Was davor geschah
»Ich kannte Tito gut«, sagte er eben. Wäre er dem Marschall
nicht begegnet, hätte er gesagt: »Wir haben uns komischerweise
nie getroffen.« Salam nickte erfahren.
»Ja, der hatte den Balkan begriffen …«
»Oder aber gerade nicht begriffen.« Schmidt-Flex geriet
jetzt ins Pädagogische, damit war seine Selbstbeherrschung
dahin.
»Köstlich«, Salam seufzte genießerisch, »er hatte ihn eben
gerade nicht begriffen.« Aber das darauf folgende Lachen
dämpfte er behutsam, um den alten Schmidt-Flex nicht ungeduldig
zu machen. Hans-Jörg Schmidt-Flex, der Sohn, saß
neben seiner Mutter, beide machten keinen Versuch, ihren
Überdruß zu verbergen. Die Mutter war stoisch, unendliche
Stunden, in denen sie sich in Gesellschaft gelangweilt hatte,
zogen an ihrem inneren Auge vorüber, der Tag, an dem sie
glaubte, vor Langeweile aus der Haut fahren zu müssen – er
mochte mehr als dreißig Jahre zurückliegen –, an dem sie
fürchtete, vor Langeweile zu ersticken, war auch dabei, auch
jenes eigentümliche Gefühl von Abgestumpftheit und leerer
Leichtigkeit, das zurückblieb, als sie diesen Augenblick der
Panik überwunden hatte, es war ihr treu geblieben und hatte
ihr Leben erträglich gemacht. Hans-Jörg war in anderer
Lage. Er langweilte sich nicht, denn er langweilte sich nie,
mißmutig folgte er den Gesprächen, sein Gesicht schien auszudrücken:
»Mein Gott, was für Dummheiten, so kann man
das wirklich nicht sagen«, vielleicht müßte er sich irgendwann
doch noch einmischen, zum unpassendsten Moment
natürlich und mit Worten, die ihn ins Unrecht setzen würden.
Rezension I Buchbestellung I home III10 LYRIKwelt © Hanser