aus: Die Besessene
Meine Gelüste
abmessend, beschloß ich, eine ganze Woche, eine völlig abgeschiedene Woche der Pflege
einer vollendeten Sexualität zu weihen. Dieser Sport der Armen wurde unsere aus
Einsamkeit und Müßiggang herausgefilterte Droge, der einzige erlaubte Ausgang für uns
zwei Gefangene meines Schwurs, sich vor der Welt einzuschließen.
»Der vollkommenen Liebe nachgehen«, diese Formulierung verfolgte mich; ich vernahm einen
herrlichen Ton, sehr leise angeschlagen und im forte endend, das Auseinanderziehen einer
langen goldenen, bis zum Reißen gespannten Seidenschnur. Ich mußte die Liebeserfahrung
von uns beiden bis zu diesem herrlichen Endpunkt führen. Ich sah vor mir eine Art
wundervollen Wettstreit, bei dem der Diwan der Turnierplatz wäre, wo es mir in der
Zurückgezogenheit gelänge, in gleicher und andauernder Weise unsere Gefühle zur Ekstase
zu führen. Clotilde war damit einverstanden; als sie meine Erregung verspürte, drückte
sie sanft meine Hand; man hätte sie für ein neugieriges und verschämtes Mädchen halten
können, deren Sinne noch schlummern, und das sich zum Liebesspiel verleiten läßt.
Einverstanden ja, aber nicht entzückt. Ich gab ihr das, was die Pastoren jung
Verheirateten als Rat mitgeben, wenn sie von der »Befriedigung, auf die eine Frau ein
Anrecht hat«, sprechen. Konnte ich sagen, daß sie kalt in meinen Armen lag? Ihre
brennenden Wangen, ihre feuchten Lippen, ihre Antworten auf meine Wünsche widersprachen
dem. Und dennoch
Die Fatma, die Zugehfrau, stellte uns das Essen vor die Tür, der Briefträger schob die
Post meiner Bank darunter durch. Der Telefonhörer war abgehängt. Wir standen nicht mehr
auf, festklebend in unserem Geruch wie im Schleim einer Kröte. Wir kannten unsere Körper
auswendig; im Dunklen betasteten wir sie in all ihren Einzelheiten wie Blinde die
Brailleschrift. Unsere Laken waren schwer von der Kohlensäure unseres Atems; die einzige
Luft, die ich atmete, war die von Clotilde; sie hatte noch den köstlichen Odem ganz
junger Wesen. Mir drehte sich der Kopf, während auf die Nacht das Sonnenlicht folgte,
ohne daß wir es bemerkten. Die Tage vergingen wie im Traum, wie in alten Filmen, wo der
Wind die Kalenderblätter abreißt; diese Zeiteinteilung hatte für uns keinen Sinn mehr;
wir hatten sie ersetzt durch unseren eigenen Rhythmus. Ich habe nur noch eine dunkle
Erinnerung an jene Tage der freiwilligen Einschließung, aber eine sehr lebendige an das
blendende Licht, das von der Terrasse reflektiert wurde und mir in die viel zu
empfindlichen Augen stach. Das Halbdunkel, dann die Dämmerung, dann die Sonne der
orangefarbenen und grünen Himmel, die wir im Westen zurückließen, ehe wir sie sehr bald
im Osten wiederfanden, folgten auf die Sterne, auf das Aufblitzen des Leuchtturms, auf
einen gewaltigen Mond, das Angesicht eines Gehenkten. Hin und wieder Wolken, Gewitter
rissen an unseren bloßliegenden Nerven. In der Bitterkeit, die dem Nachlassen der
Zeugungskraft folgt, tat mir alles weh, natürlich die Lenden, aber auch der Nacken, die
Muskeln. Jedes Organ, vom Aneinanderreiben gereizt oder geschwollen, wurde zu einer Stelle
des Schmerzes. Unsere Bettdecke war geschwärzt von Zigarettenasche, rot gefärbt von
Lippenstift, gelb gefleckt von Frühstückseiern, verschmiert von Marmelade. Ineinander
verschlungen umwanden wir uns während dieser wie ein Jahrhundert dauernden Woche wie
Weidengeflecht. Wir blieben so liegen, außerstande, uns zu erheben, uns loszulassen, uns
vom anderen frei zu machen, wir waren zu Fleischklammern, Schröpfköpfen, Infusorien
eines elementaren Unbewußtseins geworden. Unser Organismus funktionierte nur noch aus
Gewohnheit. Wir vollendeten nicht mehr unsere Gesten: unsere Gesten vollendeten sich von
allein. Das Berühren war nicht weniger schmerzhaft als alle anderen Gefühle; die
kleinste Liebkosung ließ uns von nun an mit den Zähnen knirschen. Auch entsprang dieser
Erschöpfung kein körperlicher Rausch mehr; es handelte sich nur noch um eine Art
verborgener Hartnäckigkeit, bald klar, bald trübe, Wechsel von Begierde und Ekel, was
nur noch einen sportiven Reflex auslöste. Ich mußte in Erfahrung bringen, was am Ende
eines solchen Besessenseins von der Liebe steht. Aber unser Bewußtsein wurde immer
weniger klar, und das Ende verzögerte sich immer mehr. Diese Müdigkeit endete bloß in
einer außerordentlichen Trübung, vergleichbar der dunklen Nacht von Mystikern, in einer
Abtrennung von Clotilde, die sehr viel schmerzhafter war, als wenn sie sich verweigert
hätte.
Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © Manholt