Was davor geschah von Martin Mosebach, 2010, HanserMartin Mosebach

Was davor geschah
(Leseprobe aus: Was davor geschah, Roman, 2010, Hanser).

»Ich kannte Tito gut«, sagte er eben. Wäre er dem Marschall

nicht begegnet, hätte er gesagt: »Wir haben uns komischerweise

nie getroffen.« Salam nickte erfahren.

»Ja, der hatte den Balkan begriffen …«

»Oder aber gerade nicht begriffen.« Schmidt-Flex geriet

jetzt ins Pädagogische, damit war seine Selbstbeherrschung dahin.

»Köstlich«, Salam seufzte genießerisch, »er hatte ihn eben

gerade nicht begriffen.« Aber das darauf folgende Lachen

dämpfte er behutsam, um den alten Schmidt-Flex nicht ungeduldig

zu machen. Hans-Jörg Schmidt-Flex, der Sohn, saß

neben seiner Mutter, beide machten keinen Versuch, ihren

Überdruß zu verbergen. Die Mutter war stoisch, unendliche

Stunden, in denen sie sich in Gesellschaft gelangweilt hatte,

zogen an ihrem inneren Auge vorüber, der Tag, an dem sie

glaubte, vor Langeweile aus der Haut fahren zu müssen – er

mochte mehr als dreißig Jahre zurückliegen –, an dem sie

fürchtete, vor Langeweile zu ersticken, war auch dabei, auch

jenes eigentümliche Gefühl von Abgestumpftheit und leerer

Leichtigkeit, das zurückblieb, als sie diesen Augenblick der

Panik überwunden hatte, es war ihr treu geblieben und hatte

ihr Leben erträglich gemacht. Hans-Jörg war in anderer

Lage. Er langweilte sich nicht, denn er langweilte sich nie,

mißmutig folgte er den Gesprächen, sein Gesicht schien auszudrücken:

»Mein Gott, was für Dummheiten, so kann man

das wirklich nicht sagen«, vielleicht müßte er sich irgendwann

doch noch einmischen, zum unpassendsten Moment

natürlich und mit Worten, die ihn ins Unrecht setzen würden.

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