Das Beben von Martin Mosebach, Hanser, 2005Martin Mosebach

Anbetung der heiligen Kuh
(Leseprobe aus: Das Beben, Roman, 2005, Hanser)

Ich hatte nicht damit gerechnet, so schnell einer heiligen Kuh zu begegnen. Als habe sie es gewußt, erwartete sie mich gleich am Flughafen von Udaipur. Ich trat aus dem niedrigen Gebäude, über den fettigen, wie mit Butter eingeriebenen Marmor der Empfangshalle wandelnd, und da stand sie, ungeachtet meiner vielstündigen Verspätung, und vertrieb sich die Zeit des Wartens, indem sie still und gesammelt an einem Pappkarton kaute. Ihr Fell war von feinstem Hellgrau, gelegentlich schwarz überpudert, wo die Haut sich an Gelenken oder im Nacken faltig staute. Die Ohren waren groß, bewegten sich wie rosige Hände beim Fliegenverscheuchen, leichthin zuckend, und hatten an den Spitzen weiße Pinselhärchen. Wie alt war die Kuh? Die großen Augen hatten in ihrer Sanftheit etwas Kindliches. Sie standen enger beieinander als bei einer europäischen Kuh. Der Kopf war schlank und schmal, und die Augen saßen ein wenig schief. Die Kuh glotzte nicht – das vorgewölbte europäische Kuhauge, der bedeutungsvolle dramatische Juno-Blick gefällt mir auch, aber hier war, durch das edle Hellgrau vermutlich noch gesteigert, auch etwas von eselhafter Frömmigkeit und Geduld. Schön war der nicht sehr straff gefüllte Zebu-Höcker und das schlabbernde, leere Doppelkinn, das dem Kopf wie ein Jabot oder ein Plastron anhing. Das Euter war jungfräulich klein mit zarten Zitzchen, der Körper knochig, aber nicht ausgemergelt. So stand sie, von niemandem beachtet, zwischen den parkenden, den an- und abfahrenden Autos, die um sie herumfuhren, ohne sie anzuhupen. Während ich auf den angekündigten Fahrer aus Sanchor wartete, von dunkelhäutigen Männern mit nachlässig um den Kopf gewundenen Tüchern und ausdruckslosen Mienen beobachtet, faßte die Kuh unversehens den Entschluß, sich zu bewegen.

Ein Ruck ging durch ihren großen Körper. Sie machte, ohne von irgendwem dazu genötigt zu sein, mit gesenktem Hörnerkopf einige staksende Schritte, hob den Kopf dann wieder und sah sich um, ob die Veränderung ihrer Lage etwas Neues in ihrer Umgebung zur Folge habe. Sie war allein dem eigenen Willen unterworfen, aber sie schien das nicht völlig begriffen zu haben. Kein Hirte trieb sie, keine Melkerin forderte von ihr, still zu stehen, niemand war durch sie behindert oder gestört oder versuchte, sie anderswo hinzuschieben. Die Welt, die die Kuh am Flughafen umgab, war geschäftig. Autos rollten heran, Gepäck wurde ausgeladen, die lauernden Turbanträger schlenderten heran und trugen Dienste an; die Kuh aber war für diese Leute unsichtbar, so mußte sie selbst es verstehen. Ich habe ihre Ohren und Augen und den ausdrucksvoll gerundeten Kuhkörper groß genannt und fühle mich etwas hilflos, daß nun kein anderes Attribut zur Stelle sei als immer nur »groß«, aber es muß einem klar sein, daß ein schöneres und angemesseneres Wort als »groß« für die Kuh nicht zu finden wäre. Das Unprätentiöse, Ruhige, Gesammelte, das Farblose, Allgemeine von »groß« war genau zutreffend für diese Kuh, die mit ihrem die Autos überragenden Leib und mit den Hörnern, mit denen sie eine Windschutzscheibe hätte einrennen können, ohne Eitelkeit und Selbstdarstellung ihre Größe eher ertrug, als sich ihrer zu freuen. Heu oder Gras oder die Büsche der niedergetrampelten staubigen kleinen Anlage am Flugplatz wären eine bessere Nahrung für sie gewesen als der Pappkarton, der laut seiner Aufschrift Tintenpatronen für Kopiergeräte enthalten hatte und jetzt mit Demut und Geduld und, während die lang bewimperten Augen bescheiden über ihn hinwegblickten, eingespeichelt, zerkaut, zermahlen und heruntergeschluckt wurde. Die Fetzen, die von ihm übrig blieben, baumelten aus dem weichen grau-rosa Maul heraus, als wolle die Kuh vorn am Kopf ein Pendant zum Kuhschwanz schaffen.

Auf der Fahrt über Land begegneten wir der Kuh stets aufs neue. Sie stand wie ein Denkmal am Straßenrand und achtete der Autos nicht, die an ihr vorbeisausten. Sie lag mitten auf der Straße, den Kopf von den herankommenden Autos abgewandt, als wisse sie schon, daß kein noch so eindringlich seelenvoller Blick einen Fahrer dazu verführen werde, anzuhalten und mit ihr zu sprechen. Man steuerte vielmehr höchst geschickt um die lagernde Kuh herum, die auch dies Manöver nicht zur Kenntnis nahm. Ich wußte schon, daß dies immer neue Kühe waren, aber ich stand noch so stark unter dem Eindruck der Flughafen-Kuh, die ich eine halbe Stunde lang betrachten durfte, daß ich gesonnen war, alle Kühe, die uns begegneten, für ein und dieselbe zu halten. Alle waren gleich fern von den Menschen, gleich sanft, gleich in sich gekehrt.

Ich erfuhr dann, daß diese Getrenntheit der Menschen- und der Kuhwelt nicht lückenlos sei. Die Menschen aßen nicht das Fleisch der Kühe, aber sie tranken ihre Milch, sie sammelten die Kuhfladen und trockneten sie an den Mauern der Häuser – diese Fladen rochen nicht schlecht, nichts fäkalisch Ekelhaftes war daran, eher pilzig Staubiges wie von Bovisten – und sie machten aus Kuh-Urin Medizin und ein Farbpigment, dessen pulvriges Gelb das tiefste Gelb der Welt war, leuchtende Erde. Auch scheinbar wild umherlaufende und -stehende Kühe hatten oft einen Besitzer, der sie regelmäßig molk. Aber daß es sich bei diesen Kühen, die ich sah, oder eben dieser einen an allen Orten treu auf mich wartenden Kuh nicht um die Frucht von etwas handelte, was in Europa Viehzucht genannt wird, war auch klar. Die Kuh duldete, daß man Nutzen aus ihr zog. Sie sah sich vom Menschen unbegreiflich geschieden, obwohl mitten auf seinen Straßen lebend, und sie bemerkte, daß es ihn gelegentlich dazu trieb, an ihrem Euter zu zupfen, ohne daß man sich dadurch nähergekommen wäre. Wie die sie umfahrenden Autos, wie plötzlicher Maschinenlärm, wie das Geschrei des Marktes ertrug sie auch das Melken. Auch an der Auffahrt zum Palast in Sanchor erwartete mich die Kuh, langsam hob sie mir ihren Kopf entgegen, wir mußten halten und warten, und so stand sie lange vor meinen Augen, vom Scheinwerferlicht aus der Dunkelheit gehoben. Es war weder Trotz noch gar Faulheit, daß sie die Bahn nicht freigab. Es war, diesen Gedanken meinte ich hinter ihrer hellgrauen Stirn zu fühlen, ihre immer neue Frage, was diese unruhigen zweibeinigen Lebewesen in den rollenden Blechgehäusen eigentlich im Schilde führten. Wie gern wollte sie jedem Wunsch entsprechen, wenn sie ihn nur verstanden hätte. Und genau so waren auch ihre sich allmählich aus dem edlen Torso entwickelnden Schritte, die sie aus dem Scheinwerferkreis führten, kein Nachgeben oder Zurückweichen, sondern gehendes Denken, das zu ihrer Verwunderung die Einsamkeit im Dunkeln wiederherstellte. Hinter dem Kuhschwanz rumpelten wir auf dem ausgefahrenen Weg an ihr vorbei.

Wohin ich mich in den nächsten Tagen auch begab, die Kuh war schon da. Ich bog in Sanchor in eine Gasse und stieß dort auf die Kuh, die im Schatten stand und die Kühle auskostete. Als sie meinen Schritt hörte, wandte sie mir den Kopf zu und erfaßte mich mit jenen melancholischen Eselsaugen. Jeder, der in Europa schon einmal auf einer Kuhweide war, kennt das unbehagliche Gefühl, wenn die Kühe den Eindringling bemerken und näher kommen. Nicht nur Stiere, auch Kühe können bei uns angriffslustig sein. Es heißt, sie beruhigten sich, wenn ihnen der Mensch selbstsicher entgegentrete, nicht davonlaufe, sondern seine Brust zeige und mit den Tieren spreche. Wer kein Landkind ist, braucht dafür Mut. Ich bekenne, daß ich vor einer sich, wie mir schien, drohend nähernden Phalanx von Kühen schon davongelaufen bin. Meine indische Kuh in ihren tausend Inkarnationen hat in mir niemals, trotz Hörnern und körperlicher Kraft und Gewicht, auch nur die leiseste Besorgnis ausgelöst. Ebenso wenig, wie ich mir von Bäumen oder Felsen eines Angriffs gewärtig wäre, fürchtete ich die heilige Kuh. Ich hätte mich neben einer lagernden heiligen Kuh zum Schlafen ausgestreckt, selbstverständlich nicht in der Erwartung, daß sie meinen Schlaf bewache. Die vollständige Gewaltlosigkeit muß auch mit vollständiger Interesselosigkeit einhergehen, das lehrte mich die Kuh. Sie war keine Heuchlerin. Sie war rein.

Ich bin hinfort außerstande, die Heiligkeit der heiligen Kuh irgendwie augenzwinkernd oder überlegen völkerkundlich zu betrachten. Ich habe an der Gestalt der heiligen Kuh so viel Heiligkeit erfahren, wie uns auf Erden überhaupt möglich ist. Zunächst eine konkrete Heiligkeit, keinen abstrakten Begriff, sondern ein großes lebendes Tier, größer als der Mensch und seiner berechnenden, alles zergliedernden Denknatur unzugänglich, in den Augen aber stumm-beredt zu ihm sprechend. Ein Tier, das nicht unterworfen und nicht beschädigt werden darf, ein Tier außerhalb der Pyramide von Befehl und Gehorsam und dennoch selbstlos den Menschen mit allen Ausscheidungen beschenkend: mit dem Dung Wärme spendend, mit dem aus der Milch gewonnenen Butterfett Licht. Seine Heiligkeit ist so fremdartig, wie alles Heilige den Menschen fremd sein muß, sie ist so entrückt, wie die Heiligkeit allem Profanen entrückt zu sein hat, aber sie ist zugleich allgegenwärtig. Es gibt keinen Ort ohne heilige Kuh. Sie steht in den einsamsten Waldtälern oder zwischen dem erregten Hupen von tausend Autos. Sie liegt am Rand der Lehmhütten und der Villenviertel, sie steht mitten im Marktgewühl, nachdenklich kauend und vollkommen allein auf weithin ausgedörrtem Feld. Jeder kann das Heilige täglich sehen, ohne daß die Sphären sich unzulässig vermengen, niemals droht der Heiligkeit die Profanisierung, und niemals ist der Alltag versucht, sich lästerlich Heiligkeit anzumaßen. Durch ihre Augen sind die heiligen Kühe den Menschen zugleich aber wieder nahe genug, um die Heiligkeit als etwas unserer Natur nicht grundsätzlich Verschlossenes erscheinen zu lassen. Ich habe begriffen, daß die heiligen Kühe ein Schatz sind, den die ganze Welt sich aneignen müßte.

Wenn ich mir vorstelle, was es für Deutschland bedeuten würde, wenn die heilige Kuh zu uns käme, welches Glück und welcher Segen ginge von allgegenwärtigen heiligen Kühen aus! Wohl keines unserer Übel würde nicht wenigstens gelindert durch die heilige Anwesenheit der mütterlichen, gedankenversunkenen Tiere. Ich sehe die heilige Kuh auf einer vielbefahrenen Autobahn zwischen Köln und Frankfurt liegen und eine Bild-Zeitung auffressen. Ich sehe unsere beliebtesten und deshalb hassenswertesten Fernsehgesprächsrunden, durch die gemächlich die heilige Kuh schreitet, ein Manuskript des Moderators kauend und eine halbe Stunde lang vor der Linse der Kamera verweilend. Ich sehe die heilige Kuh in unseren höllenmäßigen Häuschen-Vororten, zwischen den Jägerzäunen und Garagen, große Fladen hinterlassend und den toten Asphalt mit reichen Gaben ihres heilbringenden Urins besprengend. Zwischen den Kaufhäusern im heftigsten Weihnachtsgeschäft, von Millionen aus- und angeknipsten Glühbirnchen bestrahlt, im Geschiebe der hochbeladenen Käufer: die heilige Kuh. Man stelle sich eine Wahlversammlung vor mit einem berühmten Politiker, von Fähnchen und Lautsprechern eingerahmt, seine kunstvoll kalkulierte Rede routiniert abwickelnd – und vor ihm schreitet bescheiden und würdig und voller Güte eine heilige Kuh vorbei. Wäre nicht, so scheint es mir zwingend, jedes seiner geschliffenen, in Parteigremien prämeditierten Worte augenblicklich geradezu fundamental in Frage gestellt, durch das bloße stumme Vorbeiziehen der Kuh? Nur sehr wenig in unserer Welt würde der Gegenwart der heiligen Kuh standhalten. Es liegt im Vermögen der Heiligkeit, durch bloße Anwesenheit die richtige Rangfolge herzustellen oder wiederherzustellen. Dafür darf das Heilige eben nicht zu klein sein. Um Sand im profanen Getriebe zu sein, darf das Heilige kein Sandkorn sein. Es muß eine gewisse unübersehbare Dimension haben, um als heilsames Hindernis zu wirken. Es sollte kein Elephant sein – was zu groß ist, wirkt leicht unverbindlich. In den Ausmaßen einer Kuh ist das Heilige unbesiegbar, und die offensichtliche Unbesiegbarkeit des Heiligen ist das für uns Notwendigste.

Dieses alles wollte ich Manon mitteilen, philosophische Reflexionen, die mir im Angesicht der heiligen Kuh von zwingender Klarheit schienen, ohne die die große milde Kuh-Gegenwart aber viel weniger zwingend klingen mußte. Immerfort sage ich von den Augen der heiligen Kuh, daß sie wenig den europäischen Kuhaugen, dafür aber eher Eselsaugen oder am Ende gar Antilopenaugen glichen, und die Antilopenaugen waren die Augen von Manon – ja, es kommt mir jetzt vor, als sei alles, was ich von der heiligen Kuh gesagt habe, auf eine gelegentlich verquere, aber doch allzu deutliche Weise auf Manon bezogen gewesen. Heiligkeit, welcher orthodoxen oder ketzerischen Art auch immer, wollte zu ihr freilich nicht passen, eher Ausgestoßenheit oder wenigstens Abgesondertheit, und keineswegs nur von heilbringender oder besänftigender oder wenigstens beruhigender Art. Und es war noch nicht einmal sicher, ob sie aus meinem Kuh-Gesang die Liebe heraushören würde. Sie war außergewöhnlich begabt, aber sie begriff es als ihr Vorrecht, auch das Allerbanalste immer wieder mit der größten Herzensinnigkeit auszusprechen und zu empfinden. Kein Hinweis auf Homer und die Boopis Hera würde mich entschuldigen, wenn sie plötzlich begriffe, ich hätte sie in Verbindung mit einer Kuh gebracht.

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