Die kleine Bijou von Patrick Modiano, Hanser

Patrick Modiano

Aus tiefstem Vergessen
(Leseprobe aus: Die kleine Bijou, Roman, 2000, Hanser - Übertragung Peter Handke)

An dem Abend, da ich in der Metro meine Mutter wiederzuerkennen glaubte, war es schon länger her, daß ich dem begegnet war, der sich entweder Moreau oder Badmaev nannte. Das war in der Buchhandlung Mattei gewesen, am Boulevard de Clichy. Die hatte am Abend lange offen. Ich suchte einen Kriminalroman. Um Mitternacht waren wir die beiden einzigen Kunden, und er empfahl mir einen Titel der Série Noire. Wir gingen dann miteinander den Boulevard entlang und unterhielten uns. Momentweise betonte er die Worte eigentümlich, was mich auf den Gedanken brachte, er sei Ausländer. Später erklärte er mir, der Name Badmaev stamme von seinem Vater, den er kaum gekannt habe, einem Russen. Doch seine Mutter sei Französin gewesen. Auf dem Stück Papier, auf das er mir an jenem ersten Tag seine Adresse notiert hatte, stand: Moreau-Badmaev.
Wir redeten über alles und nichts. In jener Nacht erzählte er mir nicht viel von sich, außer daß er in der Nähe der Porte d’Orléans wohne, und er sei nur zufällig in die Gegend gekommen. Und das sei ein glücklicher Zufall gewesen, er habe mich getroffen. Er wollte wissen, ob ich noch andere Bücher läse, nicht bloß Kriminalromane. Ich habe ihn begleitet bis zur Metrostation Pigalle. Er hat mich gefragt, ob wir uns wiedersehen könnten. Und mit einem Lächeln hinzugefügt:
»Auf diese Weise werden wir versuchen, klarer zu sehen.«
Dieser Satz hatte mich sehr beeindruckt. Es war, als errate er meine Gedanken. Ja: ich befand mich in einer Periode meines Lebens, da ich klarer sehen wollte.
Alles erschien mir so verworren, von Anfang an, seit meinen frühesten Kindheitserinnerungen... Manchmal streiften sie mich gegen fünf Uhr früh, in der gefährlichen Stunde, da man nicht mehr einschlafen kann. So wartete ich, bevor ich hinaus auf die Straße ging; ich wollte sicher sein, daß die ersten Cafés schon offen hätten. Denn ich wußte: mit dem Moment, da ich ins Freie träte, würden diese Erinnerungen sich verflüchtigen wie die Fetzen eines bösen Traums. Und das zu gleichwelcher Jahreszeit. Die Wintermorgen, an denen es noch dunkel ist, bei scharfer Luft, wenn die Lichter brennen und die ersten Gäste an der Theke stehen wie Verschwörer, geben einem die Illusion, der kommende Tag werde ein abenteuerlicher sein. Und diese Illusion wirkt am Morgen noch eine Zeitlang weiter. Im Sommer, wenn sich ein heißer Tag ankündigte und erst wenig Verkehr war, setzte ich mich auf die erste offene Caféterrasse und sagte mir, es genüge, die Rue Blanche hinunterzugehen, und ich käme zum Strand. Auch an Morgen wie diesen verflogen die schlechten Erinnerungen.
Jener Moreau-Badmaev hatte mich in ein Café der Porte d’Orléans bestellt, welches Le Corentin hieß. Ich kam dort vor ihm an. Es war schon dunkel. Es war sieben Uhr abends. Er hatte mir gesagt, er könne nicht früher kommen, er arbeite in einem Büro. Ich sah einen hereinkommen, der etwa fünfundzwanzig war, groß, braunhaarig, in einer Lederjacke. Er bemerkte mich sofort und setzte sich mir gegenüber. Ich hatte befürchtet, er werde mich nicht erkennen. Nie wüßte er, daß ich Die Kleine Bijou geheißen hatte. Wer außer mir wußte das noch? Und meine Mutter? Irgendeinmal mußte ich es ihm vielleicht sagen. Um klarer zu sehen.
Er hat mich angelächelt und mir gesagt, er sei in Sorge gewesen, unser Treffen zu versäumen. An diesem Abend war er länger zurückgehalten worden als üblich. Und außerdem änderten sich seine Arbeitszeiten von einer Woche zur andern. Im Augenblick arbeitete er tagsüber, doch in der nächsten Woche ginge es von zehn Uhr abends bis sieben Uhr früh. Ich habe ihn nach seiner Arbeit gefragt. Er hörte Radiosendungen in fremden Sprachen ab, übersetzte und resümierte sie, für eine Organisation, von der mir nicht klar wurde, ob es sich um eine Presseagentur oder ein Ministerium handelte. Er hatte diese Arbeit bekommen, weil er ungefähr zwanzig Sprachen kannte. Ich war sehr beeindruckt, sprach ich doch nur Französisch. Aber er hat mir gesagt, das sei gar nichts so Außerordentliches. Habe man erst einmal zwei oder drei Sprachen erlernt, ginge es fast von selbst weiter. Jeder sei dazu imstande. Und ich, wovon lebte ich? Na ja, im Augenblick lebte ich von kleinen Halbtagsarbeiten und hoffte auf eine fixe Anstellung. Ich hatte die bitter nötig – vor allem für meine Selbstachtung.
Er hat sich zu mir gebeugt und die Stimme gesenkt:
»Warum? Sie haben keine Selbstachtung?«
Die Frage hat mich nicht schockiert. Ich kannte ihn kaum, aber zu ihm hatte ich Vertrauen.
»Auf was sind Sie aus im Leben?«
Er schien sich für diese vage und zugleich feierliche Frage zu entschuldigen. Er blickte mich mit seinen klaren Augen an, und ich merkte, daß diese von einem beinahe grauen Blau waren. Er hatte zudem sehr schöne Hände.
»Auf was ich im Leben aus bin...«
Ich nahm einen Anlauf. Ich mußte ihm antworten. Jemand wie er, der zwanzig Sprachen sprach, hätte mein Schweigen nicht verstanden.
»Ich suche... menschliche Kontakte...«

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