Doktor Paranoiski
(Leseprobe aus:
Doktor Paranoiski, 2001, Deuticke).
Es ist der 16. März,
eine knappe Woche vor der Äquinox, ein Tag mit plötzlich in die Höhe geschossenen
Temperaturen, als sich am frühen Nachmittag ein grandioses Wintergewitter über der Stadt
entlädt und ich, Doktor Christoph Salzer, zu den Unsterblichen übertrete.
Während in meiner Neubauwohnung im oberen Drittel der Fasangasse zwischen von PVC
genährten, orange-bläulichen Flammen ein Leichnam verbrennt, der später für den meinen
gehalten werden soll, stehe ich auf der Brücke, die die Beatrixgasse über das alte
Doppelgleis der Schnellbahn führt, und betrachte das Gewitter.
Ich sehe Detonationen am Himmel über der Stadt, folge den Spuren der Blitze ins
Antennengestrüpp der Dächer und genieße diesen donnernden Auftakt zum Frühjahr,
während es gleichzeitig schneit und wiederum ein heißer pannonischer Wind diesen Schnee
in schlüpfrige Feuchtigkeit verwandelt, die mich bald frösteln machen würde, wäre mein
formloser, algengrüner Lodenmantel nicht jüngst imprägniert worden.
Ich bin auf dem Fußgängerweg, der am Rande der Schnellbahnschlucht zum Heumarkt und dem
dahinter liegenden Stadtpark führt. Um Hals und Gesicht winde ich mir fester den dicken,
weinrot-olivfarbenen Wollschal, den ich zwanzig Jahre nicht mehr getragen habe, ich denke
an die Verwandte, die ihn mir damals gestrickt hat, und in diesem Augenblick ereignet sich
über mir das seltene Phänomen eines Kugelblitzes.
Ein Kugelblitz am 16. März!
Ein baumkronengroßes, abgeflachtes Energiefeld aus bläulichem Elektrolicht sinkt wie ein
Raumschiff genau über die Geleise und geht schließlich jaulend in die Oberleitung über.
Ich sehe aus den Augenwinkeln, wie eine Schnellbahngarnitur kurz nach Verlassen der weiter
oben gelegenen Station Rennweg zum Stehen kommt und wie ihre Lichter ausgehen. Überhaupt
wird es jetzt sehr dunkel, die in schmelzenden Schnee geronnene Nässe der Welt
verfinstert das Tageslicht.
Dem verflossenen Höhepunkt dieses Wintergewitters nachlächelnd, wende ich mich wieder
meinem Weg zu, während die Schnellbahn wieder illuminiert wird und weiterdonnert. So will
ich mich in Erinnerung behalten: ein richtiger Wiener, in Lodenmantel und Schal, auf einer
Brücke, im Schein eines Kugelblitzes, bei seiner zweiten Geburt. Genau so.
In der U-Bahn und dann vor allem auf der langen Busfahrt hinauf zu den Rändern des Waldes
sehe ich mir den Film an, denn man angeblich spätestens dann sieht, wenn man stirbt, und
entscheide: Das letzte Bild meines alten Lebens soll das bleibende sein.
Der Bus schraubt sich höher, hie und da in eine Parallelstraße wechselnd, hier gibt es
ruhige, alleenbestandene und von Villen gesäumte Boulevards. Wir kommen den Hügeln des
Waldes ganz allmählich entgegen. Manchmal fährt der Mistwagen vor uns, manchmal parkt
einer in zweiter Spur, es gibt viele Aufenthalte.
Durch Seitenstraßen schimmert im flackernden Licht des hartnäckigen Wintergewitters die
Stadt zu uns herauf, und ihre unscharfen Gesichter vermischen sich mit den Bildern meines
Films.
Der Film selbst ist schnell nacherzählt. Salzerfamilie, die Gartensalzers, Großgärtner
in dritter Generation, die meine wäre die vierte gewesen, ich, das spät geborene
Einzelkind, versuchte mich mit meinem Studium der Botanik sozusagen akademisch auf die
Hofübergabe vorzubereiten.
Sechs Dutzend Glashäuser im 13. Bezirk, und ich müßte lügen, wenn ich sagte, daß ich
in ihren subtropisch warmen Bäuchen nicht glücklich aufgewachsen wäre. Aber meine
Eltern, vor allem mit ihrer ewigen Verliebtheit beschäftigt, verplanten sich und
wirtschafteten die große Gärtnerei, deren berühmtestes Gewächs seit Jahrzehnten der
Christstern war, in die Insolvenz. Es blieb ihnen ein kleines privates Vermögen, das
meiste davon brauchten sie auf Reisen auf, frönten dem, was sie ihre Wirsucht nannten,
ehe sie vor acht Jahren, symbiotisch wie immer, bei einem Autounfall, einer
Auffahrgeschichte auf der eisigen Südautobahn, ums Leben kamen.
Ich konnte mir mit dem Studium der Botanik nun Zeit lassen, und nachher fand ich sogar
Arbeit; im Anschluß an ein paar ziemlich weite Reisen, auf denen ich glücklich war,
wurde ich wie so viele ein Journalist. Ein Heft über Gartenpflanzen war mein vorrangiger
Arbeitgeber, ich bekam eine Kolumne, ich schrieb über alles außer Kakteen, ich verdiente
genug und brauchte nicht viel, ich ging eine Beziehung zu einer Frau namens Sara ein, und
vielleicht ein Jahr lang schien mein altes Leben vollauf dazu berechtigt, mein einziges zu
sein.
Dann entwickelte ich die Idee, Sara würde sich mir nicht vollkommen schenken, und das
kränkte mich überraschenderweise mehr als der Verlust meiner Eltern oder vorher jener
des Familienvermögens. Als sie verstand, daß ich mehr wollte, war auch sie beleidigt,
denn sie war der Ansicht, sie hätte mir alles gegeben. Wie bei zwei Hälften einer
großen, rostigen Schere ging es mit uns auseinander. Sara, die ja vielleicht sogar ein
Glücksfall war, verschwand. Ich lebte ein Jahr lang für mich, schrieb mehr, mittlerweile
auch über andere Dinge, einmal sogar über die Leichenhalle der Gerichtsmedizin, bis mir
schließlich die Lust verging.
Die Lust an buchstäblich allem.
Ich hörte auf zu arbeiten, denn das Geldverdienen erschien mir immer sinnloser. Im
letzten Jahr vor dem Kugelblitz hatte ich verstanden, daß ich nur noch für die Bonität
bei meiner Bank arbeitete. Ich zahlte Miete und Versicherungen, ich bezahlte Rechnungen
für Essen, die mir nicht mehr schmeckten, ich bezahlte für Fortbewegung auf Routen, die
nicht mehr die meinen waren.
Der innere Film hält kurz an, der Bus bleibt diesmal länger stehen, eine halbe
Schulklasse, sieben frierende Buben und zwei kichernde Mädels, sitzt im hinteren Teil,
vorne, hinter der Lenkerin, zwei Pensionisten, wie ich in Lodenmänteln.
Bei einer Station, auf deren Höhe man im Sommer den Wald schon riechen kann, steigt eine
Frau in meinem Alter ein, dünn und lang, nasser Regenmantel, schmelzende Schneeflocken in
den zu Zöpfen geflochtenen Haaren. Sie schaut mich herausfordernd an, um eine Station
weiter wieder auszusteigen.
Letzter Teil meines Films. Ich erinnere mich in dieser Zeit meines wachsenden Überdrusses
an einen kleinen Mann, den ich bei meinem Bericht über die Leichenhalle kennengelernt
hatte, einen langgedienten Hilfsarbeiter, ein Faktotum, abkommandiert, auf mich zu achten,
während ich die kalt-helle Lautlosigkeit des gekachelten Raums auf mich wirken lassen
wollte.
Wir hatten damals kaum gesprochen, uns aber gemocht, wohl, weil er so einsam war wie ich
und ebensowenig wußte, weshalb er noch im Räderwerk der Gesellschaft steckte, solche
Verbundenheit erkennt man wortlos, rasch entsteht ein stilles Einvernehmen.
Als ich ihn anrief, war er gern bereit, sich mit mir zu treffen. Wie alt ich sei? 34? Er
betrachtet mich lange, er stellte ein paar Fragen über Merkmale, deren ich keine
besonderen habe, über meine Zähne, und er sagte, er würde sich melden, sobald ein Toter
in meiner Kragenweite auftauchte. Ja, es gebe tatsächlich Tote, auf unverbrecherische
Weise verstorbene, die niemandem abgingen, die er herbringen könne und verkleiden, als
seien sie einer wie ich.
Er kam in der Tat mitten im Fasching. Er brachte den toten Fremden, der mir nicht ähnlich
war, aber meine Größen hatte, er hatte Werkzeug mit, als täte er all das nicht zum
ersten Mal, und schraubte mir meine Zahnbrücke, die unteren Schneidezähne, Erinnerung an
einen ansonsten harmlosen Fahrradunfall, schmerzhaft, aber rasch aus dem Mund. Der andere
hatte an dieser Stelle wirklich eine Lücke (von der ich bis heute nicht weiß, ob sie
schon bestand oder von meinem Freund geschaffen wurde). Meine Zahnbrücke wurde darin
befestigt.
Dieses Faktotum aus der Wiener Prosektur war wohl tatsächlich mein einziger Freund. Ich
kenne nur seinen Familiennamen, und den vergesse ich hiermit. Aber seinen Gefallen trage
ich bei mir. Er half mir sterben. Das ist genausoviel wert wie ein neues Leben.
Mein Freund half mir außerdem, das Feuer vorzubereiten und alles Verräterische zu
vernichten. Wir trennten uns vor der Tür des Hauses, als der Geruch nach verbrennendem
Plastik schon auf die Korridore kroch. Wir gingen in zwei Richtungen davon.
Ende des Films. Das bleibende Bild: Doktor Salzer steht unter einem Kugelblitz und will in
dieser Gesellschaft nicht mehr mitmachen.
Doktor Salzer hat es hinter sich.
Kurz vor der Endstation. Der Wald ist überall um uns. Die Höhenstraße macht viele
Kurven. Die Schulkinder sind schon ausgestiegen, der alte Mann neben seiner Frau hat sich
einmal nervös nach mir umgeblickt.
Und jetzt rollen wir über den Parkplatz auf dem Kahlenberg. Als ich aussteige, staune ich
über die Tatsache, daß die Frau von vorhin, die im Regenmantel, schon wieder in den Bus
einsteigt. Ist sie hierher geflogen?
Jetzt sehe ich sie ganz aus der Nähe an. Sie hat rote Backen und große Augen. Ihr Mund
scheint nach innen zu lächeln. Sie schaut mich noch herausfordernder als zuvor an, und
ich denke für einen Moment, daß ich noch einmal mein Leben verändern könnte, wenn ich
jetzt ein Wort sagte.
Ich sage gar nichts.
Ich folge Augenblicke später einem Weg, der sich zwischen spärlicher werdenden
Holzhäusern entlangschlängelt.
Ich friere jetzt plötzlich.
Unversehens bin ich mitten im Wald. In meinem kleinen Rucksack scheppert ein Taschenmesser
gegen eine Thermoskanne.
Eine zweite Geburt hat den Nachteil, daß man sich fragen kann, wie gut man auf das
vorbereitet ist, was danach kommt.
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