Terézia Mora in: Beste Deutsche Erzähler 2003, Hrsg. Hubert Winkels, DVA

Terézia Mora

PORTUGAL oder Die Liebe unter Pfadfindern
(Leseprobe aus: Beste Deutsche Erzähler 2003, hrsg. Hubert Winkels, 2004, DVA)

Weil man so nicht leben kann, sagt der Junge. Tagelang reden sie kein Wort mit
dir. Dann schimpfen sie stundenlang. Du verstehst kein Wort. Und sie verstehen auch
kein Wort. Nichts.
Der Mann preßt den schmerzenden Rücken in den Sitz. Die Schenkel sind wie
abgeschnürt, aber um die Beine zu strecken, reicht der Platz nicht. Wenn er die Augen
schließt, sieht er sie im Schwarzen kulminieren: die Wellen des Kopfschmerzes, die
gegen die Schläfen treiben. Ein Druck, als würden ihm Hörner wachsen wollen. Wenn
ihm Hörner wüchsen –
Oh, würde der Junge sagen. Du hast Hörner. Darf ich sie anfassen?
Er würde nicken, der Junge würde vorsichtig zwei Hände um zwei Hörner
legen. Sie würden genau herumreichen.
Tut das weh?
Es wäre ein leises Kribbeln oder gar nichts. Er würde den Kopf schütteln. Die
Hörner.
Wie ein Stecknadelkopf, denkt der Mann zwei Tage zuvor, als sie losfahren. Er
ist spät dran, nicht viel, aber immerhin, sogenannte entscheidende Minuten. Eine
Erklärung gibt es nicht dafür, er ist rechtzeitig losgefahren, unterwegs ist auch nichts
Gravierendes passiert: ein kleiner Hupkanon, als er, kurz vor dem Bahnhof, plötzlich
aus dem Kreisverkehr ausschert.
Der Junge steht vor dem Bahnhof auf dem offenen Platz und kneift alles in
seinem Gesicht zusammen. Wie ein Stecknadelkopf. Es hätte auch Schatten gegeben,
aber er kneift das Gesicht zusammen und steht in der knallen Sonne, als wär’s zur
Strafe.
Entschuldigung, murmelt der Mann, ich bin zu spät.
Macht nichts, sagt der Junge und zieht leise die Beifahrertür zu.
Weiter sagen sie nichts. Sie fahren ein Stück zurück in den Ort. Wieder der
Kreisverkehr, diesmal eine andere Ausfahrt, diesmal bleibt es still. Der Junge ist ein
wenig tiefer in den Sitz gerutscht als normal, natürlich ist sein Kopf auch so noch auf
Fensterhöhe, auf halbem Wege zum Verstecken und dann doch nicht. Zwischen den
letzten Lagerhallen des Industriegebiets setzt er sich wieder richtig hin, atmet aus,
pffft, als hätte er die ganze Zeit die Luft angehalten. Fährt sich durch die Haare, prüft
die Umgebung: sieht in den Schminkspiegel, lässt die Klappe unten, guckt in den
Seitenspiegel, dreht ihn mit dem Kippschalter hin und her.
An der Einmündung in die Fernstraße eine Ampelkreuzung. Der Mann reißt das
Lenkrad nach rechts, der Junge, immer noch mit dem Außenspiegel beschäftigt, knallt
mit dem Kopf gegen die Seitenscheibe. Ein Klopfen.
Entschuldigung, sagt der Mann. Die Ampel sei plötzlich grün geworden.
Der Junge reibt sich lächelnd das Ohr.
(...)
Der Junge klebt mit Stirn und Nase an der Seitenscheibe, schaut sich die
Landschaft an, als hätte er noch nie eine gesehen. Auf den Feldern hoch das
Grundwasser, von weitem, als würden sie über Wasser fahren. Lautlos kraulende
Windmühlen in einer Reihe. Streichholzdünne Schatten junger Bäume in einer
neugepflanzten Allee. "Volksfürsorge" als Wort am First eines Gebäudes, gespiegelt,
zerronnen. Eine Stahlbrücke, die sich über hochstehendem Wasser spannt. Betonierte
Dörfer, Entengrütze in einem dreieckigen Löschwasserreservoir. Dann wieder Wiesen,
dann erneut Wald.
Sind wir schon drüben?
Nein, sagt der Mann.
Sie fahren über kleine Strassen lange parallel zu einer unsichtbaren Linie. Der
Junge klemmt die Hände zwischen die wackelnden Knie.
Sind wir schon drüben?
Nein.
Sind wir schon drüben? Sind wir schon...?
Jetzt ja, sagt der Mann.
Der Junge reißt den Mund auf zu etwas, das gleichzeitig Lachen und
Zähneklappern ist. Der Mann lächelt.

(...)

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