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Der Taumel
(Leseprobe aus: Der Taumel, Roman, 2000, Hanser)
1.
Die paar Stolper an der Schwelle machten ihm nichts aus.
Der Beamte riß vor ihm die Tür auf, durch den Luftdruck spürte er
ein warmes Rinnsal zu seiner Oberlippe gleiten, das er flüchtig
wegwischte. Ein paar Tropfen aus der Nase fielen vor seine Füße auf
die Kacheln des Gerichtsgebäudes, die nach Karbol rochen - der
einheitliche Geruch der Staatsplanwirtschaft; in diesem Augenblick
hielt er es für einen Sieg, daß sie ihm die Hosenbeine nicht
beschmutzten, wie vorher beim Verhör. Das Hemd war schon etwas
mitgenommen, fast verschämt stopfte er den hellen, befleckten Stoff
hinter den Gürtel und glitt das Geländer hinab, hielt sich an der
abgewetzten Holzstange fest, die schon vor ihm so vielen den ersten
Halt geboten hatte. Glattgehobelt von unzähligen Händen, zittrig, von
Angst- und Schmerzschweiß feucht. Die Stange, inzwischen an
einigen Halterungen wacklig, die Fassungsringe aus dem Mörtel
gelockert, war ihm eine Stütze. Die Berührung des Holzes, hell,
gemasert, sicherer als das Hauptgeländer aus Gips - klobig, eckig, das
an der Treppe entlang emporlief und in einer Nachahmung eines
pompösen Kandelabers oder einer Säule mit einer Art Wappen, innen
hohl, auf der Empore und der ersten Biegung der Treppe endete. Den
glatten, ocker-dunkelroten Gips mochte er nicht anfassen. Bereits
angeschlagen, bot er keinen Halt, die Holzstange, mit dem richtigen
Umfang für seine Hand, war eine Hilfe. Die Berührung des warmen
Holzes, seiner Maserung, gab ihm Sicherheit. Er wollte wieder
Bäume anfassen.
Vor dem Eingang die öde Haupttreppe, auf der Straße Passanten, die
üblichen unauffälligen Wanzen, die ins Gebäude eilten, ohne nach
rechts noch links zu sehen, mit geschäftigen Mienen. Autoverkehr,
Straßenbahn wütend klingelnd, Benzingestank, Lärm.
Buenos Aires, Moskau, Petus?ki, St. Peter, Prag, Berlin in den
Dreißigern, Paris der Kommune. Assoziationen aus unzähligen
Büchern. Seine Lektüre platzte wie ein Sandkasten in seinem Kopf
auf. Namen zerstreuten sich, Zitate, die Grenze zwischen dem
Gelebten und dem Gelesenen verlief unmerklich.
Das "Gespräch" kam ihm bekannt vor - Zitate, die Fresse des
ungeduldigen Zulangers, nur das Blut kam ihm vertraut vor, das Blut
auf seinem Hemd, auf seinem Handrücken. Warm, geschmeidig, ein
Teil von ihm.
So sind wir beschaffen. Wir? Als hätte es ihn irgendwie befriedigt,
daß er so beschaffen war wie die anderen. Oder beschämt. Erst als er
die anderen sah.
Der Ermittler, magenkrank - es roch nach schlechtem Kaffee, die
zwei Beisitzer, Beistehenden. Als der andere kam und der Ermittler
sich kurz entfernte, stieß der erste ihn an, vielleicht waren sie auf ein
Bier verabredet und der eine verlor die Geduld. Der Ermittler
schüttelte den Kopf, über Brandl und über den Aufpasser. Bisher
waren sie eher zurückhaltend ... Dieses Verhör - Gespräch,
korrigierte sich Brandl, er bemühte sich, die Harmlosigkeit, die
Banalität dieser Begegnungen klein zu halten; kein Flattern, kein
Atemanhalten, kein Schweißausbruch.
Brandl klopfte automatisch sein Sakko nach Zigaretten ab.
Er hatte vorhin versucht, das Bedürfnis zu rauchen niederzudrücken.
Er hätte sich eines Vorteils begeben. Der Ermittler würde ihm in
seiner ungelenken Freundlichkeit Feuer geben. Aus einem
flackernden Feuerzeug oder einer halb verbrauchten
Zündholzpackung, Brandl müßte sich dann weit nach vorn
vorbeugen, den Kopf senken und die Zigarette über der Flamme
womöglich mit zitternder Hand halten, ziehen. Der Ermittler würde
wahrscheinlich die Flamme zu früh entfernen. Brandl würde ohne
Feuer da sitzen. Nur keine Schwäche zeigen. Aber nach Feuer zu
suchen, sein Sakko, seine Hose abzuklopfen wäre zu umgänglich,
zivil, gesellig. Keine Geselligkeit mit diesen Chargen. Noch war er
frei.
Er beobachtete sie. Er wußte, wie sie reagieren würden. Das
Schäkern mit den Putzfrauen und den Frauen, die Brötchen brachten.
Kaffee dem "Leutnant", Major. Ein flüchtiger Blick zu ihm.
Hauptsache, von ihm nichts wahrzunehmen, als wäre der Umstand,
daß er da saß, ansteckend.
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