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Vor den Toren
Trojas
(aus: Guadalajara,
Erzählungen, Frankfurter
Verlagsanstalt, Übertragung Monika Lübcke)
Das Holzpferd ist am frühen Morgen
endgültig fertig, poliert und lackiert. Es war harte Arbeit, die Dutzende von
Soldaten unter Anleitung von drei Schreinermeistern beschäftigt hat. Das Pferd
erhebt sich majestätisch und unbeweglich mitten auf dem Strand. Sie lassen es
den ganzen Tag trocknen. In der Nacht, darauf achtend, daß man sie von der
Stadtmauer aus nicht sehen kann, steigen die auserwählten Krieger über eine
Rohrleiter hinein, einer nach dem anderen, geschwind und geräuschlos. Sie sind
bewaffnet und tragen einen kleinen Beutel mit Pökelfleisch an ihrem Gürtel, um
sich des Morgens zu stärken, und eine Ration Wasser, um den Durst zu stillen.
Nachdem der letzte Krieger hineingestiegen ist, holen sie die Leiter ein und
verschließen die Tür so, daß sie von außen nicht zu sehen ist.
Sie sitzen geduldig, in Reih und Glied, ganz eng beisammen und füllen den Bauch
des Tieres aus. Der Lackgeruch hat sich noch nicht vollständig verflüchtigt
und benebelt sie leicht. Sie schlafen mit der Unruhe ein, die die Gewißheit über
den unmittelbar bevorstehenden Sieg mit sich bringt. So wie vereinbart packen
die Soldaten im Lager bei Morgengrauen ihre Utensilien ein, stecken die Zelte in
Brand und besteigen die Schiffe, um zu zeigen, daß sie den Krieg verloren geben
und sich endgültig zurückziehen. Die auserwählten Krieger beobachten diese
Bewegung durch die Ritzen in den Brettern des Pferdes. Als die achäischen
Schiffe am Horizont verschwinden, wenden sie den Blick auf die Tore der Stadt.
Bald werden sie sich öffnen, die Trojaner werden herausströmen, werden das
Pferd als Kriegsbeute nehmen und es in die Stadt führen. Die achäischen
Krieger nutzen die Zeit und verspeisen das mitgebrachte Fleisch.
Die Stunden verstreichen langsam, und niemand verläßt die Stadt. Odysseus
verbietet dem ersten, der sich darüber wundert, das Wort. Niemand darf den Mund
aufmachen, und alle müssen so leise wie möglich sein. Denn käme ein Trojaner
daher und hörte die Unterhaltung der Männer im Pferd, würde die ganze List
auffliegen.
Am frühen Nachmittag geht ihnen das Wasser aus. Unter dieser sengenden Sonne
ist der Pferdebauch ein Ofen. In der Nacht schlafen sie, ohne zu frieren. Sie
sind so viele und sitzen so eng beieinander, daß sie keine Decke brauchen.
Problematisch ist das Wasserlassen. Sie haben den ganzen Tag und die letzte
Nacht im Pferd verbracht, und einige urinieren schließlich verstohlen in die
Ecken, unfähig, weiter an sich zu halten. Doch Anticlus hat kein kleines,
sondern ein großes Bedürfnis. Odysseus befiehlt auszuhalten. Anticlus sagt, er
könne nicht (der Bauch krampft sich zusammen, er sieht sich nicht in der Lage,
auch nur einen Augenblick länger durchzuhalten), er verliert die Nerven und
beklagt sich, daß die Trojaner das Pferd schon längst geholt haben müßten.
Sie dürften nicht so lange hier drin sein. Er schreit das alles heraus;
Odysseus erwürgt ihn und bringt ihn so zum Schweigen.
Mit dem Morgengrauen erwacht neue Hoffnung. Heute werden die Trojaner kommen,
endlich das Pferd nehmen und es in die Stadt führen. Es ist ganz klar, daß sie
gestern noch davon Abstand nahmen, denn sie trauten dem Ganzen noch nicht. Heute
muß es offensichtlich sein, daß die Achäer wirklich fortgezogen sind. Dies
bestätigt sich dadurch, daß man mitten am Vormittag Musik aus der Stadt hört,
seltsame, doch eindeutig freudige Lobgesänge. Sie feiern sicher den Sieg. Am
Nachmittag öffnen die Trojaner endlich die Tore zur Stadt. Die achäischen
Krieger freuen sich und beobachten (aufgeregt und reglos, um kein Geräusch zu
machen), wie eine Gruppe Trojaner die Stadt verläßt und sich dem Pferd nähert.
Die Achäer halten die Luft an. Die Trojaner laufen um das Holzpferd und
betrachten es neugierig. Sie schwatzen miteinander, doch die Achäer verstehen
nicht, was sie sagen, obwohl sie die Ohren spitzen. Nur ein Wortgemurmel, mit
dem Rauschen des Meeres vermischt, gelangt bis zu ihnen. Jetzt werden sie
endlich das Pferd nehmen und in die Stadt führen. Doch statt dessen gehen sie
den Weg in die Stadt zurück und verschließen die Tore.
In jener Nacht fällt es den Achäern schwer zu schlafen. Alle leiden unter
Hunger und Durst. Sie haben kein Wasser und keine Nahrungsmittel mehr, und es
fehlt die Möglichkeit, irgend etwas zu besorgen. Das führt zu häufigem
Streit, den Odysseus im Keim erstickt: Er will nicht ein Wort hören. Nicht ein
Schnarchen. Jedes Geräusch könnte die Trojaner vor dem Hinterhalt warnen. Der
Morgen dämmert. Der Tag vergeht, ohne daß sie in die Stadt geholt werden.
Odysseus verbirgt seine Nervosität. Die übrigen Krieger nicht. Sie haben
Hunger, und jedesmal, wenn sich einer beschwert, daß es nicht so läuft, wie es
laufen sollte, droht Odysseus, jeden zu erwürgen, der nicht den Mund hält.
Zwei Tage später schlagen zwei vor, hinunterzusteigen, sei es, wie es sei, auch
wenn dadurch die Trojaner die List entdeckten. Ganz offensichtlich hat die List
nicht funktioniert, und es ist schwachsinnig, ein Projekt fortzuführen, das
nicht funktioniert. Odysseus verhindert die Meuterei, wie angedroht: Er bringt
sie auf die gleiche Weise um wie Anticlus. Da sie seit Tagen nichts mehr zu
essen haben, verschlingen die Krieger die beiden Leichen. Ein Krieger mit zu
empfindlichem Magen erbricht beim ersten Biß alles wieder. Um nicht
auszutrocknen, beschließen sie, ihren eigenen Urin zu trinken.
Zum Gestank von Urin und Exkrementen mischt sich nun der Verwesungsgeruch des
ersten Leichnams (der von Anticlus, der sich bei der Hitze allmählich zersetzt)
und der Eingeweide der beiden anderen. Einer schlägt vor, sich des Ganzen zu
entledigen und einen Augenblick die Tür zu öffnen, um sie hinauszubefördern.
Das bringt Odysseus zur Verzweiflung. Wie kann jemand auf so eine Idee kommen?
Wie soll es möglich sein, sie hinauszuwerfen, ohne den Verdacht der Trojaner zu
erregen? Am Fuße des Pferdes drei Leichen liegen zu sehen (zwei davon auf einen
Haufen Knochen und Eingeweide reduziert), würde ganz offensichtlich den
Hinterhalt verraten. Ein anderer schlägt vor, sich ihrer nachts zu entledigen:
sie die Treppe hinunterzutragen und ins Meer zu werfen. Wieder ein anderer
meint, mit dem Gestank der Leichen und der Exkremente zu leben, sei nicht das
Schlimmste, sondern die ungewisse Zukunft. Während dieser ganzen Tage mußten
die achäischen Schiffe Kundschafter ausgeschickt haben, um zu sehen, ob das
Holzpferd wie vorgesehen bereits innerhalb der Mauern von Troja war. Sie würden
nicht viel länger im Versteck ausharren, bis sie die List als gescheitert
ansehen und die Niederlage endgültig akzeptierend nach Hause fahren würden.
Wenn sie das nicht bereits getan hätten. Odysseus wirft sich auf ihn, doch auch
er hat keine Kraft mehr. Da sie beide nicht mehr in der Lage sind, mit einem
Minimum an Energie zu kämpfen, fallen sie auf die anderen Krieger, die sich
abgemagert und kaum noch bei Sinnen an eine Seite quetschen. Ein paar liegen so
unbeweglich da, daß es schwer ist, zu sagen, ob sie überhaupt noch leben.
Sogar Odysseus wird matt, aber er kann es sich nicht leisten. Die Trojaner,
wiederholt er, von Mal zu Mal weniger überzeugt, werden jeden Augenblick die
Stadt verlassen und das Pferd mitnehmen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Wenn
das eintritt, werden sie (die besten Krieger, auserwählt unter den Besten der
achäischen Jugend) warten, bis die Nacht anbricht, sie werden aus dem Pferd
steigen, wenn alles schläft, die Stadt plündern und die Tore niederreißen.
Durch die Ritzen im Holz beobachtet er gierig die Stadtmauern und hält sich die
Ohren zu, um das Todesröcheln seiner Krieger nicht zu hören.
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