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Die erste Reise Gustavs des Weltfahrers
Mein Vater starb, als ich noch ein Kind war. Er hinterließ mir weder Besitz
noch Geld, sondern Talent. Damit bewarb ich mich, als ich das vierzehnte
Lebensjahr vollendet hatte, repräsentiert durch meinen Rechtsvertreter Emil
Hädler, bei der Königlich-Sächsischen Staatseisenbahn. Ich wurde als
Schlosserlehrling eingestellt, lernte aus, wurde Geselle, später Hilfsheizer,
Heizer, Reservelokomotivführer und erreichte im Mannesalter, wozu ich berufen
war. Ich zeugte vierzehn Kinder und fuhr große Lokomotiven, in meinen besten
Jahren nur D-Zug-Lokomotiven. Alle Haupt- und viele Nebenstrecken meiner
Reichsbahndirektion kannte ich. Wenn ich vom Dienst kam und die Küche betrat,
wo man sein Wort schlechter verstand als auf steifachsigen Lokomotiven, begaben
sich die großen Kinder auf die großen Bänke, die um den großen Tisch
standen, und die kleinen auf die kleinen Bänke, die um den kleinen Tisch
standen. In unserer Küche standen damals nur Tische und Bänke und ein
gemauerter Herd. Auf dem kochte meine Frau Klara Kartoffelsuppe, Kaffee und
Windeln in großen Töpfen. Über dem Herd hing ein Wandbord. Dort standen ein
Dutzend zwiebelgemusterte Gewürzdosen, die nicht enthielten, was ihre
Aufschriften besagten, sondern: Thymian, Estragon, Basilikum, Sellerie,
Liebstöckel, Kümmel, Majoran, Beifuß, Dill, Pfeffer, Leberwurstgewürz,
Blutwurstgewürz. Was ich verdiente, zahlte ich in die von meiner Frau
verwaltete Haushaltkasse. Die Kasse leerte sich monatlich. Ich sammelte Werte in
meinem Keller. Meine Heizer durften die Maschine nicht auf der Seite besteigen,
wo der Führerstand war. Ich glaubte, dieses Leben würde dauern. Mit
fünfundsechzig erwachte ich aus meiner Arglosigkeit. Und ich sah, daß mein
Wohlstand Mißstand geworden war und mein Reichtum Armut. Da stieg ich hinab in
den Keller. Das Gewölbe, in dem wir uns befinden, hatte sich im Laufe meines
Lebens mit Werten gefüllt; Drähte verschiedener Materialien und Stärke,
desgleichen Blechstücke, Nägel, Niete, Gegenstände aus Metall, über der
Kartoffelhorde materialmäßig geordnet, von rechts nach links: Kupfer, Messing,
Blei, Zink, Zinn, Stanniol, Gußeisen, Schmiedeeisen, Gegenstände aus Holz
über der Hobelbank nach Holzarten geordnet, Bretter, große Auswahl an
Bindfäden und Tauwerk, eine Kiste voll Lederflecken, altem Schuhwerk abgewonnen,
Räder von Handwagen, Kinderwagen und Uhren, viele Einzelstücke, zum Beispiel
ein Schirmgestell, zwei Drittel eines grüngläsernen Tischlampenschirms, ein
Dreifuß, Chenilleblumen, ein Kuhhorn, die Knopftaste einer Ziehharmonika,
hundertdreißig Zentimeter Feuerwehrschlauch, ein Schwad Engelshaar. Und
Werkzeug jeglicher Art und Größe. All das hatte auf Schrottplätzen des
Bahnbetriebswerks, in Steinbrüchen, auf Müllhalden und auf der Straße
gelegen. Ich hatte mich nur danach bücken müssen, ein talentierter Mensch
döst nicht durch die Welt, er begeht sie wie der Pilzsammler den Wald. Meine
Frau und die Kinder nannten die Werte, die ich in guten Zeiten täglich dem
System meiner Sammlung zuordnete, Gerümpel. Ich verbrachte manchen dienstfreien
Tag im Keller. Als ich mit fünfundsechzig in Rente ging, waren die
Küchenbänke leer und der Rangierbahnhof ruinenumstellt. Da das Betreten von
Ruinengrundstücken verboten war, hatte ich meine Sammlung nach dem Krieg kaum
vergrößern können. Buntmetalldiebstähle wurden mit Zuchthaus geahndet. Ich
verfluchte die Welt und verbrachte manche Woche im Keller. Dort schlief ich auf
der Drehbank. Die Töpfe mit Kartoffelsuppe schickte ich meiner Frau in diesen
Hungerjahren bisweilen halbgeleert zurück. Die von ihr gerufenen Ärzte schlug
ich mit Briketts in die Flucht. Eines Tages aber kam mir die Vernunft zurück.
Ich erinnerte mich an ein Wort Salomos des Davidsohnes, das ich als Kind von
meinem weitgereisten Vater vernommen hatte: „Ein lebender Hund ist besser als
ein toter Löwe, und das Grab ist besser als der Mangel.“ Blaß wie ein
Grottenmolch stieg ich hinauf in die Wohnung, band die blaue Schürze ab, zog
die inzwischen wieder passende Ausgehuniform meiner besten Jahre an und machte
mich auf den Weg. Von nun an machte ich mich täglich gegen sieben auf den Weg
und arbeitete bis zum Einbruch der Dunkelheit. Zuletzt blieb ich sogar zum
Leidwesen meiner Frau zwei Tage und zwei Nächte aus. In der zweiten Nacht wurde
ich festgenommen. Eine Streife der Bahnpolizei hatte mich im Führerhaus einer
auf dem Lokfriedhof abgestellten XH1 Schnellzuglokomotive entdeckt. Verhör. Zu
dem wurde bald der Dienststellenvorsteher und der Betriebsarzt hinzugezogen. Als
der Dienststellenvorsteher die Wachstube betrat, erhob ich mich, bedeckte meinen
Kopf, legte die linke Hand auf die linke seitliche Hosennaht und den rechten
Zeigefinger an den Uniformmützenschirm und wiederholte meine Aussagen. Ich
erläuterte sie an Hand von Zetteln, die mit Zeichnungen versehen waren, den
Verdacht, es handelte sich bei den ruß- und ölverschmierten Skizzen um
chiffriertes Spionagematerial, wies ich zurück, indem ich meine Mütze auf den
Boden warf und drauf trat. Dann hob ich sie wieder auf, bürstete sie mit dem
Unterärmel ab, richtete die Fasson, legte die Mütze zurück auf den Tisch und
begann von vorn mit der Erläuterung meiner Konstruktionspläne. Durch
ausschließlichen Gebrauch von Fachbezeichnungen wußte ich es so einzurichten,
daß außer dem Dienststellenvorsteher niemand meinen Worten folgen konnte. Dann
sprach ich über meine Reisepläne und daß ich den gesamten Lokfriedhof
inspiziert, die sichtbaren Defekte der interessantesten Stücke zeichnerisch
erfaßt und mich schließlich für eine 2’ B1 h2 Schnellzuglokomotive der
sächsischen Staatseisenbahn, Gattung XH1, DR-Nr. 14301, gebaut von Hartmann
1909, entschieden hätte. Die wollte ich kaufen, reparieren und den
vielfältigen Anforderungen, die eine Weltreise an eine Maschine stellt,
entsprechend ausbauen und ausrüsten. Baumaterial war in meinem Keller
ausreichend vorhanden. Ich legte dem Dienststellenvorsteher einen
Kaufvertragsentwurf mit einem nach dem Schrottwert berechneten Preisangebot vor.
Der Dienststellenvorsteher erwirkte durch seine Bürgschaft die Freilassung des
ehemaligen Mitglieds seines Personalbestandes und entschuldigte sich mit
dringenden Geschäften. Die nächsten sechs Wochen verbrachte ich vorwiegend in
den Vorzimmern des Dienststellenvorstehers, des BGL-Vorsitzenden und des
Parteisekretärs. Mit Beharrlichkeit und Phantasie überwand ich die
Sekretärinnen. Binnen kurzem ergriffen die leitenden Angestellten des Betriebes
bereits die Flucht, wenn sie meinen Namen hörten. Ich wandelte pfeifend durch
die Gänge des mir während meiner Dienstzeit unsympathisch gewesenen
Verwaltungsgebäudes. Fehlten nur noch Unterschrift und Stempel unter dem
Kaufvertrag, und auch die Welt wurde wieder sympathisch. Das heißt
überfahrbar. Von Rädern, die meinen Befehlen folgten. Da die Welt viele
Länder hat und ich bereits im neunundsechzigsten Lebensjahr stand, bat ich um
Beeilung. Sieben Monate später erhielt ich Unterschrift und Stempel. Zwar nicht
unter den Kaufvertrag für die XH1. Aber nach Zusammentritt etlicher
Kommissionen, der Verfertigung mehrerer fachlicher und politischer Gutachten
sowie einer gesellschaftlichen Beurteilung durch die BGL, die Person des
Antragstellers betreffend, genehmigte der Minister für Verkehrswesen auf
Vorschlag der Reichshahndirektion Dresden dem pensionierten Lokomotivführer
Gustav H. auf Grund seiner einundfünfzigjährigen treuen Dienste bei der
Deutschen Reichsbahn ausnahmsweise den Ankauf einer YII T
Naßdampftenderlokomotive, Baujahr 1886, aus den Schrottbeständen der Deutschen
Reichsbahn für private Zwecke unter der Bedingung, ich zitiere wörtlich: „daß
der Käufer sich verpflichtet, die Schienenwege innerhalb der Staatsgrenzen der
Deutschen Demokratischen Republik nicht zu benutzen. Die Fahrerlaubnis für die
unter der Nummer 98 702I registrierte Maschine ist nicht übertragbar. Ein
Weiterverkauf der auch nach Vertragsabschluß dem Verantwortungsbereich der DR
unterstehenden Lok an Dritte ist nicht statthaft. Bauliche Veränderungen an der
Maschine, die dem Ansehen der DR zum Schaden gereichen, können gemäß Artikel
12 Absatz 3 mit Geldstrafen bis zu tausend Mark der Deutschen Notenbank geahndet
werden.“ Die feierliche Übergabe der Lokpapiere erfolgte im Rahmen einer
Betriebsversammlung mit dem Thema „Der Brigadeplan und wie geht es weiter“.
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