Vierundzwanzig Türen von Klaus Modick, Eichborn-Verlag, 2000Klaus Modick

1. Dezember
(aus: Vierundzwanzig Türen, Roman, 2000, Eichborn-Verlag)

Adventskalender sind ja so was von megaout, befand Miriam, verzog dabei das Gesicht zu einer Grimasse aus Abscheu und Verachtung und stülpte sich wieder den Kopfhörer ihres Walkman über die Ohren. Geräuschbrei flirrte durch den Raum, BeatlesRecycling der Gruppe Oasis der dritte Aufguß. Uncool sind die!
Schrei nicht so, sagte ich. Wir sind doch nicht schwerhörig.
Was hast du gesagt? Sie lüftete überm linken Ohr den Kopfhörer.
Daß du nicht so brüllen sollst.
Muß ich doch. Sie ließ den Kopfhörer wieder ans Ohr flappen. Sonst versteh ich nicht, was ich sage.
Auch gut, sagte Stacy, dann gibt's dies Jahr wenigstens keinen Streit, wer die Türchen aufmachen darf. Sie nickte Laura aufmunternd zu. Du kannst jetzt Nummer Eins aufklappen.
Doch Laura zog die Nase kraus, dachte also intensiv nach, und ließ wie abwägend noch etwas von dem an der Kerze herunter gelaufenen und erstarrten Wachsstrang in die Flamme tropfen. Dann schaute sie zweifelnd zu ihrer großen Schwester hinüber, legte sogar die glatte Stirn in grüblerische Falten und sagte schließlich entschlossen: Nö.
Was heißt denn hier nö? Sollen Mama und ich etwa die Türchen aufmachen?
Von mir aus, sagte Laura, mehr melancholisch als patzig, und hielt ein Zweigende des Adventskranzes in die Kerzenflamme. Es prasselte und zischte und roch nach meiner eigenen Kindheit. Möglich, daß mich mit knapp fünfzehn, in Miriams Alter also, Adventskalender auch nicht mehr so recht vom Hocker gerissen hatten. Aber mit dreizehn? Mit den zarten dreizehn meiner kleinen Laura?
Als ich in eurem Alter war, sagte ich, also jedenfalls in deinem, da war ein Adventskalender was ganz Besonderes, etwas wie … OasisFetzen fiepten durch Rauchschwaden. Paß doch mit dem Zweig auf! Du zündest uns noch das ganze Haus an!
Ist ja schon gut, Papa, sagte Laura, wenn ich dir damit eine Freude machen kann … Sie ließ den verkohlten Zweigrest auf die Tischdecke fallen, schob im Sitzen den Stuhl zurück, daß er über die Fliesen schepperte, stand auf und schlurfte zum Kaminsims.
Mir eine Freude machen? Für wen veranstalten wir eigentlich den ganzen Advents und Weihnachtszauber? Weihnachtsgeschenke wollt ihr dann ja vermutlich auch keine mehr haben. Soll mir recht sein, murmelte ich, griff nach dem Teller mit Nüssen und Spekulatius und knackte laut und demonstrativ eine Haselnuß.
Ich wünsch mir auf jeden Fall die neue CD von Alanis Morissette! brüllte Miriam, die meine rhetorischen Fragen offenbar kraft familiärer Telepathie empfangen hatte.
An den weißgekalkten Ziegeln der Schornsteinmauer lehnte wie jedes Jahr, pünktlich zum ersten Dezember, ein Adventskalender. Alle Jahre wieder hatte sich Stacy der Qual ausgesetzt, eine Wahl zu treffen zwischen katholischfrömmelndem Christkindskitsch und putziger Weihnachtsmannbiederkeit, drolligen Genreszenen aus der verschneiten Welt Walt Disneys und mund und fußgemaltem Behindertenkunstgewerbe, anthroposophisch angehauchten Astralfiguren und pädagogisch korrekter SOSKinderdorfkunst, skandinavischer Trollknolligkeit und deutscher Rauschgoldseligkeit, naiver Malerei aus Entwicklungsländern und knalliger ComicstripÄsthetik. Und rätselhafterweise war es ihr auch immer gelungen, einen Kalender aufzutreiben, der den Mädchen gefiel und uns selbst nicht in Peinlichkeiten stürzte, wenn Nachbarn oder Freunde sich im Haus umsahen und aus der Qualität der Weihnachtsdekoration unsere Zurechnungsfähigkeit in Geschmacksfragen hochrechneten.
Der sieht ja fast aus wie 'ne DiskoKugel, staunte Laura und starrte den Kalender an, den Stacy gestern aus der Stadt mitgebracht und vorhin aufgestellt hatte. Sind das Spiegel da drauf? Oder was? Sie nahm den zeitungssseitengroßen, daumendicken Gegenstand vom Sims und legte ihn auf den Tisch. Ist ja voll geil …
Diese Information durchdrang sogar die akustischen Scheuklappen von Miriams Kopfhörer, aus dem jetzt die Gruppe Nirvana lärmte. Spiegel? echote sie wie erwachend, zog den Kopfhörer von den Ohren und griff nach dem Kalender. Zeig mal her das Teil.
In einer Mischung aus selbstverachtender Pickelsuche und erwachender Selbstverliebtheit war Miriam nämlich seit einiger Zeit einem Spiegelfetischismus verfallen; wenn sie nach stundenlanger Identitätssuche das Badezimmer freigab, hätte es mich gelegentlich nicht einmal mehr gewundert, wenn mich statt meines ihr Bild aus dem Spiegel angesehen hätte.
Laß mich doch mal sehen, eyh!
Nö, mauerte Laura, das hab ich jetzt. Das siehste doch. Du findest Adventskalender ja auch was für Babys.
Quatsch, sagte Miriam, zeig doch mal, und rückte neben ihre Schwester; beide hielten schweigend und grimassierend ihre Gesichter über die glänzende Fläche: Ein selten gewordenes Bild schwesterlicher Eintracht. Zum Fotografieren schön. Aber bevor man eine Kamera geholt hätte, lägen die beiden sich längst wieder in den Haaren. Außerdem hatte mein Fotoapparat vor einigen Monaten den Geist aufgegeben ein uraltes Gerät aus den fünfziger Jahren, das mir mein Patenonkel einmal zu Weihnachten geschenkt hatte, nachdem es ihm selbst nicht mehr zeitgemäß vorgekommen war. Ich war damit aber fast vierzig Jahre zufrieden gewesen, auch wenn es wegen der umständlichen Handhabung nur zu Schnappschüssen kam, die zuvor ganz spontan arrangiert worden waren. So wünschte ich mir also zu Weihnachten eine neue Kamera.

Die Abbildung auf dem Kalender zeigte ein von Bäumen umgebenes, kleines Haus mit einem Stall oder einer Scheune; tief heruntergezogene Dächer berührten fast den Boden; hohe alte Bäume, Buchen und Eichen wohl, umstanden das kleine Gehöft. Und alles war tief verschneit, so tief, daß der Schnee fast bis zu den Fenstern hinaufreichte. Die vierundzwanzig Türchen, über denen kleine Ziffern standen, waren offenbar aus Spiegelglas geschnitten; in unregelmäßigen Abständen über das Bild verteilt, ließen sie die Grundzüge noch klar erkennen, gaben dem Motiv jedoch zugleich das Aussehen eines unvollständigen Mosaiks, in dessen Teilen sich das Licht der Lampe und der Kerzen spiegelte. Und wenn man sein Gesicht darüber hielt, sah man sich selbst aus vierundzwanzig Gesichtern entgegen.

Laura drückte jetzt mit den Fingernägeln an dem Türchen mit der Nummer 1 herum, das sich am unteren, rechten Bildrand befand.
Laß mich mal, sagte Miriam.
Finger weg, schnappte Laura.
Das Türchen öffnete sich. Das Aquarell schien auf eine Sperrholzplatte geklebt worden zu sein, in die Aussparungen für die Quadrate aus Spiegelglas gesägt waren, und ein an die Glasrückseite fixierter, als Scharnier dienender Gazestreifen steckte zwischen dem Holz und der hinteren Schicht.
Das ist ja schon wieder ein Spiegel, sagte Laura verblüfft und merklich enttäuscht. Das find ich aber ätzend, wenn hinter den ganzen Spiegeln immer nur das gleiche steckt.
Dann mach ich jetzt mal Nummer zwei auf, schlug Miriam vor. Vielleicht gibt's da was zu sehen.
Nummer zwei wird erst morgen aufgemacht, sagte ich. Das ist nun mal so. Das war auch schon immer so.
Och, Papa, maulte Laura, stell dich doch nicht so an …

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