Ewigkeitsgasse von Frederic Morton, 1984/2002Frederic Morton

Ewigkeitsgasse
(Leseprobe aus: Ewigkeitsgasse, Roman, Kapitel 1, Seite 12 - 14, 1984/2002)

An einem windigen Apriltag des Jahres 1873 zog Dr. Nassig angesichts des schlammigen Bodens seine Hosenbeine in die Höhe und stieg etwas geziert aus einem überdeckten Wagen auf den Boden des Dorfs Varungy hinunter, nur ein paar Fahrstunden von Wien entfernt. Dr. Nassigs Pekinese, der seinem Herrn nicht folgen konnte, weil ihn der Kutscher, ein Zigeuner, am seidenen Halsband festhielt, bellte. Die Kußhand, die Dr. Nassig dem Hund zuwarf, ließ das Bellen verstummen und verwirrte die Frauen am Dorfbrunnen.

Dr. Nassig steuerte zielstrebig auf die Tür der Synagoge zu, wo sich Rabbi Ascher Kohn den Hut mit beiden Händen festhielt. Es wehte, wie gesagt, ein starker Wind, und dieser Wind wehte auch unter die Schürze des jungen Berek Spiegelglas, der gerade ein Schloss an die Tür der Synagoge nagelte.

Dr. Nassig verbeugte sich vor dem Rabbi. »Gelehrter Meister«, begann er und teilte dann – nachdem er dem Pekinesen eine weitere Kußhand zugeworfen hatte, die diesen vom Ankläffen vorüberwatschelnder Gänse Abstand nehmen ließ – dem Rabbi eine wichtige Neuigkeit mit: Er, Nassig, sei bereit, jedermann in Varungy Arbeit, Unterbringung und Wohlstand zu bieten an einem Ort, der nicht weit von der Hauptstadt der k. u. k. Monarchie gelegen sei.

Jeder, der solches vor fünf Jahren geäußert hätte, wäre für verrückt erklärt worden. Seit Jahrhunderten widmete sich das Dorf Varungy der Verehrung Gottes und der Aufzucht von Gänsen, zwei Beschäftigungen, denen man Ewigkeitswert zugeschrieben hatte. Doch heutzutage dauerte nichts mehr ewig. Es ging jetzt ganz seltsam zu im Land. Die großen Wagen von den Schlachthäusern im Norden machten im Dorf nicht mehr Station, kauften Varungys berühmte Gänse nicht mehr, die doch so fett und fleischig und schneeweiß waren. Jetzt fuhren die Wagen gleich zur Bezirkshauptstadt Szatmar, wo eine riesige neue Gänsefabrik die Vögel stopfte – mit Hilfe tasmanischer Sklaven, wie das Gerücht ging – und die Leberpastetenfabrikanten in Straßburg mit fetteren Gänselebern zu niedrigerem Preis belieferte.

Die Leute von Varungy konnten nicht mehr von der Geflügelzucht leben. Einst waren die Dorfgänse friedlich und plump gewesen; jetzt waren sie hager, fressgierig, schmutzig und wild - eine watschelfüßige Horde in Varungys einziger Straße. Sie drangen in Speisekammern vor, schnappten Kindern das Brot aus den Händen, knabberten sogar die Thora in der Synagoge an. Und gerade am Tag von Dr. Nassigs Besuch mußte deshalb zum erstenmal in der Geschichte des Dorfes ein Schloß am Gebetshaus angebracht werden.

Doch zumindest blieben die Gänse im Dorf. Wer auszog, das waren die Menschen. Der Lehrer bekam sein Gehalt nicht mehr, keine Mittel für Tinte, Federn und Fibeln; er hatte sich als Gerichtsangestellter nach Preßburg abgesetzt. Bald trieb seine Ziege mit wildem Bart im Schulhaus ihr Wesen und mampfte alte Prüfungsarbeiten. Der Wirt hatte sein Wirtshaus zugemacht und zog mit einem Kesselflickerkarren umher. Der Schmied von Varungy gab sein Geschäft auf. Er hatte in Personalunion auch den Posten des Beschneiders und des Eisenbahnmechanikers an der Güterzugstation versehen, aber im Dorf wurden keine Kinder mehr geboren, und die Güterzugstation würde bald aufgehoben werden. Der Schmied ging nach Budapest, wo er die Stellung eines Hufschmieds beim Oberstallmeister des Fürsten Esterházy in Aussicht hatte. Doch bevor er ging, umschnallte er seinen Gesellen Berek Spiegelglas mit dem Gürtel, der ihn zum Schmiedemeister des Dorfes machte. Aber welche Pferde brauchten denn noch ein Hufeisen? Selbst der Rabbi mußte sich zweimal in der Woche in die Bezirkshauptstadt begeben, um sich sein Brot zu verdienen; er brachte dort einem Flachshändler das Schachspiel bei. Ein Rabbi, der unter einem prächtigen Kruzifix Bauern und Springer über die Karofelder schob!

Dies alles zur Erklärung, weshalb Rabbi Kohn nicht sogleich die Stirn runzelte bei der Vorstellung, das ganze Dorf solle umziehen. Der Rabbi hob seinen Hut und winkte damit im Wind. Aus irgendeinem Grund war dies die einzige Geste, welche das ständige Geschnatter der zerzausten Gänse wenigstens für Augenblicke verstummen machte.

»Wir sollen alle fort?« fragte der Rabbi in der vorübergehenden Stille.

»Nach Wien? Aber wie könnte das zugehen?«

»Gelehrter Meister«, antwortete Dr. Nassig, »es gibt nichts, was der moderne Mensch nicht vollbringen könnte, wenn er einen guten Anwalt zur Seite hat. In unserer Hauptstadt baut der Kaiser eine Allee mit Vogelhäusern so groß wie diese Synagoge. Im Mai wird die Wiener Weltausstellung eröffnet – und da haben Sie und die Ihren ihre Chance.«

»Wir?«

»Ja, Sie.« Dr. Nassig gab noch weitere Worte von sich, die der Rabbi jedoch kaum verstand, weil zum einen Berek auf das Schloß loshämmerte und zum anderen sowohl die Gänse wieder zu schnattern angefangen hatten als auch der Pekinese erneut zu kläffen begann. Was Dr. Nassig bei all diesem Lärm zu sagen schien, war dies: Er plane einen besonderen Stand auf der großen Ausstellung, der alle sieben Weltwunder darbieten werde, und dort wolle er Tausenden von Besuchern Medaillen verkaufen, die nicht nur ein Körnchen vom Salz des Sees Genezareth enthielten, auf dem der Heiland der Gojim gewandelt sei, sondern auch ein Körnchen von dem Stein der Klagemauer, die allen Juden heilig sei. Und er, Nassig, werde diese Medaillen herstellen und alle diese Unternehmungen würden den Leuten von Varungy eine vielversprechende Beschäftigung bieten, wenn sie erst einmal nach Wien umgezogen seien.

»Ah«, sagte der Rabbi. Dunkel erinnerte er sich an Dr. Nassigs frühere Besuche im Dorf, bei denen der Doktor, unterstützt von einem ohrberingten Gehilfen, Horoskope feilgeboten hatte, in geschlängelter Schrift auf purpurfarbenem Papier. »Juden ziehen nicht so herum wie Zigeuner.«

»Niemand wird herumziehen«, beruhigte ihn Dr. Nassig. »Sie werden in einer sehr schönen Unterkunft wohnen, die ich gemietet habe, gleich vor den Toren der Stadt. Sie brauchen nur eine Wohnerlaubnis vom Kaiser, die sich auf den Umstand stützt, daß Ihre Leute in meiner Medaillenfabrik beschäftigt sind.«

Der Rabbi holte tief Luft. »Vom Kaiser. Aha. Ich werde ihn darum bitten, wenn ich Zeit habe.«

»Sie können bis zum übernächsten Monat warten«, sagte Dr. Nassig lässig. »Bis Pfingsten. Bis Sie ihm die Gans bringen.«

»Die Gans bringen?« Der Rabbi riß die Augen auf.

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