Sudabeh Mohafez

Schicklich
(aus: Anthologie des Deutschen Sprachrats „Ausgewanderte Wörter“, 2006, Hueber Verlag)

An dem Tag trug ich ein Dirndl. Ich hatte drei verschiedene und dies war mein
Lieblingsdirndl, grün und mit kleinen Rosen darauf. Es war warm in Teheran, die
Sonne blendete. Oktober 1966 steht in der runden Schreibschrift meiner damals
einunddreißigjährigen Mutter auf der Rückseite des Fotos. Die ehemals schwarze
Tinte ihres Füllers hat mit den Jahren die Farbe eines tief dunklen Aquamarin angenommen,
und ich kann mir die Tatsache, daß ich mich an diese Begebenheit
überhaupt erinnere, obwohl ich gerade erst drei geworden war, nur damit erklären,
daß wir im Familienkreis später noch mehrmals ähnliches erlebten.
Was ich zu erinnern meine, ist brüchig, schwammig und ungewiß – bis auf eines:
das Wort, das der Mann, der auf dem Foto neben mir steht, freudestrahlend sagte.
Es ist Teil der Hörerinnerungen meines Lebens geworden, als hätte etwas in mir
damals schon gewußt, daß es eine Wichtigkeit hat, etwas Wesentliches transportiert,
etwas das mir allerdings schleierhaft war, und tatsächlich sollte es schließlich
noch über zwanzig Jahre dauern, bis ich eine erste Ahnung davon bekam, was sich
mir in diesem Moment, der, auf Celluloid und Fotopappe gebannt, heute als
Schwarz-Weiß-Reminiszenz auf meinem Schreibtisch liegt, dargeboten hat als fein
gewebtes Muster im Teppich meines Lebens.
Meine Mutter, schwarze Pariser Pfennigabsätze, Dreiviertelarmoberteil aus einem
Gemisch dunkler Seide und Baumwolle, knielanger, figurbetonter Rock und die
Haare modisch hochgesteckt, bückt sich zu einem Wägelchen hinunter, das man
heute Buggy nennen würde und in dem mein kleiner Bruder sitzt. Ich lächle in die
Kamera. Neben mir steht der junge Mann, vielleicht siebzehn, achtzehn Jahre alt,
in Anzug und weißem Hemd, aber doch deutlich einer anderen Realität von Zugang
zu Geld und Bildung angehörend als meine Familie. Er strahlt und winkt mir
zu. Seine weiche, melodische und möglicherweise vom Stolz über seine Kenntnisse
ein wenig gehobene Stimme klingt mir noch in den Ohren.
Mit leuchtenden Augen sagte er „Oilitleh!“ Er sagte es zweimal und beim zweiten
Mal wendete sich meine Mutter mit einem höflichen Lächeln hilfesuchend zu meinem
Vater um, der gerade die Fotos schoß.
Wie die Situation ausging, weiß ich nicht mehr, nur daß ich später im Auto fragte,
was der Mann denn gesagt habe, weil ich das Wort nicht kannte und spürte, daß
irgendetwas nicht in Ordnung war.
Ach, sagte meine Vater, nichts weiter. Er hat Oilitleh gesagt. Viele meiner Landsleute
glauben, daß sei die schickliche Art, Deutsche zu begrüßen.
Ich machte ein Liedchen aus dem Wort, was meinen Vater zum Lachen brachte.
Oilitleh, Oilitleheh, Ohoilitleh und immer so fort, bis meine Mutter auf dem Beifahrersitz
herumfuhr, mich ärgerlich ansah und mir den Mund verbot. Erschrocken
über die ungewohnte Behandlung, starrte ich verwirrt, auch verschämt, auf den
Boden. Sie aber sagte nichts weiter, drehte sich nur um und schwieg beharrlich.
Was heißt das, fragte ich später meinen Vater, der mich ins Bett brachte. Was heißt
Oilitleh? Das Sprech- oder besser Singverbot hatte dazu geführt, daß ich inzwischen
ganz vernarrt war in das Wort. Und warum hat der Mann den Arm so komisch
nach vorn gestreckt, als er es sagte?
Vater strich mir über dir Stirn. Es gab einmal einen König in Deutschland, erklärte
er. Er hieß Hitler und er dachte, die besten Menschen der Welt kämen aus dem
Iran. Er nannte sie Arier. Und, wie du weißt, ist der Titel unseres iranischen Königs
Shâhanshâh Âriâmehr, Kaiser der Könige, Licht der Arier. Die Deutschen mögen
die Iraner deswegen, und die Iraner mögen die Deutschen, genau wie deine Mutter
und ich uns ja auch lieben. Diesen König begrüßte man so, wie der Mann auf der
Straße deine Mutter begrüßte, als er herausfand, daß sie Deutsche ist: Man streckte
den Arm aus und sagte „Heil Hitler!“ Mit einem persischen Akzent gesprochen,
klingt es das dann an wie Oilitleh.
Ich dachte über den alten, deutschen König nach. Irgendetwas stimmte immer noch
nicht. Mein Vater schaltete das Licht aus, aber ich rief ihn zurück. Warum darf ich
denn nicht von dem König singen?, wollte ich wissen.
Weil er ein schlechter König war, Kind. Schlechte Könige sollte man nicht besingen,
gab er mir zur Antwort. Dann zog er die Tür zu und ich spürte, daß dies eine
abschließende Erklärung gewesen war, eine, auf die keine weitere folgen würde.
Trotzig summte ich meine Oilitleh-Melodie vor mich hin, bis ich einschlief, und
behielt diese Angewohnheit noch wochenlang bei.

Rezension I Buchbestellung I home IV06 LYRIKwelt © Sudabeh Mohafez