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Zwei
Leben und ein Tag
(Leseprobe aus: Zwei
Leben und ein Tag, Roman, 2007, Luchterhand Literaturverlag)
Unser Fluß war der Hudson River. Wir haben ihn
in seiner ganzen Länge verfolgt, wir sind an beiden Ufern entlanggefahren, oft
nah am Wasser, nie habe ich ihn anders gesehen als mächtig in seiner Breite und
grau von den Schatten seiner bewaldeten Ufer, grau von dem Schlamm, den er von
dem fruchtbaren Hügelland seines Oberlaufs mitnimmt. Wir sind an seinen
steinigen Ufern gesessen, jede Stadt an seinem Unterlauf hat ihre Parks mit
Holztischen und Bänken für Picknicks, ihren Kinderschaukeln, Sandkisten und
Abfallkübeln am Ufer, Irvington, Poughkeepsie, aber er ist kein Fluß, an dem
man die Kinder allein spielen läßt, kein Fluß zum Baden, er ist ein fremder
Riese auf der Durchreise, der kalt und streng seine Schneise durch die Berge
schlägt, und nur selten spannen sich leicht gewölbte Brückenkonstruktionen über
ihm aus, einschüchternde Stahlfesseln aus nächster Nähe, spinnwebenleichte
Spitzenmuster aus der Ferne. Irgendwo zwischen Tarrytown und Irvington weitet
der Hudson sich zum Meeresarm, verliert seine Strömung, drängt die Wälder zurück,
und die Segelboote und Bojen tanzen auf seinem geriffelten Wasser, als gäbe es
keinen Flußlauf mehr, nur diesen großen See zwischen den Felsen und der
Metropole in der Ferne, unentschlossen, wohin er sich von der Strömung ziehen läßt.
Als wohne man einem Unheil bei, so sieht man seinem Ende entgegen, die
taubengraue Skyline von Manhattan steht am Horizont wie ein schwacher Damm. Das
freie Auge kann nicht erkennen, wo sich das Salzwasser in den Schlammfluten auflöst
und das Süßwasser sich mit dem Atlantik vermischt. Es ist kein abruptes Ende,
es ist wie ein Aufgeben, als schwänden die Kräfte, die ihn zur Mündung
treiben, und er ließe die salzigen Wassermassen des Atlantiks ohne Widerstand
tief in sein weit offenes Bett. Auch der Tod eines Flusses ist furchterregend.
Leonard, warum gehst Du nicht dorthin zurück, ins Hudson-Tal,
nach Saratoga, nach Amerika? Du sagst, Amerika sei Dir fremd geworden, Du
verstehst es nicht mehr, Du liebst es nicht einmal. Aber Du hast seit dreißig
Jahren Heimweh, ich höre es in Deiner Stimme, wenn Du vom Hudson redest oder
wenn Du sagst, wie sehr das Meer Dir fehlt. Ich spüre es, wenn ich Dich
besuche, wie fehl am Platz Du Dich fühlst. Du rufst Dir seine
Kindheitslandschaften wach, und es ist wie ein Besuch zu Hause. Der Hudson River
an seinem Oberlauf, dort, wo er bereits ein gezähmter Fluß ist und sogar
Inseln in seinem Bett stehenläßt. Du hast Dir dieses Haus auf dem Hang über
der Donau gekauft, weil sie Dich da, kurz vor Budapest, an den Hudson bei Albany
erinnert. Dort kann man von seinem Ufer den braunen Wellen und Kreiseln der
Stromschnellen zusehen, wenn die tiefstehende Sonne Lichtfunken über das Wasser
springen läßt.
Ich habe ein Foto von Dir, von dem ich nicht mehr genau weiß,
wo ich es aufgenommen habe. Da sitzt Du auf einer ramponierten Parkbank an einem
Flußufer, einem Stück Wiese mit tief herunterhängenden Weiden und einem
schmalen Strand mit runden, vom Wasser abgeschliffenen Granitfelsen. Du schaust
nicht in die Kamera, Du scheinst gar nicht zu merken, daß ich Dich durch die
Linse beobachte. Du blickst auf das Wasser mit einer resignierten Traurigkeit.
Ich habe überlegt, ob Du schon so grau und müde ausgesehen hast, als wir das
letzte Mal zusammen am Hudsonufer in Poughkeepsie waren.
In Albany, nahe der Universität, eine halbe
Stunde vom Hudson entfernt, war diese Galerie mit schlechter zeitgenössischer
Kunst, Vernissagebesucher standen mit Weingläsern herum, und ich wollte gerade
gehen, zum Fluß hinunter, bevor die Sonne unterging. In jeder Stadt suche ich
das Wasser, um mich zu orientieren. Du kamst auf mich zu, feingliedrig,
dunkelhaarig und aus heutiger Sicht unvorstellbar jung, verbeugtest Dich wie ein
freundlicher Diplomat und sagtest, Welcome to America. Du warst zu Hause, und
ich war der Gast, Du standest genau dort, wo Du hingehörtest, im Mittelpunkt
Deiner Welt, zwanzig Meilen von Saratoga entfernt, wo Du aufgewachsen bist.
Jeder von uns beiden hat im Lauf der Jahre den anderen
gefragt: Wäre es Dir lieber, wir wären aneinander vorbeigegangen unter den
scheußlichen Bildern der Galerie in Albany? Aber manchmal bedarf es nur eines
leichten Luftzugs, als sei das Leben ein Staubkorn in einer zugigen Gasse. Wir
waren jung, voll Furcht und Erwartung, damals konnte von jeder zufälligen
Begegnung die Zukunft abhängen. Du nahmst Deinen ganzen Mut zusammen, mich
anzusprechen, und dann warst Du zu nervös, mir zuzuhören. Es war kein rechtes
Gespräch, das wir führten, es war, als stünden wir in einem elektrischen
Feld, in dem es darauf ankam, mit den richtigen Sätzen seine Haut zu retten.
Deine unruhigen Augen suchten einen Fluchtweg, und es gelang ihnen erst, meinem
Blick zu begegnen, als wir auf Dinge zu sprechen kamen, bei denen Du Dich
auskanntest. Während Du mir mit lebhafter Intensität von Deiner Dissertation
über die Figur des Außenseiters bei Herman Melville erzähltest und Deine
Nervosität vergaßt, sah ich, daß Du sanfte graugrüne Augen mit langen,
gebogenen Wimpern hattest und daß die Knochen unter Deinem ein wenig zur Pausbäckigkeit
neigenden Gesicht fein wie die Linien einer Alabastergemme waren.
Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © Anna Mitgutsch/Luchterhand