Die Besessene von Paul Morand, Manholt-Verlag, 2002Paul Morand

aus: Die Besessene

Meine Gelüste abmessend, beschloß ich, eine ganze Woche, eine völlig abgeschiedene Woche der Pflege einer vollendeten Sexualität zu weihen. Dieser Sport der Armen wurde unsere aus Einsamkeit und Müßiggang herausgefilterte Droge, der einzige erlaubte Ausgang für uns zwei Gefangene meines Schwurs, sich vor der Welt einzuschließen.
»Der vollkommenen Liebe nachgehen«, diese Formulierung verfolgte mich; ich vernahm einen herrlichen Ton, sehr leise angeschlagen und im forte endend, das Auseinanderziehen einer langen goldenen, bis zum Reißen gespannten Seidenschnur. Ich mußte die Liebeserfahrung von uns beiden bis zu diesem herrlichen Endpunkt führen. Ich sah vor mir eine Art wundervollen Wettstreit, bei dem der Diwan der Turnierplatz wäre, wo es mir in der Zurückgezogenheit gelänge, in gleicher und andauernder Weise unsere Gefühle zur Ekstase zu führen. Clotilde war damit einverstanden; als sie meine Erregung verspürte, drückte sie sanft meine Hand; man hätte sie für ein neugieriges und verschämtes Mädchen halten können, deren Sinne noch schlummern, und das sich zum Liebesspiel verleiten läßt. Einverstanden ja, aber nicht entzückt. Ich gab ihr das, was die Pastoren jung Verheirateten als Rat mitgeben, wenn sie von der »Befriedigung, auf die eine Frau ein Anrecht hat«, sprechen. Konnte ich sagen, daß sie kalt in meinen Armen lag? Ihre brennenden Wangen, ihre feuchten Lippen, ihre Antworten auf meine Wünsche widersprachen dem. Und dennoch…
Die Fatma, die Zugehfrau, stellte uns das Essen vor die Tür, der Briefträger schob die Post meiner Bank darunter durch. Der Telefonhörer war abgehängt. Wir standen nicht mehr auf, festklebend in unserem Geruch wie im Schleim einer Kröte. Wir kannten unsere Körper auswendig; im Dunklen betasteten wir sie in all ihren Einzelheiten wie Blinde die Brailleschrift. Unsere Laken waren schwer von der Kohlensäure unseres Atems; die einzige Luft, die ich atmete, war die von Clotilde; sie hatte noch den köstlichen Odem ganz junger Wesen. Mir drehte sich der Kopf, während auf die Nacht das Sonnenlicht folgte, ohne daß wir es bemerkten. Die Tage vergingen wie im Traum, wie in alten Filmen, wo der Wind die Kalenderblätter abreißt; diese Zeiteinteilung hatte für uns keinen Sinn mehr; wir hatten sie ersetzt durch unseren eigenen Rhythmus. Ich habe nur noch eine dunkle Erinnerung an jene Tage der freiwilligen Einschließung, aber eine sehr lebendige an das blendende Licht, das von der Terrasse reflektiert wurde und mir in die viel zu empfindlichen Augen stach. Das Halbdunkel, dann die Dämmerung, dann die Sonne der orangefarbenen und grünen Himmel, die wir im Westen zurückließen, ehe wir sie sehr bald im Osten wiederfanden, folgten auf die Sterne, auf das Aufblitzen des Leuchtturms, auf einen gewaltigen Mond, das Angesicht eines Gehenkten. Hin und wieder Wolken, Gewitter rissen an unseren bloßliegenden Nerven. In der Bitterkeit, die dem Nachlassen der Zeugungskraft folgt, tat mir alles weh, natürlich die Lenden, aber auch der Nacken, die Muskeln. Jedes Organ, vom Aneinanderreiben gereizt oder geschwollen, wurde zu einer Stelle des Schmerzes. Unsere Bettdecke war geschwärzt von Zigarettenasche, rot gefärbt von Lippenstift, gelb gefleckt von Frühstückseiern, verschmiert von Marmelade. Ineinander verschlungen umwanden wir uns während dieser wie ein Jahrhundert dauernden Woche wie Weidengeflecht. Wir blieben so liegen, außerstande, uns zu erheben, uns loszulassen, uns vom anderen frei zu machen, wir waren zu Fleischklammern, Schröpfköpfen, Infusorien eines elementaren Unbewußtseins geworden. Unser Organismus funktionierte nur noch aus Gewohnheit. Wir vollendeten nicht mehr unsere Gesten: unsere Gesten vollendeten sich von allein. Das Berühren war nicht weniger schmerzhaft als alle anderen Gefühle; die kleinste Liebkosung ließ uns von nun an mit den Zähnen knirschen. Auch entsprang dieser Erschöpfung kein körperlicher Rausch mehr; es handelte sich nur noch um eine Art verborgener Hartnäckigkeit, bald klar, bald trübe, Wechsel von Begierde und Ekel, was nur noch einen sportiven Reflex auslöste. Ich mußte in Erfahrung bringen, was am Ende eines solchen Besessenseins von der Liebe steht. Aber unser Bewußtsein wurde immer weniger klar, und das Ende verzögerte sich immer mehr. Diese Müdigkeit endete bloß in einer außerordentlichen Trübung, vergleichbar der dunklen Nacht von Mystikern, in einer Abtrennung von Clotilde, die sehr viel schmerzhafter war, als wenn sie sich verweigert hätte.

Rezension I Buchbestellung III02 LYRIKwelt © Manholt