aus:Tender Bar von J.R. Moehringer, 2007, S. Fischer

J. R. Moehringer

Prolog: Einer von Vielen
(Leseprobe aus: Tender Bar, Erzählung, 2007, S. Fischer - Übertragung Brigitte Jakobeit)

Wir gingen hin, weil wir dort alles bekamen. Wir gingen hin, wenn wir
Durst hatten, versteht sich, aber auch wenn wir hungrig waren oder hundemüde.
Wenn wir glücklich waren, gingen wir hin, um zu feiern, wenn
wir traurig waren, um Trübsal zu blasen. Nach Hochzeiten und Begr8bnissen
gingen wir hin, um unsere Nerven zu beruhigen, und vorher, um
uns schnell Mut anzutrinken. Wir gingen hin, wenn wir nicht wussten,
was wir brauchten, in der Hoffnung, jemand könnte es uns sagen. Wir
gingen hin, wenn wir Liebe suchten oder Sex oder Ärger oder wenn jemand
verschwunden war, denn früher oder sp8ter tauchte dort jeder
auf. Vor allem aber gingen wir hin, um uns finden zu lassen.
Die Liste meiner persönlichen Nöte war lang. Als vom Vater verlassenes
Einzelkind brauchte ich eine Familie, ein Zuhause und M8nner. Vor
allem M8nner. Ich brauchte M8nner als Mentoren, Helden, Vorbildfiguren
und als Gegengewicht zu meiner Mutter, Großmutter, Tante und
fünf Cousinen, mit denen ich zusammenlebte. Die Bar verhalf mir zu all
den M8nnern, die ich brauchte, und auch zu einem oder zwei, auf die
ich gut hätte verzichten können.
Die Bar rettete mich, lange bevor ich offiziell trinken durfte. Sie gab
mir meinen Glauben zurück, als ich ein Junge war, hütete mich als Teenager,
und als junger Mann nahm sie sich meiner an. Und obwohl ich
fürchte, dass wir uns zu dem hingezogen fühlen, was uns verl8sst oder
was uns höchstwahrscheinlich verlassen wird, bin ich letztlich überzeugt,
dass wir von dem geprägt werden, was zu uns steht. Natürlich
stand auch ich zu der Bar, bis sie mich eines Abends abwies, und durch
diesen endgültigen Verzicht rettete sie mir das Leben.

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