aus:Die wundersamen Reisen Gustavs des Weltfahrers von Irmtraud Morgner, 2006, Verbrecher

Irmtraud Morgner

Die wundersamen Reisen Gustavs des Weltfahrers
(Leseprobe aus: Die wundersamen Reisen Gustavs des Weltfahrer, Roman, 1972, Aufbau/1973, Hanser/2006, Verbrecher Verlag)

Die erste Reise Gustavs des Weltfahrers

Mein Vater starb, als ich noch ein Kind war. Er hinterließ mir weder Besitz noch Geld, sondern Talent. Damit bewarb ich mich, als ich das vierzehnte Lebensjahr vollendet hatte, repräsentiert durch meinen Rechtsvertreter Emil Hädler, bei der Königlich-Sächsischen Staatseisenbahn. Ich wurde als Schlosserlehrling eingestellt, lernte aus, wurde Geselle, später Hilfsheizer, Heizer, Reservelokomotivführer und erreichte im Mannesalter, wozu ich berufen war. Ich zeugte vierzehn Kinder und fuhr große Lokomotiven, in meinen besten Jahren nur D-Zug-Lokomotiven. Alle Haupt- und viele Nebenstrecken meiner Reichsbahndirektion kannte ich. Wenn ich vom Dienst kam und die Küche betrat, wo man sein Wort schlechter verstand als auf steifachsigen Lokomotiven, begaben sich die großen Kinder auf die großen Bänke, die um den großen Tisch standen, und die kleinen auf die kleinen Bänke, die um den kleinen Tisch standen. In unserer Küche standen damals nur Tische und Bänke und ein gemauerter Herd. Auf dem kochte meine Frau Klara Kartoffelsuppe, Kaffee und Windeln in großen Töpfen. Über dem Herd hing ein Wandbord. Dort standen ein Dutzend zwiebelgemusterte Gewürzdosen, die nicht enthielten, was ihre Aufschriften besagten, sondern: Thymian, Estragon, Basilikum, Sellerie, Liebstöckel, Kümmel, Majoran, Beifuß, Dill, Pfeffer, Leberwurstgewürz, Blutwurstgewürz. Was ich verdiente, zahlte ich in die von meiner Frau verwaltete Haushaltkasse. Die Kasse leerte sich monatlich. Ich sammelte Werte in meinem Keller. Meine Heizer durften die Maschine nicht auf der Seite besteigen, wo der Führerstand war. Ich glaubte, dieses Leben würde dauern. Mit fünfundsechzig erwachte ich aus meiner Arglosigkeit. Und ich sah, daß mein Wohlstand Mißstand geworden war und mein Reichtum Armut. Da stieg ich hinab in den Keller. Das Gewölbe, in dem wir uns befinden, hatte sich im Laufe meines Lebens mit Werten gefüllt; Drähte verschiedener Materialien und Stärke, desgleichen Blechstücke, Nägel, Niete, Gegenstände aus Metall, über der Kartoffelhorde materialmäßig geordnet, von rechts nach links: Kupfer, Messing, Blei, Zink, Zinn, Stanniol, Gußeisen, Schmiedeeisen, Gegenstände aus Holz über der Hobelbank nach Holzarten geordnet, Bretter, große Auswahl an Bindfäden und Tauwerk, eine Kiste voll Lederflecken, altem Schuhwerk abgewonnen, Räder von Handwagen, Kinderwagen und Uhren, viele Einzelstücke, zum Beispiel ein Schirmgestell, zwei Drittel eines grüngläsernen Tischlampenschirms, ein Dreifuß, Chenilleblumen, ein Kuhhorn, die Knopftaste einer Ziehharmonika, hundertdreißig Zentimeter Feuerwehrschlauch, ein Schwad Engelshaar. Und Werkzeug jeglicher Art und Größe. All das hatte auf Schrottplätzen des Bahnbetriebswerks, in Steinbrüchen, auf Müllhalden und auf der Straße gelegen. Ich hatte mich nur danach bücken müssen, ein talentierter Mensch döst nicht durch die Welt, er begeht sie wie der Pilzsammler den Wald. Meine Frau und die Kinder nannten die Werte, die ich in guten Zeiten täglich dem System meiner Sammlung zuordnete, Gerümpel. Ich verbrachte manchen dienstfreien Tag im Keller. Als ich mit fünfundsechzig in Rente ging, waren die Küchenbänke leer und der Rangierbahnhof ruinenumstellt. Da das Betreten von Ruinengrundstücken verboten war, hatte ich meine Sammlung nach dem Krieg kaum vergrößern können. Buntmetalldiebstähle wurden mit Zuchthaus geahndet. Ich verfluchte die Welt und verbrachte manche Woche im Keller. Dort schlief ich auf der Drehbank. Die Töpfe mit Kartoffelsuppe schickte ich meiner Frau in diesen Hungerjahren bisweilen halbgeleert zurück. Die von ihr gerufenen Ärzte schlug ich mit Briketts in die Flucht. Eines Tages aber kam mir die Vernunft zurück. Ich erinnerte mich an ein Wort Salomos des Davidsohnes, das ich als Kind von meinem weitgereisten Vater vernommen hatte: „Ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe, und das Grab ist besser als der Mangel.“ Blaß wie ein Grottenmolch stieg ich hinauf in die Wohnung, band die blaue Schürze ab, zog die inzwischen wieder passende Ausgehuniform meiner besten Jahre an und machte mich auf den Weg. Von nun an machte ich mich täglich gegen sieben auf den Weg und arbeitete bis zum Einbruch der Dunkelheit. Zuletzt blieb ich sogar zum Leidwesen meiner Frau zwei Tage und zwei Nächte aus. In der zweiten Nacht wurde ich festgenommen. Eine Streife der Bahnpolizei hatte mich im Führerhaus einer auf dem Lokfriedhof abgestellten XH1 Schnellzuglokomotive entdeckt. Verhör. Zu dem wurde bald der Dienststellenvorsteher und der Betriebsarzt hinzugezogen. Als der Dienststellenvorsteher die Wachstube betrat, erhob ich mich, bedeckte meinen Kopf, legte die linke Hand auf die linke seitliche Hosennaht und den rechten Zeigefinger an den Uniformmützenschirm und wiederholte meine Aussagen. Ich erläuterte sie an Hand von Zetteln, die mit Zeichnungen versehen waren, den Verdacht, es handelte sich bei den ruß- und ölverschmierten Skizzen um chiffriertes Spionagematerial, wies ich zurück, indem ich meine Mütze auf den Boden warf und drauf trat. Dann hob ich sie wieder auf, bürstete sie mit dem Unterärmel ab, richtete die Fasson, legte die Mütze zurück auf den Tisch und begann von vorn mit der Erläuterung meiner Konstruktionspläne. Durch ausschließlichen Gebrauch von Fachbezeichnungen wußte ich es so einzurichten, daß außer dem Dienststellenvorsteher niemand meinen Worten folgen konnte. Dann sprach ich über meine Reisepläne und daß ich den gesamten Lokfriedhof inspiziert, die sichtbaren Defekte der interessantesten Stücke zeichnerisch erfaßt und mich schließlich für eine 2’ B1 h2 Schnellzuglokomotive der sächsischen Staatseisenbahn, Gattung XH1, DR-Nr. 14301, gebaut von Hartmann 1909, entschieden hätte. Die wollte ich kaufen, reparieren und den vielfältigen Anforderungen, die eine Weltreise an eine Maschine stellt, entsprechend ausbauen und ausrüsten. Baumaterial war in meinem Keller ausreichend vorhanden. Ich legte dem Dienststellenvorsteher einen Kaufvertragsentwurf mit einem nach dem Schrottwert berechneten Preisangebot vor. Der Dienststellenvorsteher erwirkte durch seine Bürgschaft die Freilassung des ehemaligen Mitglieds seines Personalbestandes und entschuldigte sich mit dringenden Geschäften. Die nächsten sechs Wochen verbrachte ich vorwiegend in den Vorzimmern des Dienststellenvorstehers, des BGL-Vorsitzenden und des Parteisekretärs. Mit Beharrlichkeit und Phantasie überwand ich die Sekretärinnen. Binnen kurzem ergriffen die leitenden Angestellten des Betriebes bereits die Flucht, wenn sie meinen Namen hörten. Ich wandelte pfeifend durch die Gänge des mir während meiner Dienstzeit unsympathisch gewesenen Verwaltungsgebäudes. Fehlten nur noch Unterschrift und Stempel unter dem Kaufvertrag, und auch die Welt wurde wieder sympathisch. Das heißt überfahrbar. Von Rädern, die meinen Befehlen folgten. Da die Welt viele Länder hat und ich bereits im neunundsechzigsten Lebensjahr stand, bat ich um Beeilung. Sieben Monate später erhielt ich Unterschrift und Stempel. Zwar nicht unter den Kaufvertrag für die XH1. Aber nach Zusammentritt etlicher Kommissionen, der Verfertigung mehrerer fachlicher und politischer Gutachten sowie einer gesellschaftlichen Beurteilung durch die BGL, die Person des Antragstellers betreffend, genehmigte der Minister für Verkehrswesen auf Vorschlag der Reichshahndirektion Dresden dem pensionierten Lokomotivführer Gustav H. auf Grund seiner einundfünfzigjährigen treuen Dienste bei der Deutschen Reichsbahn ausnahmsweise den Ankauf einer YII T Naßdampftenderlokomotive, Baujahr 1886, aus den Schrottbeständen der Deutschen Reichsbahn für private Zwecke unter der Bedingung, ich zitiere wörtlich: „daß der Käufer sich verpflichtet, die Schienenwege innerhalb der Staatsgrenzen der Deutschen Demokratischen Republik nicht zu benutzen. Die Fahrerlaubnis für die unter der Nummer 98 702I registrierte Maschine ist nicht übertragbar. Ein Weiterverkauf der auch nach Vertragsabschluß dem Verantwortungsbereich der DR unterstehenden Lok an Dritte ist nicht statthaft. Bauliche Veränderungen an der Maschine, die dem Ansehen der DR zum Schaden gereichen, können gemäß Artikel 12 Absatz 3 mit Geldstrafen bis zu tausend Mark der Deutschen Notenbank geahndet werden.“ Die feierliche Übergabe der Lokpapiere erfolgte im Rahmen einer Betriebsversammlung mit dem Thema „Der Brigadeplan und wie geht es weiter“.
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