Aus tiefstem Vergessen von Patrick Modiano, 2000, Hanser

Patrick Modiano

Aus tiefstem Vergessen
(Leseprobe aus: Aus tiefstem Vergessen, Roman, 2000, Hanser - Übertragung Elisabeth Edl)

Die Nacht war schon lange hereingebrochen, als ich das Hotel verließ. Durch die Rue des Bernardins ging ich zum Quai hinunter. Ich klopfte an ihre Tür. Sie kam, um mir aufzumachen. Sie trug einen ihrer grauen Pullover mit Zopfmuster und Rollkragen und ihre schwarze, an den Knöcheln enganliegende Hose. Das Bett in der Nähe des Fensters war zerwühlt, und die Vorhänge waren zugezogen. Jemand hatte den Schirm der Nachttischlampe abgenommen, aber die winzige Glühbirne ließ vieles im Dunkeln. Und immer noch dieser Äthergeruch, sogar stärker als gewöhnlich.
Sie setzte sich auf den Bettrand und ich mich auf den einzigen Stuhl, der an der Wand neben dem Waschbekken stand.
Ich habe sie gefragt, ob es ihr bessergehe.
"Ein klein wenig besser..."
Sie fing meinen Blick auf, der an dem offenen Ätherfläschchen mitten auf dem Nachttisch hängengeblieben war. Sie konnte sich wohl denken, daß ich den Geruch bemerkt hatte.
"Das nehme ich, um nicht zu husten..."
Und im Tonfall von jemandem, der sich zu rechtfertigen sucht, wiederholte sie:
"Es stimmt... das ist sehr gut gegen Husten."
Und da sie feststellte, daß ich bereit war, ihr zu glauben, sagte sie:
"Haben Sie es nie probiert?"
"Nein..."
Sie streckte mir einen Wattebausch hin, nachdem sie ihn mit Äther getränkt hatte. Ich zögerte ein paar Sekunden, bevor ich ihn nahm, aber wenn es eine Verbindung zwischen uns schaffen konnte... ich habe tief einatmend an dem Wattebausch gerochen, dann an dem Ätherfläschchen. Und sie anschließend ebenfalls. Eine kühle Frische strömte in meine Lungen. Ich lag neben ihr. Wir waren aneinandergeschmiegt und fielen in die Leere. Das Gefühl der Frische wurde immer stärker, und das Ticken des Weckers hob sich in der Stille immer deutlicher ab, so daß ich sein Echo hören konnte.

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