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Johanna
(aus: Johanna oder Die
Erfindung der Nation, Theaterstück, Haymon
- mit einem Beitrag von Sylvia Tschörner)
»HERZOG VON BURGUND:
Wir führen hier seit 100 Jahren Krieg, seit 100 Jahren, Jeanne. Und warum tun
wir das? Weil sich plötzlich etwas in unseren Kopf gesetzt hat, wie ein
Geschwulst, wie ein Geschwür, das uns vor Schmerz zu bösartigen Bestien werden
läßt. Aber dieses Geschwür hatte bis jetzt keinen Namen, wir wußten es nicht
zu benennen, wir haben nur blindlings drauflosgeschlagen. Und nun trittst du auf
– Jeanne, die Jungfrau, die Unschuldige, die Tochter Gottes, und benennst uns
dieses bösartige Geschwür, erklärst es aber zu etwas Gutem, zu etwas
Gesundem, zu einem natürlichen
Bestandteil unseres Gehirns, gibst ihm Kraft deiner Persönlichkeit Schönheit,
Würde und Ansehen, gibst ihm den Namen, den wir seit 100 Jahren gesucht haben,
um eine moralische Rechtfertigung für unsere Untaten zu haben.
JEANNE: Wie lautet dieser Name, Herzog?
HERZOG VON BURGUND: Nation. Nation, Jeanne.
JEANNE: (verzweifelt) Ich kenne dieses Wort gar nicht! Herzog, ich verstehe Sie
nicht! Was wollen Sie mir sagen?
HERZOG VON BURGUND: Ich will dir sagen, daß du etwas Verhängnisvolles getan
hast. Du hast Gefühle im Volk erweckt, die man lieber nicht hätte erwecken
sollen. Es gab bisher keine Fremden. Weil es keine Nation gab. Du hast das Wort
Fremde erfunden, so wie du das Wort Nation erfunden hast. Was wird die Folge
davon sein, eines Tages? Mit diesem Geschwür Nation im Kopf wird es ein
Leichtes sein, das Volk zum Haß gegen andere Nationen
aufzuwiegeln, wird es ein Leichtes sein, das Volk zu überreden, selbst in den
Krieg zu ziehen, statt dies den bezahlten Landsknechten zu überlassen. Der
Bauer verläßt seine Felder, der Handwerker seine Werkbank, begeistert werden
unsere jungen Männer für ihr Vaterland, für ihre Nation töten und sterben.«
Rezension I Buchbestellung I home III04 LYRIKwelt © Haymon