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Opernroman
(Leseprobe aus: Opernroman, 1998, Eichborn)
Die Kantine befindet sich im Keller.
Rote Belüftungskanäle an der Decke, Neonlicht, Holzgarnituren; im
Eingangsbereich zwei Spielautomaten. Die Kantinenwirtin ist noch blasser als
sonst. Gerade hat sie ihren Sohn dabei ertappt, wie er hundert Mark aus der
Kasse stahl. Der Sohn ist zwanzig, doppelt so groß und dick wie sie, und hat
nichts gelernt. Er verzockt sein Geld an den Daddelmaschinen und holt dann neues
aus der Kasse. Sie hatte ihn schon öfter in Verdacht wegen der ständigen
Fehlbeträge. Als sie ihn ertappte, hat er geschrieen: »Halt's Maul, alte Kuh,
du hast mein Leben ruiniert!« Er hat sogar die Faust geschüttelt; und die
ausgemergelten Ballettänzer am ersten Tisch haben aufgeblickt, aber keiner
mischte sich ein.
Sie sank in sich zusammen. Sie arbeitet und arbeitet, aber ihre Schulden nehmen
zu.
An einem langen Tisch sitzen die Sänger. Jim, am Kopfende, geduscht,
Lederjacke, hat gerade sein drittes Glas Bier geleert und leckt sich den Schaum
von der Oberlippe. Aus seiner Tasche ragt der weiße Umschlag mit der Abendgage.
Heiser, aufgeräumt hält er eine Ansprache an Babs, die nach dem Trompeter
Harry Ausschau hält. Die Ansprache betrifft den weltberühmten Tenor Angel
Sabado.
»Angel Sabado«, lautet sie, »denkt, er ist ein Gott. Er sagt, er will in
seine Leben drei Dinge tun. Erstens, alle großen tenor parts singen.
Zweitens, alle Frauen bumsen. Drittens, alle Opern dirigieren. Ich kann dazu nur
sagen: Dirigieren wird er vielleicht alles; daran ich kann ihm nicht hindern. -
Alle Frauen -«, schmunzelt Jim, »okay, da wird er sich müssen ranhalten. Aber
eins ist sicher:« - trtumphierend: »Er wird niemals the Tristan singen!«
Am ganzen Tisch lebhafte Unterhaltung. Der Bariton Erwin, drei Plätze weiter,
sagt zu seiner Nachbarin: »Oans ist sicher: Der wird hier nie wieder den
Tristan singen. Er ist bei Peggy in Ungnade gefallen.«
»Zu Recht. Peggy hat ihn in Grund und Boden gesungen«, findet Willi, der
strenge Chor-Tenor.
»Tja, die starken Frauen, die schlucken uns alle«, lacht der Bassist Hofmann.
»Kennt ihr die Geschichte vom Tenor Schumm, der mit Bessie Horman in New York
in der Walküre auftrat?
Alle wollen sie hören. Wie, singt Bessie Horman nicht nur noch Konzerte? Ich hörte,
für die Bühne sei sie zu fett?« fragt Kicki, die grazile Soubrette.
»Nein, unter Johnny Levy tritt sie auf. Bei ihm darf sie alles, der schwört
auf sie, sicher zu Recht. Sie sang also die Sieglinde, da mußte sie sich
hinlegen, und wenn sie einmal liegt, kommt sie aus eigener Kraft nicht mehr
hoch. Schumm, als Siegmund, beugte sich über sie und fragte: 'May I come
in?', und sie antwortete: 'Okay, but leave your shoes outside! '«
Die Kollegen brüllen vor Lachen. Bassist Hofmann holt gerade zur nächsten
Anekdote aus, da wird es still. Peggy betritt die Kantine, schweren Schritts,
Blumen im Arm.
Allgemeiner Applaus. Sie lächelt erschöpft. Ihre Fans von Statisterie und Chor
umringen sie. »Du warst phantastisch, Peggy!« - »Gibst du mir ein Autogramm?«
- »Wann kommt die erste CD?«
»Ich habe für dich eingekauft, Peggy!« wispert eine magere Choristin.
»Danke, das war süß von dir. Wo steht es?«
»Beim Pförtner!« antwortet die Choristin, die sich nicht traut, das
ausgelegte Geld zurückzufordern.
»Jungs, Mädels, ihr seid Spitze, aber ich bin hundemüde. Seid mir nicht böse,
ich muß ins Bett.« Peggy kann sehr nett lächeln mit ihrem herzförmigen Mund.
»Du hast versprochen., einen Sekt mit uns zu trinken.« Das war der Anführer
der ortsansässigen Claque. »Schließlich haben wir sehr gute Arbeit für dich
geleistet! Mit Überzeugung natürlich«, fährt er rasch fort, als ihn ein
wilder Blick trifft.
Peggy setzt sich zu ihren Fans.
Am langen Sängertisch Sängergespräche. Alle haben vorgestern nacht eine
Fernsehaufzeichnung von Tosca an der Met gesehen, die man jetzt
kommentiert. »Beschissen.« - »Bergner hat ihren Zenit wirklich überschritten.
Ein Vibrato, da weiß man nicht, singt sie 'n Ton, oder singt sie 'n Triller.«
»Jordi Caracas klingt in der Höhe wie ein altes Waschweib.«
Man redet über Stimmen und Rollen.
»Wieso hast du bloß Eboli abgelehnt?«
»Ich denke, es schadet meiner Stimme. Neuerdings ist es Mode geworden, bei dem
Schlenker e-f-e-dis in die Bruststimme zu gehen, wegen dem erotischen Effekt.
Aber bei mir entsteht, wenn ich in dieser Lage nicht Brust- und Kopfstimme
mische, ein Loch in der Stimme, und ich komme nicht mehr in die Kopfstimme. Plötzlich
muß ich dann mit der Bruststimme immer höher hinauf, da fühle ich mich, als würde
ich Auto im falschen Gang fahren. Meine Kehle ist dann drei Tage lang wund.«
»Valtsa singt in der Bruststimme bis g«, weiß Kicki.
»Ich weiß, was Kurwenals Problem ist«, sagt Jim zu Babs. »Er singt im
falschen Fach. Er ist eigentlich ein Tenor, und zwar ein dramatic Tenor.
Aber ich werde ihm das nicht sagen.«
»In der Höhe klingt sein Stimme aber hohl«, antwortet Babs, glücklich, weil
Harry sich neben sie gesetzt hat.
Eine Sängerin kommt herein, die letztes Jahr hier engagiert war. Großes Hallo.
Sie erzählt von der Rigoletto-Neueinstudierung in Kassel, wo sie
Maddalena gesungen hat. Sofort fragt jeder nach dem Sänger der »eigenen«
Rolle. Erleichterung, wenn der schlecht war, Skepsis und Unruhe, wenn er gut
war.
Jan hat soeben mit Sphinx-Lächeln die Leistung die Tempi des Dirigenten
analysiert und für übersteuert befunden.
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