Meine Gedanken von Montesquieu, Hanser-VerlagMontesquieu

aus: Meine Gedanken

Mein Sohn, Du hast das Glück, Dich Deiner Geburt weder schämen zu müssen, noch Dir auf sie etwas einbilden zu können.
Meine Geburt stimmt so genau zu meinem Vermögen, daß es mich ärgern würde, wenn eines von beiden größer wäre.
Du wirst ein Mann der Robe oder des Schwertes werden. Weil Du Deinem Stand Rechenschaft schuldest, mußt Du ihn selbst wählen. Im Amtsadel würdest Du mehr Unabhängigkeit und Freiheit finden, im Schwertadel dagegen bessere Aussichten haben.
Du darfst hoffen, in höhere Stellungen aufzusteigen, denn jeder Bürger darf hoffen, dem Vaterland die größten Dienste erweisen zu können. Im übrigen ist rechtschaffener Ehrgeiz, in die richtige Richtung gelenkt, ein für die Gesellschaft nützliches Gefühl.
Wie die physische Welt nur besteht, weil jedes Stück Materie sich vom Mittelpunkt entfernen will, so erhält sich die politische Welt durch das innere und unruhige Verlangen eines jeden, den ihm zugewiesenen Platz zu verlassen. Vergeblich versucht eine strenge Moral, die Züge zu verwischen, die der größte Werkmeister unserer Seele eingeprägt hat. Die Moral, die auf das Herz des Menschen Einfluß nehmen will, muß versuchen, seine Gefühle zu lenken, nicht sie zu zerstören. 5

Viele Mißstände, die als solche aufkamen und hingenommen wurden, haben sich in der Folge als höchst nützlich erwiesen, sogar als nützlicher als die vernünftigsten Gesetze. So gibt es in Frankreich kaum einen vernünftigen Menschen, der nicht gegen die Käuflichkeit der Ämter wettert und daran Anstoß nimmt. Sieht man allerdings, wie gemächlich es in manchen Nachbarländern zugeht, wo alle Ämter ohne weiteres zu haben sind, und vergleicht damit unsere Betriebsamkeit und den Eifer, mit dem wir unsere Gewerbe fördern, so bemerkt man, wie nützlich es ist, in den Bürgern den Wunsch zu wecken, daß sie ihr Glück machen, und nichts trägt dazu mehr bei als das Gefühl, der Reichtum werde ihnen alle Wege zur Anerkennung ebnen. Unter allen Regierungen ist darüber geklagt worden, daß verdiente Männer weniger zu Ehren kämen als die anderen. Dafür gibt es viele Gründe, vor allem aber einen ganz natürlichen: Viele Menschen haben gar keine Verdienste, nur ganz wenige haben welche. Aber es ist schwer, den Unterschied zu bemerken, man läßt sich leicht täuschen. Unter diesen Umständen ist es besser, daß die Reichen die öffentlichen Ämter an sich ziehen, denn sie haben viel zu verlieren und oft eine bessere Erziehung genossen. 19

Der Gipfel des Glücks wäre es, wenn immer neue Wünsche entstehen würden, die sich, kaum geweckt, auch befriedigen ließen. Die Seele verweilt nicht lange genug bei ihren Sorgen, um sie zu spüren, und auch nicht bei ihren Freuden, um ihrer überdrüssig zu werden. Ihre Bewegungen sind ebenso sanft, wie ihre Ruhe belebt. So wird die Seele daran gehindert, in eine Mattigkeit zu fallen, die uns bedrückt und unser Ende anzukündigen scheint. 69

Unser Branntwein, eine neue Erfindung der Europäer, hat eine unübersehbare Anzahl von Kariben zugrunde gerichtet, und seitdem sie davon trinken, leben sie nicht mehr so lange. Da sie nicht vom Wein auf die Trunkenheit durch Branntwein vorbereitet sind, wundere ich mich nicht, daß er auf sie so befremdliche Wirkungen hat.
Wir haben den Kariben auch die siamesische Krankheit gebracht.
Ich glaube auch, daß wir ihnen (wie dem übrigen Amerika) die Syphilis gebracht haben, die von den Arabern eingeschleppt wurde.
Diese Länder wiederum haben uns die Frambösie gebracht, die durch einen Schlangenbiß oder durch den Stich bestimmter Fliegen an einer empfindlichen Stelle übertragen wird und sich im Blut verteilt.
Die tödlichen Krankheiten sind also nicht die unheilvollsten. Wenn die Fliegen nur die Pest übertragen hätten, wären die daran Erkrankten gestorben, und die Ansteckung hätte aufgehört, anstatt ewig weiter zu gehen.
Mit den Reichtümern aller Klimate haben wir auch die Krankheiten aller Klimate bekommen. 86

Machiavelli hält es für gefährlich, in einem Staat große Veränderungen herbeizuführen, weil man sich damit die Feindschaft derer zuzieht, denen sie schaden, während die, denen die Veränderungen nützen, das Gute nicht empfinden.
Ich kann noch einen Grund nennen: Sie könnten ein Beispiel geben und die Phantasie dessen anstacheln, der alles umstürzen möchte, indem er den Respekt beseitigt, den man dem Bestehenden entgegenbringen soll. 184

Jemand aus meiner Bekanntschaft sagte: "Ich will etwas Törichtes tun - mich porträtieren.
Ich kenne mich ziemlich gut.
Ich habe kaum je Kummer gehabt und noch weniger mich gelangweilt.
Mein Körper ist so glücklich geschaffen, daß ich von allem lebhaft genug berührt werde, um Lust zu empfinden, aber nicht so lebhaft, um zu leiden.
Ich habe den Ehrgeiz, den man braucht, um an den Dingen dieses Lebens teilzunehmen, nicht aber, um mich an dem Platz, an den die Natur mich gestellt hat, unwohl zu fühlen.
Wenn ich Lust verspüre, bin ich davon angerührt und jedesmal erstaunt, daß ich sie mit soviel Gleichmut gesucht habe.
In meiner Jugend war ich so glücklich, mich Frauen zuzuwenden, von denen ich glaubte, daß sie mich liebten. Seitdem ich es nicht mehr glaube, habe ich mich unversehens von ihnen entfernt.
Geistige Beschäftigung war für mich das unübertreffliche Heilmittel gegen die Unerfreulichkeiten des Lebens, da ich keinen Kummer kannte, den nicht eine Stunde des Lesens von mir genommen hätte.
Im Laufe meines Lebens habe ich Menschen, die allgemein verachtet waren, nicht kennengelernt, außer jenen, die in schlechter Gesellschaft lebten.
Ich wache des Morgens mit geheimer Freude auf, ich sehe das Licht mit einer Art Bezauberung. Den ganzen übrigen Tag bin ich zufrieden.
Die Nacht verbringe ich, ohne zu erwachen, und wenn ich abends zu Bett gehe, hindert mich eine Art Betäubung, meinen Gedanken nachzuhängen.
Mit Dummköpfen wie mit geistreichen Leuten komme ich fast ebensogut zurecht, und es gibt kaum Menschen, die so langweilig wären, daß sie mich nicht immer wieder amüsierten: Nichts ist so unterhaltsam wie ein lächerlicher Mensch.
Nicht ungern mache ich mich im stillen über Menschen lustig, die ich sehe; sollen sie mich ihrerseits für das halten, was sie wollen.
Anfangs habe ich beim Anblick der meisten Großen eine kindische Furcht empfunden. Als ich ihre Bekanntschaft gemacht hatte, wechselte ich fast ohne Übergang zur Verachtung.
Ich habe den Frauen gerne Artigkeiten gesagt und ihnen andere Dienste geleistet, die wenig kosten.
Wohl und Ehre meines Vaterlandes lagen mir natürlich am Herzen, kaum aber, was man Ruhm nennt. Ich habe stets insgeheim Freude verspürt, wenn etwas für das Allgemeinwohl angeordnet wurde.
Wenn ich in fremde Länder gereist bin, habe ich mich ihnen zugewandt wie meinem eigenen Wohl. Ich nahm an ihrem Geschick Anteil und hätte gewünscht, daß sie sich in glücklichen Verhältnissen befinden.
Ich habe oft geglaubt, bei Menschen Geist anzutreffen, von denen man annahm, sie hätten keinen.
Es störte mich nicht, daß ich als zerstreut galt. So konnte ich mir allerlei Nachlässigkeiten erlauben, derer ich mich sonst geschämt hätte.
In Gesprächen und bei Tisch war ich immer froh, jemanden anzutreffen, der sich Mühe gab zu glänzen. Ein Mann dieser Art bietet immer eine offene Flanke, während sich alle anderen bedeckt halten.
Nichts amüsiert mich mehr, als wenn ich einen langweiligen Erzähler erbarmungslos eine umständliche Geschichte erzählen höre: Ich achte dann nicht auf die Geschichte, sondern darauf, wie sie erzählt wird.
Den meisten Menschen stimme ich lieber zu, als ihnen zuzuhören.
Ich habe es niemals dulden wollen, daß ein geistvoller Mann es sich erlaubte, mich zwei Tage hintereinander zu verspotten.
Ich habe meine Familie genug geliebt, um in den wesentlichen Dingen zu tun, was zum Guten führt. Aber von Kleinigkeiten habe ich mich freigemacht.
Obwohl mein Name weder gut noch schlecht ist, da kaum dreihundertfünfzig Jahre nachgewiesenen Adels mit ihm verbunden sind, hänge ich gleichwohl sehr an ihm und wäre durchaus bereit, einen Erben für ihn zu suchen.
Wenn ich jemandem vertraue, tue ich es rückhaltlos; aber ich vertraue nur wenigen.
Eine schlechte Meinung über mich bekam ich, weil es wenige Stellungen im Staat gab, für die ich wahrhaft gepaßt hätte.
Was mein Amt als Gerichtspräsident angeht, so hatte ich das Herz auf dem rechten Fleck. Ich begriff die Fragen, aber vom Verfahren verstand ich nichts. Ich gab mir aber Mühe. Am meisten mißfiel mir jedoch, daß Dummköpfe die Talente besaßen, die mich zu meiden schienen.
Mein Körper ist so sehr zusammengesetzt, daß ich mich bei allem, was seinerseits zusammengesetzt ist, sammeln muß. Sonst verwirren sich meine Vorstellungen, und wenn ich merke, daß man mir zuhört, scheint sich mir die Frage, um die es geht, zu verflüchtigen. Mehrere Wege zu antworten zeigen sich gleichzeitig, und am Ende wird keiner begangen.
Wenn im Gespräch logische Argumentation gefordert ist, wobei die Gegenstände immer von neuem zergliedert werden, ziehe ich mich recht gut aus der Affäre.
Nie habe ich Tränen fließen sehen, ohne weich zu werden.
Mit dem Verstand verzeihe ich leicht, so daß ich nicht hassen kann. Mir kommt es vor, als täte der Haß weh. Wenn sich jemand mit mir versöhnen will, fühlt sich meine Eitelkeit geschmeichelt und mag denjenigen nicht mehr als meinen Feind ansehen, der so freundlich war, mir eine gute Meinung von mir selbst zu geben.
Auf meinen Ländereien, bei meinen Pächtern, habe ich niemals dulden wollen, daß man mich gegen irgend jemanden aufhetzte. Wenn man mir sagte: "Wenn Sie wüßten, welche Reden geführt werden", pflegte ich zu antworten: "Ich möchte es nicht wissen." War das, was man mir hinterbringen wollte, falsch, dann wollte ich nicht Gefahr laufen, es zu glauben. War es aber wahr, wollte ich mir nicht die Mühe machen, einen Schurken zu hassen.
Im Alter von fünfunddreißig Jahren liebte ich immer noch.
Zu jemandem mit einem bestimmten Anliegen zu gehen, ist mir ebenso unmöglich, wie durch die Luft zu fliegen.
Als ich in der großen Welt lebte, liebte ich sie, als könnte ich die Zurückgezogenheit nicht ertragen. Als ich dann auf meinem Gut lebte, dachte ich nicht mehr an die große Welt.
Ich bin, glaube ich, fast der einzige, der Bücher herausgebracht hat und sich dabei immer vor dem Ruf eines Schöngeistes fürchtete. Wer mich kennt, weiß, daß ich mich in meinen Gesprächen nie sehr bemüht habe, diesen Eindruck zu erwecken, und daß ich genügend Talent besaß, die Sprache derer anzunehmen, mit denen ich zusammenlebte.
Ich hatte das Pech, sehr oft an Menschen keinen Gefallen zu finden, an deren Wohlwollen mir sehr gelegen war. Für meine Freunde, mit Ausnahme eines einzigen, habe ich meine Zuneigung stets bewahrt.
Ich habe immer den Grundsatz befolgt, von keinem anderen tun zu lassen, was ich selber tun konnte. Das hat mich dazu gebracht, mein Glück mit Mitteln zu fördern, die in meinen Händen lagen, mit Mäßigung und Genügsamkeit, aber nicht mit fremden Mitteln, die immer niedrig und ungerecht sind.
Mit meinen Kindern habe ich wie mit meinen Freunden gelebt.
Wenn man erwartete, daß ich in einer Unterhaltung glänzen würde, habe ich es nie getan. Ich stützte mich lieber auf einen geistvollen Mann, als Dummköpfe um mich zu scharen, die mir zustimmten.
Niemanden habe ich mehr verachtet als kleine Schöngeister und große Herren, denen es an Redlichkeit mangelte.
Ich bin nie in Versuchung gekommen, Spottverse gegen wen auch immer zu dichten.
Ich habe nie den Eindruck erweckt, mit Geld um mich zu werfen. Aber ich war auch nicht geizig und kenne nichts, was so wenig schwierig gewesen wäre, daß ich es nur um des Geldes willen getan hätte.
Ich habe es, glaube ich, nicht versäumt, mein Vermögen zu mehren; auf meinen Ländereien habe ich bedeutende Verbesserungen vorgenommen. Ich spürte freilich, daß ich es eher einer bestimmten Vorstellung von Tüchtigkeit zuliebe tat, die es mir zu gebieten schien, als um reicher zu werden.
Sehr geschadet hat mir, daß ich Menschen, die ich nicht schätzte, zu sehr verachtet habe." 213

Die Frauen sind falsch. Das liegt an ihrer Abhängigkeit. Je mehr Abhängigkeit, desto mehr Falschheit. Es ist wie bei den Abgaben an den König: Je höher sie sind, desto mehr wird geschmuggelt. 276

IV01LYRIKwelt © Hanser