich, dass Ganesha ihr diese Schmerzen untergejubelt hatte. Doch

warum? Sollte sie aus dem Gleichtritt gebracht, gebremst werden?

Worüber sollte sie nachdenken? Ganesha, ich tue alles, aber bitte

nimm mir den Schmerz!

Nevada bezweifelte, dass Ganesha sich erbarmen würde. Er war

hart im Nehmen, schließlich hatte ihn sein eigener Vater aus Versehen

geköpft und dann in der Eile mit einem Elefantenkopf versehen, dem

erst noch ein Stoßzahn fehlte. Brennende Hände konnten ihn nicht beeindrucken.

Nevada öffnete die Augen und richtete sich auf. Sie saß

mit gekreuzten Beinen und im Schoß gefalteten Händen. So beobachtete

sie die eintreffenden Schüler. In der ersten Reihe sah sie Poppy,

eine ihrer treuesten Schülerinnen, die ihre Matte immer auf denselben

Platz legte, links, gleich bei der Tür. Poppy starrte sie mit weit aufgerissenen

Augen an. Als ob sie sich etwas von Nevada erhoffte. Eine

Antwort? Nevada schien diese Hoffnung jedes Mal neu zu enttäuschen,

und doch starrte Poppy sie zu Beginn jeder Stunde so an, unbeirrbar.

Später würde sich ihr Blick verlieren. Poppy würde Nevadas

Ansagen ignorieren und eine wahllose Abfolge von Asanas ausführen,

die ihr eine innere Stimme zu diktieren schien.

Weiter hinten erkannte Nevada Marie, die nur unregelmäßig kam.

Sie war Oberärztin im nahegelegenen Kantonsspital und arbeitete

oft abends oder nachts. Marie hatte die Augen fest geschlossen, die

Stirn gerunzelt, wie ein Kind, das innerlich bis zehn zählt. Marie

schlief manchmal in der Endentspannung ein, auf dem Rücken liegend,

den Mund leicht geöffnet, den Atem zu einem leisen Schnarchen

verdickt.

Liegen. Schlafen. Nur nicht daran denken. Das Bild eines liegenden

Körpers war schon zu viel. Sie war so müde. Wie konnte ein Mensch

so müde sein? Sie konnte sich kaum aufrecht halten. Hatte sie geschlafen?

Sie wusste es nicht mehr.

«Einatmen.» Sie hob ihre Hände über den Kopf, zog sie durch immer

zähflüssigeren, schnell härtenden Beton. Als sich die Handflächen

über ihrem Kopf berührten, weinte sie beinahe. Sie presste die Lippen

zusammen.

«Ausatmen.» Sie beugte sich vor. Ihre Arme schlackerten. Sie führte

die Gruppe durch die ersten Sonnengrüße, langsam, da war ein Neuer,

ein junger Mann in modischer Turnhose, der mit Mühe den Rücken

beugte, die Hände nach unten streckte, weit vom Fußboden entfernt.

Immer wieder hob er den Kopf, schaute sich im Raum um, sein Blick

huschte verstohlen über die Frauenkörper, die ihn umgaben. Später

würde sie den Pfau vorführen, Männer reagierten auf solche Demonstrationen

der Überlegenheit.

≪Chatturangha Dandasana≫, sagte sie.

Langsam senkte sich ihr Körper in die Stütze, flach wie ein Brett.

Eine Handbreit über dem Fußboden hielt sie inne, wandte den Kopf

zur Klasse, die Hälfte der Schüler lag flach auf dem Bauch. Am liebsten

hätte sie es ihnen gleichgetan. Diese Schwere, die sie seit Wochen

begleitete, drückte sie nieder.

«Urdvha Mukho Svanasana, der hinaufschauende Hund.»

Sie streckte die Arme durch, reckte den Oberkörper nach oben,

legte den Kopf in den Nacken, sie hatte noch nie einen Hund in dieser

Stellung gesehen.

«Ausatmen, Adho Mukha Svanasana, der hinabschauende Hund.»

Fünfzehn Hinterteile reckten sich in die Luft.

«Weiteratmen», befahl Nevada. Sie wollte aufstehen, durch den

Raum gehen, ihre Hand auf den Rücken des Neuen legen, seine Stellung

korrigieren. Sie sah, wie sein Blick wanderte, ihr Geist wanderte

mit, und plötzlich knickten ihre Handgelenke weg. Ihr Hintern blieb

einen Augenblick in der Luft hängen, als könnte er ihren Körper dort

verankern. Im nächsten Augenblick lag sie flach auf der Matte. Blut

füllte ihren Mund.

Rezension I Buchbestellung I home 0I12 LYRIKwelt © Hanser-Literaturverlage