Joseph Roths Flucht und Ende von Soma Morgenstern, 2007, Zu Klampen

Soma Morgenstern

Joseph Roths Flucht und Ende
(Leseprobe aus: Joseph Roths Flucht und Ende, Erinnerungen, 2007, Zu Klampen)

Diesmal führte er mich in eine abseitige Allee, wo es zu dieser Tageszeit menschenleer war. Als wir dort im Schatten saßen, sagte er zu mir: 'Weißt du, warum ich dich hierhergeschleppt habe? Ich wollte dich bitten, daß du mir meine zwei Lieblingslieder singst. In unserem Zimmer im Hotel ist vermutlich niemand zum Singen und auch nicht zum Hören aufgelegt.' Ich sang ihm also zuerst das jüdische Lied Es war einmal eine Geschichte, und auf sein weiteres Drängen auch das ukrainische Hyla, hyla. Mit beiden Händen auf seinen Stock gestützt, gesenkten Kopfs, hörte er zu, dann schwieg er eine lange Zeit, und ich sah, wie seine Tränen auf seine bleichen Hände fielen.
Mir stockte der Atem. Ich hatte Roth in nüchternem Zustand noch nie offen weinen sehn. Es war das letzte Mal, daß ich ihm ein Lied gesungen habe. Es war sein letzer Spaziergang.

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