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Die Tochter
des Kannibalen
(Leseprobe aus:
Die
Tochter des Kannibalen, Roman, dtv - Übertragung Astrid Roth).
Die größte Erkenntnis, die ich je
in meinem Leben hatte, begann damit, dass ich die Tür eines Pissoirs
betrachtete. Ich habe beobachtet, dass sich die Wahrheit oft auf diese Weise zu
erkennen gibt, unvernünftig, unbegreiflich und paradox; aus dem Niederen
entsteht häufig das Erhabene, aus dem Schrecklichen die Schönheit und aus dem
Transzendentalen die größte Dummheit. Und so war ich an jenem Tag, der mein
Leben für immer verändern sollte, nicht damit beschäftigt, die Kritik Kants
durchzuarbeiten. Und ich entdeckte auch nicht gerade in einem wissenschaftlichen
Labor ein Mittel gegen Aids oder tätigte einen gigantischen Aktienkauf an der
Tokioer Börse. Nein, ich starrte lediglich geistesabwesend auf die cremefarbene
Tür einer gewöhnlichen Herrentoilette im Madrider Flughafen Barajas.
Anfangs verstand ich noch nicht einmal, dass etwas passierte, was nicht normal
war. Es war der 28. Dezember, und Ramón und ich wollten nach Wien fliegen, um
dort Silvester zu verbringen. Ramón war mein Ehemann: Wir waren seit einem Jahr
verheiratet und hatten vorher bereits neun Jahre zusammengelebt. Die
Passkontrolle hatten wir schon hinter uns, wir saßen in der Abflughalle und
warteten auf den Aufruf unseres Fluges. Da kam es Ramón in den Sinn, auf die
Toilette zu gehen.
Unter meinen gewöhnlichen Vorfahren muss es wohl einen Schäfer gegeben haben.
Ich ertrage es nämlich nicht, wenn die Leute, die mit mir unterwegs sind, von
meiner Seite weichen. Und genauso wie meine Hündin Wallie, die sich immer darum
bemüht, die Herde beisammen zu halten, versuche ich mich um die Freunde zu kümmern,
mit denen ich ausgehe. Ich gehöre zu den Menschen, die regelmäßig ihre Gruppe
durchzählen und die letzten bitten, den Schritt zu beschleunigen, und die
ersten, etwas langsamer zu gehen. Die, wenn sie mit Freunden eine völlig überfüllte
Kneipe betreten, erst dann Ruhe geben, wenn sie darin ein Plätzchen gefunden
haben, wo alle gemütlich zusammensitzen können. Angesichts einer solchen
Charaktereigenschaft war ich verständlicherweise nicht gerade begeistert, dass
Ramón genau in dem Moment mal musste, als wir darauf warteten, an Bord zu
gehen. Aber es blieb noch genügend Zeit bis zum Abflug, und die Klos befanden
sich genau gegenüber in Sichtweite, kaum dreißig Meter von meinem Platz
entfernt. Deshalb regte ich mich auch nicht auf und bat ihn lediglich zweimal,
sich zu beeilen.
»Mach voran, ja? Beeil dich.«
Ich sah ihm nach, als er durch die Halle ging: Er war groß, hatte aber ein paar
Kilo zuviel, vor allem am Hintern und Bauch, und ein schon sehr breit gezogener
Scheitel ragte aus feinem kastanienbraunen Haar hervor. Er war nicht hässlich:
Er war einfach schlaff. Als ich ihn vor zehn Jahren kennerlernte, war er
schlanker gewesen. Und jenes markig-knochige Aussehen damals hatte dazu geführt,
dass ich mir einbildete, seine innere Schlaffheit wäre Ausdruck reiner
Sensibilität. Vier von fünf Beziehungen bestehen aus diesen nicht
wiedergutzumachenden Irrtümern. Mit der Zeit wurde sein Hintern immer dicker
und die Langeweile immer größer. Und als wir kaum eine Stunde miteinander
verbringen konnten, ohne uns dabei nicht vor lauter Gähnen den Kiefer zu
verrenken, kamen wir auf die Idee zu heiraten. Um herauszufinden, ob die Sache
so besser werden würde. Aber um die Wahrheit zu sagen: Sie wurde nicht besser.
All das ging mir durch den Kopf, während ich beobachtete, wie die Klotür auf-
und zuklappte. Auch wenn ich nicht wirklich darüber nachdachte. Ich ließ
vielmehr meine Gedanken mal hierhin, mal dorthin schweifen. Ich dachte also an
Ramón und daran, dass ich mit dem Illustrator meiner letzten Erzählung
sprechen musste, um ihm zu sagen, dass er die Entwürfe für das sprechende
Eselchen verändern sollte (es sah nämlich eher aus wie ein brüllendes Kälbchen),
und daran, dass ich langsam Hunger bekam. Ich dachte daran, dass ich in Wien die
»Venus von Willendorf« sehen wollte, und das Bild dieser üppigen kleinen
Statue brachte mich wieder auf Ramón, der wie immer ziemlich lange auf sich
warten ließ. Dann und wann gingen Männer in die Herrentoilette hinein und
kamen wieder heraus; alle waren sie flinker als mein Gatte. Dieser Junge zum
Beispiel, der gerade die Tür aufstieß, war lange nach Ramón hineingegangen.
Ich fing an, Ramón wie so häufig zu hassen. Es war ein normaler, gezähmter,
langweiliger Hass.
Jetzt schob ein Sanitäter vom Roten Kreuz einen halbglatzigen Alten in einem
Rollstuhl aus dem Pissoir. Ich sann einige Minuten darüber nach, wie viele ältere
Rollstuhlfahrer man doch in der letzten Zeit in den Flughäfen sah. Viele alte Männer,
aber noch viel mehr alte Frauen. Sehnige und methusalemische Greisinnen, die von
den Jahren an die Rollstühle gefesselt worden waren und die wie ein Paket mal
hierhin, mal dorthin geschoben werden: In den Aufzügen stellt man sie mit dem
Gesicht zur Wand, und während der ganzen Fahrt betrachten sie dann mit einer
stoischen Ruhe das Metall der Kabine. Sie sind aber auch triumphierende
Greisinnen, die den Tod, die Ehemänner und die Nöte des früheren Lebens
besiegt haben. Unruhige Überschall-Seniorinnen, die sich von den Flughäfen aus
wie die Raketen von hierhin nach dorthin schießen lassen, und vielleicht sind
sie entzückt, von einem Rotkreuzler geschoben zu werden, was sage ich entzückt,
mehr als das; vielleicht fühlen sie sich gerächt: sie, die während so vieler
Jahre so viele Kinder getragen haben. Jetzt werden sie auf ihrem hart erkämpften
Rollstuhl - Thron wie Königinnen behandelt. Einmal traf ich im Aufzug
irgendeines Flughafens auf eine dieser Greisinnen. Sie saß in ihrem Rollstuhl
wie eine Auster iin der Schale und war nur noch ein Schatten ihrer selbst, eine
winzige Mumie mit zahnlosem Mund und vom feuchten Schleier des Alters getrübten
Augen. Ich betrachtete sie verstohlen und war hin- und hergerissen zwischen
Mitleid und Neugier. Plötzlich hob die alte Dame den Kopf und heftete ihre
Augen auf mich. »Man sollte das Leben genießen, so lange es geht«, sagte sie
mit einem zarten, aber bestimmten Stimmchen. Und dann lächelte sie mit fast unbändiger
Befriedigung. Das ist der endgültige Sieg der Alten.
Und Ramón kam nicht heraus. Ich fing an, mir Sorgen zu machen.
Dann kam mir in den Sinn, ich weiß auch nicht genau warum, ob mich wohl jemand
identifizieren könnte, wenn ich vermisst würde. In einem anderen Flughafen sah
ich einmal einen Mann, der mich an einen früheren Liebhaber erinnerte. Ich war
mehrere Monate mit ihm zusammen gewesen, und es war erst ein paar Jahre her,
dass ich ihn zuletzt gesehen hatte. Aber in jenem Moment war ich mir einfach
nicht sicher, ob jener Mann Tomás war oder nicht. Ich betrachtete ihn von der
anderen Seite der Halle aus, und für einen kurzen Augenblick schien er ihm zum
Verwechseln ähnlich: derselbe Körper, dieselbe Art, sich zu bewegen, das
lange, glatte Haar, das mit einem Gummi im Nacken zusammengehalten wurde,
dieselbe Kieferform, die dunklen Pandabär-Ringe unter den Augen. Aber im nächsten
Moment verschwand dieser Eindruck, und ich glaubte nicht mehr, dass er es war,
weder was die Gesten, noch die Größe oder den Blick betraf. Um diese
Ungewissheit loszuwerden, näherte ich mich ihm unauffällig. Aber nicht einmal
bei näherem Hinsehen war ich mir sicher; dann überzeugte mich sein Äußeres
doch, und im Geiste erinnerte ich mich daran, wie ich mit der Zungenspitze über
seine verführerischen Lippen gefahren war, bis ich plötzlich die Gewissheit
hatte, ein vollkommenen fremdes Gesicht zu betrachten. Obwohl ich ihn kaum mehr
als zwei Jahre nicht mehr gesehen hatte, war ich nicht mehr in der Lage, ihn mir
vorzustellen! So als ob wir den anderen, um ihn wiedererkennen zu können, ständig
um uns haben müssten. Die Identität hat etwas Flüchtiges und Zufälliges, so
dass man jemanden, wenn man ihn längere Zeit nicht sieht, für immer verlieren
kann. Genauso wie wenn man in einem riesigen Aquarium mit den Augen einen
kleinen Fisch verfolgt und sich dann plötzlich ablenken lässt. Wenn man dann
wieder hinschaut, lässt er sich nicht mehr von seinen Artgenossen
unterscheiden. Ich dachte daran, dass mir dasselbe passieren könnte, dass, wenn
ich verlorenginge, sich vielleicht niemand mehr an mich erinnern würde. Glücklicherweise
kann man in solchen Fällen auf die besonderen Kennzeichen zurückzugreifen:
Lucia Romero, groß, dunkles Haar, graue Augen, schlank, einundvierzig Jahre
alt, eine Blinddarmnarbe am Bauch, am rechten Knie eine halbmondförmige Narbe
von einem Fahrradsturz, im Mundwinkel ein rundes und sehr kokettes Muttermal.
In diesem Moment wurde unser Flug zum ersten Mal über Lautsprecher aufgerufen,
und die gesamte Halle sprang auf. Ich griff nach unserer Tasche und steuerte wütend
auf die Toilettentür zu. Ich ging in die entgegengesetzte Richtung wie alle
anderen und fühlte mich wie ein Flüchtling, der im entscheidenden Moment, wenn
alle aus der belagerten Stadt fliehen, zurück ins Verderben rennt. Das Starten
und Landen eines Flugzeugs hat immer etwas von einer wilden Massenflucht.
»Ramón! Ramón! Der Flieger geht gleich! Was machst du so lange da drin?«
rief ich von der Tür aus. Einige Jugendliche und ein Mann um die fünfzig, der
aussah , als hätte er Probleme mit der Prostata, kamen eilig aus dem Klo. Aber
Ramón tauchte nicht auf. Ich stieß ein wenig die Tür auf und spähte ins
Innere. Leer. Die Verzweiflung und die wachsende Unruhe gaben mir die Kraft, das
Tabu, das Pissoirs (der verbotene, ungehörige Ort) umgibt, zu brechen und
vollen Mutes den Raum zu betreten. So groß und weiß wie er war, sah er aus wie
ein Operationssaal. Auf der rechten Seite befanden sich mehrere Kabinen
nebeneinander, auf der linken die bekannten dickbäuchigen Keramikschüsseln,
geradeaus die Waschbecken. Es gab weder einen anderen Ausgang noch ein einziges
Fenster.
»Entschuldigung«, rief ich, um öffentlich für meine Dreistigkeit Abbitte zu
leisten. »Ramón? Ramón! Wo bist du? Wir verpassen unseren Flug!«
Das einzige, was man in der Stille hörte, war, dass irgendwo Wasser tropfte.
Ich ging in Richtung Waschbecken und machte dabei die Klotüren auf. Ich hatte
Angst, hinter einer von ihnen Ramón zu erblicken: am Boden liegend, mit
Herzinfarkt, einer Embolie, ohnmächtig. Aber nein. Keine Menschenseele. Wie war
das möglich? Ich war mir sicher, dass ich die Toilettentür während der ganzen
Zeit nicht einmal aus den Augen gelassen hatte. Nun gut, ich war mir fast
sicher: Offensichtlich war Ramón herausgekommen, ich hatte wohl irgendwann
nicht aufgepasst; Ramón stand mit Sicherheit jetzt draußen und wartete auf
mich, vielleicht war er wütend, weil ich nicht da war, schließlich und endlich
hatte ich ja die Bordkarten. Ich rannte aus dem Klo und auf unseren Ausgang zu,
vor dem sich immer noch sehr viele Menschen drängten. Ich ließ meinen Blick über
die bunte Masse von Reisenden schweifen. Nichts. Da hasste ich ihn wieder, und
wie ich ihn hasste. Es war eine dieser wiederholt auftretenden, kurzen und sehr
heftigen Hassattacken, derer es so viele im ehelichen Zusammenleben gab.
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