Die Schatten der Idee
(Leseprobe aus: Die Schatten der Idee, Roman, 2008, Eichborn).
Das Summen. Wie sehr fernes, fremdes
Stimmengemurmel. Zur Melodie des Kühlschranks gehörte vielleicht auch ein Text.
Eine Stimme aus dem Gestern. Oder Vorgestern. Aus einer Zeit, in der man sich
Weine der Jahrgänge 40 folgende in den Keller gelegt hatte. Weine, die nie
getrunken worden waren. Aber warum nicht?
Ob die wohl noch trinkbar waren? Oder auf Weinauktionen bei Sammlern horrende
Preise erzielen würden? Nicht sein Bier, gewiß, nicht einmal sein Wein, und
trotzdem … Er nippte am Kaffee, steckte sich eine Zigarette an. Die Wirbel des
Rauchs stiegen zur Decke. Der Ventilator zerschlug sie zu formlosem Dunst. Der
Staub, den er im Keller aufgewirbelt hatte, müßte sich inzwischen wieder gesetzt
haben. Einfach mal nachsehen.
Die Stiege knarrte bei jedem Schritt. Von dem 48er Bordeaux Trimoulet Grand Cru
gab es sieben Flaschen. Als er eine aus dem Regal zog, rutschte der Stapel
auseinander, so daß die Flaschen nicht mehr übereinander, sondern nebeneinander
auf dem Brett lagen und den Blick auf etwas freigaben, was sich zwischen den
Flaschenböden und der Kellerwand befand - noch ein Stapel. Aber das waren keine
Flaschen, sondern Bücher. Oder Schreibkladden? Daneben ein brauner Pappkarton
mit dem aufgedruckten Schriftzug Western Union Delivery Service. Carlsen stellte
die Flaschen vorsichtig auf den Boden und zog den Papierstapel nach vorn. Zehn
Composition Books, gebunden in schwarz-weiß melierte Pappe, mit Leinenstreifen
am Rücken verstärkt, Aufsatzhefte, wie sie in fast unveränderter Form auch heute
noch am College benutzt wurden. 40 Sheets - 10 X 7 7/8 - College & Margin stand
auf den Etiketten. Die Felder für Name, Class und Instructorwaren nicht
ausgefüllt, die einzelnen Kladden jedoch durchnumeriert von 1 bis 10, die
Ziffern in blauer Tinte mit energischem Zug geschrieben. Die 1 war kein
einfacher Strich, wie im Amerikanischen üblich, sondern mit Aufstrich
versehen,und auch die 7 wies den europäischen Querstrich auf.
Was hielt Carlsen da in Händen? Aufsatzhefte aus dem Collegebetrieb der
vierziger Jahre? Die linierten, an den Rändern vergilbten und verstaubten
Blätter waren rechtsseitig gleichmäßig beschrieben; auf den linken Seiten
standen mit Pfeilen und Kreuzen markierte Einschübe, Korrekturen oder Nachträge.
Die Handschrift war fließend, nach rechts geneigt, routiniert ausgeschrieben.
Auf den ersten Blick konnte Carlsen sie nicht entziffern, doch erinnerte sie ihn
an die Handschriften seiner Eltern, mehr noch seiner Großeltern, Schriften von
Leuten, die auf der Schule noch mit Sütterlin oder Kurrentschrift begonnen, dann
aber im Lauf der Jahre ihre individuellen Mischungen aus alter und neuer Schrift
entwickelt hatten.
Und erst im Kurzschluß mit dieser Erinnerung an ein vergessenes Vertrautes
dämmerte Carlsen, daß die Hefte in deutscher
Sprache geschrieben waren. Einzelne Worte klärten sich, Alptraum und
Universität, hier und da ein Halbsatz, von brandmarken und ausmerzen wurde
gefaselt. Was war das? Worum ging es hier? Er schlug die erste Seite des mit 1
numerierten Hefts auf. Sie enthielt wie eine Überschrift nur eine einzige
unterstrichene Zeile in lateinischen Großbuchstaben:
VERMONT STATE PRISON, WINDSOR
Vermonter Staatsgefängnis, Windsor. Wieso Staatsgefängnis? Gut, auch Schulen und
Hochschulen konnten manchmal wie Gefängnisse
sein oder wirken, aber diese doch nicht! Dies war doch das traditionsreiche,
ehrwürdige, höchst renommierte College in Centerville, Vermont, und kein
Staatsgefängnis. Carlsen blätterte um. Die zweite Seite war bereits voll
durchgeschrieben und begann mit Mir … Gatten den… Polen, nein, Pölen … Ah, das
war wohl kein M, sondern ein W, und hieß dann … richtig, ja: Wir hatten den
Pöbel… nie, nein, nicht nql …
Im trüben Schein der Glühbirne, die unter Drahtgitter von der Decke funzelte,
war das einfach nicht zu entziffern. Und durfte er es überhaupt entziffern?
Aufzeichnungen aus einem Staatsgefängnis? Vergessen in dieser Abseite? Versteckt
womöglich? Immerhin Aufzeichnungen in deutscher Sprache. Als hätten sie auf
einen gewartet, der sie entziffern konnte, gewartet ausgerechnet auf einen wie
Moritz Carlsen, der bei Stromausfall die Kellertreppe herunterfiel.
Und was war in dem Karton? Western Union Delivery Service. Der Karton war weder
verschnürt noch verklebt. Er hob den Deckel ab.
Drei Aktenordner, mehr oder weniger dick, alle unbeschriftet und
zusammengehalten von Gummibändern. Carlsen legte die Kladden
dazu und spürte eine vibrierende Erregung, ein Zittern fast, als er wieder nach
oben stieg und den Karton auf dem Schreibtisch absetzte.
Er nippte am kaltgewordenen Kaffee, stapelte die Kladden aufeinander, steckte
sich eine Zigarette an, griff zum ersten Aktenordner.
Durfte er das? War das jetzt etwa sein Bier? Er legte den Ordner wieder ab,
suchte in der Telefonliste nach dem Custodial Service, griff zum Hörer, wählte
aber nicht. Heut war ja Sonntag und das Servicebürovermutlich nicht besetzt. Mit
den Fingerspitzen trommelte er auf der Schreibtischplatte herum, im Rhythmus des
summenden Kühlschranks, im Rhythmus seiner eigenen, zitternden Erregung,
zerdrückte die Zigarettenkippe im Aschbecher, suchte Hockis Nummer, wählte.
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