Wilde Reise durch die
Nacht
(Leseprobe aus:
Wilde
Reise durch die Nacht, Roman, 2001, Eichborn).
Als es dunkel wurde,
stach Gustave in See. Er zog es vor, während der Nacht zu reisen - da er sowieso nicht
wußte, wohin die Fahrt gehen sollte, schienen die Sichtverhältnisse nebensächlich zu
sein. Der Himmel war von tintigen Wolken überzogen, nur ab und zu lugte ein Stern oder
das kraternarbige Gesicht des Mondes dazwischen hervor und spendete gerade genug Licht, um
das Steuerrad in seinen Händen erkennen zu können. Gustave hatte gelesen, daß es
möglich war, sich auf dem Meer am Stand der Sterne zu orientieren. Er wollte sich diese
Kunst eines Tages gefügig machen, aber im Augenblick mußte er sich auf seine Instinkte
verlassen.
»Hart Backbord!« brüllte er über das Deck und riß das Steuerrad nach links. Befand
sich Backbord rechts oder links? Fuhr das Schiff nach rechts, wenn man das Steuer nach
links drehte oder war es umgekehrt? Gustave wischte die Fragen vorläufig zur Seite und
kurbelte energisch an dem hölzernen Rad, um seinen Männern den Eindruck wilder
Entschlossenheit zu geben.
»Wir werden ihm nicht entkommen, Käpt'n!« Dante, sein treuer und einäugiger
Steuermann, war hinter ihn getreten. Die Stimme des erfahrenen Seemanns bebte vor Furcht.
»Wir können ihm unmöglich entrinnen, nicht wahr?«
Obwohl er erst zwölf Jahre alt war, blickten die Männer der Aventure zu Gustave
auf wie zu einem Giganten - auch wenn sie sich dabei hinabbeugen mußten. Dante knetete
seine Mütze in den groben Fäusten und sah den jungen Kapitän mit seinem
übriggebliebenen Auge hoffnungsvoll an. Gustave hielt die Nase in den Wind und
schnupperte. Die Luft war feucht und warm, wie vor einem großen Gewitter.
»Entkommen?« gab er über die Schulter zurück. »Wem entkommen, mein treuer Dante?«
»Na, dem Sturm, Kapitän! Oder besser: den Stürmen, nicht wahr.« »Sturm?« fragte
Gustave. »Was für eine Art von Sturm meinst du denn?«
»Ich meine einen Siamesischen Zurillingstornado, Käpt'n! Und er ist uns schon
dicht auf den Fersen.« Dante wies mit zitterndem Zeigefinger zum Heck des Schiffes, und
Gustaves Blick folgte ihm. Was er dort sah, war in der Tat furchteinflößend: Zwei
mächtige Wasserhosen hatten sich aus dem Meer erhoben, ihre wirbelnden Stämme ragten
hinauf bis in die dunklen Wolken, saugten den Ozean und alles, was sich darin befand, in
den Himmel. Sie brüllten wie tobsüchtige Riesen und kamen der Aventure buchstäblich in
Windeseile näher.
»Soso, einer von diesen Siamesischen Zwillingstornados also«, sagte Gustave
betont gelassen. »Nun, das ist unerfreulich, aber noch lange kein Grund, die Kontrolle
über seine Kniegelenke zu verlieren.« Er blickte tadelnd auf Dantes zitternde Beine.
»Holt die Segel ein! Drei, äh, vier Strich Steuerbord!« kommandierte Gustave zackig.
Der Steuermann riß sich zusammen, beschämt von der Todesverachtung dieses kaltblütigen
Jungen. »Jawohl, mein Kapitän!« salutierte Dante. Er schlug die Hacken zusammen und
entfernte sich steifbeinig.
Gustaves Knie wurden erst weich, nachdem Dante davongestelzt war. Seine Hände klammerten
sich ans Steuerrad fest. Ein Siamesischer Zwillingstornado - na großartig, das war
das gefährlichste Naturereignis, das einem auf allen sieben Meeren blühen konnte! Zwei
verschwisterte Wirbelstürme, metereologische Zwillinge, die anscheinend auf telepathische
Art miteinander kommunizierten und gemeinsam Jagd auf Schiffe machten. Wenn einen der eine
nicht erledigte, besorgte es der andere.
Gustave warf einen Blick zurück auf die brüllenden Wirbel. Sie schienen beide ihren
Umfang im Handumdrehen verdoppelt zu haben, Gustave sah riesige Kraken, Wale und Haie, die
von ihnen aus dem Meer gerissen und durch die Luft geschleudert wurden. Blitze zuckten
zwischen den torkelnden Sturmriesen hin und her, ein Geflecht aus weißem, blendendem
Licht, das die Aventure aufleuchten ließ wie ein Geisterschiff.
»Aha - so kommunizieren sie also!« kombinierte Gustave. »Durch Elektrizität! Ich muß
diese Erkenntnis umgehend der internationalen Tornadowissenschaft zukommen lassen - wenn
ich das hier überleben sollte.«
Er blickte wieder nach vorn. »Es ist vollkommen gleichgültig, wohin ich steuere«,
überlegte er. »Fahren wir nach links, erwischt uns der linke Tornado. Fahren wir nach
rechts, der rechte.« Kaum hatte er diesen trostlosen Gedanken zu Ende gedacht, da wurde
die Aventure von einer gewaltigen Dünung in die Höhe gehoben. Für einen Moment
stand das Schiff fast bewegungslos über der See, in einer Krone aus weißer Gischt. Der
Ozean schien in seinem ewigen Rollen innezuhalten, als sei er zum Komplizen der
Wirbelstürme geworden, der ihnen das fliehende Schiff auf einem schäumenden Tablett
servierte.
»Wir stehen auf der Stelle!« dachte Gustave verzweifelt. »Wir sind verloren.«
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