Die Droschke
bremst, die Dame stürzt
(Leseprobe aus: Der
Nebelfürst, Roman, Eichborn)
Ein paar Schritte aus der kleinen
Familienwelt heraus, und man war so weit weg, als sei man ausgewandert. Auswandern, das
war ein schöner Plan. Leider war Theodor Lerner kein Engländer, denen stand die halbe
Welt offen, denn sie gehörte ihnen. Aber es gab auch Argentinien, wo man Rinder züchten,
Brasilien, wo man Kaffee anbauen, Panama, wo man eine Reederei betreiben konnte. Andere
gingen nach Rußland und handelten dort mit Zucker und Indigo. Das verwandelte sich dann
alles in lauteres Gold. Wenn solche Leute zurückkehrten, bewohnten sie in Wiesbaden oder
Godesberg Villen mit Türmen und Terrassengärten und ruhten ihren am Anblick des
Außerordentlichen müde gewordenen Blick an der milden Rheinlandschaft aus.
Theodor Lerner fand, daß er gut schreibe. Man konnte auch Reiseschriftsteller werden.
Solche Leute ritten auf Elephanten zur Tigerjagd und führten ihr Journal beim blakenden
Schein der Karbidlampe. Die Leserschaft zu Haus ließ sie zu höchsten Ehren gelangen.
Reisebücher las mit Respekt selbst Vetter Valentin Neukirch, der strenge
Bergswerksdirektor, der Lerner stets untüchtiges Plänemachen vorwarf. Einstweilen
versuchte Theodor Lerner sich mit Aufträgen vom Berliner Lokalanzeiger. Man schickte ihn
aus, wenn es irgendwo brannte. Das war wörtlich zu verstehen. Lerner hatte nun schon elf
Brände geschildert. Die ersten waren ein Erlebnis. Man stand in der gebannt starrenden
Menge, hatte kalte Füße, zugleich wehte der Feuersbrodem herüber, Funken stoben, ein
Balken krachte, an einem Fenster erschien eine Verzweifelte im Nachthemd und warf ihr Kind
in das aufgespannte Sprungtuch. Lerners atemlose Berichte kamen in der Redaktion recht gut
an. Man sah ihn als Spezialisten für solche Fälle. Würde ganz Berlin niederbrennen
müssen, bis er eine neue Aufgabe bekam?
Der sorgenzerfurchte Chefredakteur hatte kein Ohr für Lerner. Die Auflage stagnierte.
»Wir brauchen etwas Exklusives, man muß uns das Blatt aus den Fingern reißen«,
murmelte der elegante Mann, zu dem Sorgen gar nicht paßten. Er war gerade zum
»Schönsten Mann des Berliner Presseballs« gewählt worden. Das Damenkomitee war von
Parteigängerinnen durchsetzt.
»Wissen Sie, wo Ingenieur André ist?« Lerner wußte es nicht. Ingenieur André war vor
drei Monaten mit einer Montgolfiere aufgebrochen. Er wollte den Nordpol überfliegen.
»Wie erkennt er den denn von oben?« fragte Lerner. Er schien sich vorzustellen, daß am
Nordpol ein hübscher Obelisk oder eine aus Eisblöcken gebildete Pyramide stehe. Bei
Gemälden von Napoleons Überquerung des Sankt-Bernhard-Passes lag verwittert zu den Hufen
des sich aufbäumenden Rosses eine Steintafel, auf der »Hannibal« stand. Lag am Nordpol
am Ende auch solches archäologische Fundgut, von Eskimos oder Wikingern vor tausend
Jahren dort aufgepflanzt?
»Sie sind rührend«, sagte der Chefredakteur mit dem silbrig durchzogenen Schnurrbart.
Lerner kannte einen guten Trick. Wenn er fürchten mußte, mit einer Bemerkung seine
Ahnungslosigkeit zu verraten, machte er dazu stets die Miene, als habe er einen Spaß
gemacht. Immerhin besaß er ein Gefühl dafür, wann er sich auf unsicheren Boden begab.
Der Chefredakteur wurde jetzt abgelenkt.
»Nein, sagen Sie der Dame, daß ich sie nicht empfangen kann«, sagte er zu seinem
Sekretär, der die Tür zum Vorzimmer hatte offenstehen lassen. Draußen war ein Schatten
wie von einer hochgewachsenen Frau mit bedeutendem Hut, großer Büste und
raumverdrängenden Stoffmassen am Leib zu erkennen. Der bloße Schatten kündigte etwas
Bedeutendes an. In den Hafen des Vorzimmers war ein fünfmastiges Schlachtschiff
eingelaufen. Lerner staunte, daß man einen solchen Besuch einfach beiseite schieben
konnte.
»Diese Person bringt immer irgendwelches Material an, will irgendwelche skandalösen
Briefwechsel verkaufen, Erinnerungen von russischen Spionen, Liebesbriefe allerhöchster
Personen, aber entweder sind die Sachen zu teuer, oder sie hat sie dann doch nicht, oder
es ist nichts Rechtes - und ich will jetzt etwas über Ingenieur André im Blatt haben.«
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