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Unbekannte
Frauen
(Leseprobe aus: Unbekannte
Frauen, Roman, 2002, Hanser -
Übertragung Elisabeth Edl)
In dem
Sommer, als ich sechzehn war, haben wir in einer großen Villa in Talloires
gearbeitet. Am Abend bedienten wir bei Tisch, meine Tante und ich. Monsieur und
seine Frau empfingen viele Gäste. Nachmittags fuhren sie zum Golfspielen nach
Aix-les-Bains. Die Frau war eine vornehme Blondine. Sie hatten vier Kinder, zwei
Töchter in ungefähr meinem Alter, einen neunzehnjährigen Sohn und einen
anderen, fünfundzwanzigjährigen, der seinen Militärdienst in Algerien
ableistete.
In jenem Sommer war er für einen längeren Urlaub nach Talloires gekommen. Ein
Blonder mit einer in die Stirn fallenden Haarsträhne und einem Gesicht, das
meine Freundin Sylvie "romantisch" gefunden hätte. Er setzte oft eine
verträumte oder gequälte Miene auf, aber seinen Bruder oder seine Schwestern
kommandierte er mit autoritärer Stimme herum, weckte sie früh am Morgen, um
mit ihnen Tennis zu spielen oder in den Segelklub nach Les Marquisats zu fahren.
Morgens organisierten die beiden Brüder im Park der Villa sogenannte Liegestütz-Wettbewerbe.
Es ging darum, wer länger durchhielt, wenn sie, den Körper in horizontaler
Lage auf dem Rasen, die Arme anwinkelten und durchstreckten. Ich machte sein
Bett und räumte sein Zimmer auf, und ich hatte auf seinem Nachttisch ein Buch
bemerkt, an dessen Titel ich mich noch erinnere: Comme le temps passe…
An der Wand neben dem Bett ein großes Photo seiner Mutter, und auf seinem
Schreibtisch ein Dolch in einer ledernen Scheide.
Ich hatte ihn oft Tennis spielen sehen und jedesmal mit einem anderen Mädchen.
Mir fiel auf, daß er offensichtlich der Liebling seiner Mutter war und daß auch
er sehr große Zuneigung für sie empfand.
Zu mir war er herablassend. Eines Abends hatte er mich in schroffem Ton gebeten,
ihm einen Orangensaft zu bringen. Eines Morgens, etwas freundlicher, aber so,
als ob die Sache ganz selbstverständlich wäre, ihm seine Mokassins zu putzen.
An einem anderen Tag hatte er gesagt: "Wenn Sie Mama sehen, sagen Sie ihr
doch, daß ich den Abend in Genf verbringe…" Es war das erste Mal, daß
ich jemanden auf diese Weise "Mama" sagen hörte. Wenn ich mit
jemandem über meine Mutter gesprochen hätte, dann hätte ich einfach gesagt:
meine Mutter.
Eines Abends gegen neun war ich auf einmal mit ihm allein. Ich stand in der Küche
der Villa und machte gerade den Abwasch fertig. Er sagte:
"Ich hätte gern, daß Sie mir einen Whisky in den Salon bringen…"
Ich richtete das Tablett her mit Flasche, Perrier, Eiswürfeln, Glas.
Im Salon verbreitete die Lampe ein Dämmerlicht. Er saß auf dem Kanapee. Ich
habe das Tablett auf den niedrigen, langen Tisch gestellt. Ich spürte seinen
Blick auf mir. Er wirkte verlegen, beinahe schüchtern:
"Wie alt bist du?"
Er hatte das ganz plötzlich gefragt. Ich antwortete: sechzehn. Dann war es eine
Weile still.
"Hast du einen Freund?"
Ich antwortete: nein. Er trank einen Schluck Whisky, da, vor mir. Ich blieb
stehen.
"In deinem Alter hatte ich einen Haufen Freundinnen…"
Sein Ton war arrogant, als wollte er mir eine Lektion erteilen. Ich wäre am
liebsten aus dem Salon gegangen. Mit schneidender Stimme sagte er:
"Du bist ein hübsches Mädchen, weißt du…"
Dann verzog er krampfhaft das Gesicht und sagte sehr schnell:
"Würden Sie mit in mein Zimmer kommen?"
Ich weiß nicht, warum ich mitgegangen bin. Er hat die Nachttischlampe angezündet,
die Hände auf meine Schultern gelegt und mich auf die Bettkante niedergedrückt.
Dann küßte er mich. Ein langer, sehr bemühter Kuß, solche hatte ich mit
ungefähr dreizehn von Jungen bekommen, wenn sie auf die Uhr schauten und wir zu
mehreren Der-Kuß-der-am-längsten-dauert spielten. Es wunderte mich etwas, daß
er mir in seinem Alter so einen Kuß gab. Mit einer brüsken Bewegung warf er
mich nach hinten auf das Bett und legte sich neben mich. Wieder küßte er mich
auf den Mund, immer noch in dieser Art von Der-Kuß-der-am-längsten-dauert.
Dann rückte er ein wenig von mir ab. Wir lagen einfach so da, nebeneinander.
Ich traute mich nicht aufzustehen. Er hat sich eine Zigarette angezündet. Er
wirkte nervös. Er hat mir auch eine angeboten. Ich habe abgelehnt. Er fragte:
"Bist du noch ein richtiges Mädchen?"
Was war das, ein richtiges Mädchen? Ich gab keine Antwort.
"Ich meine… bist du Jungfrau?"
Das fragte er mich auf dieselbe kalte und eindringliche Art wie ein Arzt. Ich
antwortete, daß ich es nicht wüßte. Ich habe den Kopf weggedreht. Mein Blick
fiel auf das Photo seiner Mutter.
Dann hat er sich auf mich gelegt. Ich glaubte, er würde mich ersticken. Er rieb
sich an mir, und da er sich nicht ausgezogen hatte, passierte gar nichts. Wieder
ein Kuß-der-am-längsten-dauert. Das Ganze ließ mich eiskalt. Ich spürte, daß
er selbst nicht richtig bei der Sache war, und ich hatte immer die Frage im
Kopf, die er mir in diesem Arzt-, aber auch Pfarrerston gestellt hatte. Ich
fragte mich, ob er sich auch bei den anderen Mädchen, denen vom Tennisplatz, so
benahm. Es war nie dieselbe. Er lag immer noch schwer auf mir. Er versuchte,
mich allzu hartnäckig auf den Hals zu küssen. Es war mühsam. Er zwang sich.
Wieder ist er von mir abgerückt, und ich fragte mich, ob ich bleiben sollte.
Ich wußte überhaupt nicht mehr, warum ich hier war. Von dem Photo herab
betrachtete uns seine Mutter.
"Willst du, daß ich dir etwas sehr Schönes vorlese?"
Diese Frage hat mich überrascht. Er hat den Arm ausgestreckt und das Buch vom
Nachttisch genommen mit dem Titel Comme le temps passe…
"Das ist sehr schön… Der Absatz heißt ›Die Nacht von
Toledo‹…".
Er begann zu lesen, mit dieser komisch gezierten Arzt- und Pfarrersstimme. Die
Beschreibung der Liebesnacht, die ein Paar in einem Hotelzimmer in Toledo
verbrachte. "Sie sind nackt, eng aneinandergeschmiegt… In der Unschuld
des Gartens, während draußen die spanische Nacht…"
Er las weiter: "Körper eines jungen Mannes, aufrecht vor seiner Beute…
Brüderlicher Kampf…"
Ich mußte schließlich laut loslachen. Er starrte mich mit offenem Mund an. Er
hat das Buch zwischen uns gelegt. Plötzlich bekam er einen sehr harten Blick,
und seine Lippen waren noch schmaler als zuvor. Ich konnte nicht mehr aufhören
zu lachen.
"Hau ab, du kleiner Schmutzfink…"
Das war ein lächerliches Wort, das niemand mehr gebrauchte, aber mit diesem
Wort wollte er mich sicher demütigen. Ich bin aufgestanden und einen Moment vor
der Tür stehengeblieben. Ich blickte ihm gerade in die Augen, und er konnte
mich nicht zwingen, den Blick niederzuschlagen. Seine Lippen waren jetzt noch
schmaler. Er sah aus, als würde er mich gleich mit einer Fistelstimme
beschimpfen. Oder mit einer Frauenstimme, wie der seiner Mutter. Oder zischen
wie eine Schlange.
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