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Schwestern der Angst
(Leseprobe aus: Schwestern der Angst, Roman, 2010,
Haymon).
Die Firma, bei der ich arbeitete,
produziert Trickfilme für einen Konzern. Das aktuellste Projekt handelte von
Medikamenten, mit denen sich die Intelligenz steigern lässt. Das menschliche
Gehirn ist eine Goldgrube. Digitale Effekte können seine Leistungen erklären und
die Wirkungsweise der besonderen Medikamente bewerben. Die Vorarbeiten zum
Trickfilm führten Regisseur, Assistenten und sogar mich in die Tiefen der
menschlichen Psyche.
Die pharmazeutische Abteilung des Konzerns hatte dazu Fachzeitschriften
geschickt. Ich schmökerte schon eine Weile darin, obwohl ich selbst nur für die
Werbefilme banaler Nahrungsmittel zuständig war. Wie durch magische Kraft
angezogen, blätterte ich immer schneller. Glückshormone tummeln sich im
Synapsenspalt und treiben uns zur Höchstleistung an. Irgendetwas lockte mich.
Mein Gehirn war durch das Wort „Glück“ stimuliert. Ich befeuchtete die Spitze
des Zeigefingers, um die Blätter besser in den Griff zu bekommen. Dann ertappte
ich die Seite, nach der ich suchte, die Substanz, diesen besonderen Botenstoff,
der mich bis aufs Äußerste reizte, der gemischte Gefühle auf höchstpersönlicher
Ebene erregte und mich süchtig machte. Keine leistungssteigernde Droge, keine
wissenschaftliche Erkenntnis, sondern ein simples Interview. Ein Festredner und
eine Festrednerin waren abgebildet, unter den Portraits standen die Namen.
Ich erkannte Marie sofort, obwohl ich sie seit Jahren nicht mehr aus der Nähe zu
Gesicht bekommen hatte. Sie trug eine Brille. Ich las den Bericht über Serotonin
mit angehaltenem Atem. Marie schien Vorträge auf Englisch und Französisch zu
halten. Sie war Professorin und wurde als Koryphäe unter den forschenden Ärzten
des Konzerns bezeichnet. Der Mann an ihrer Seite war der, den ich für mich
erwählt habe, Paul.
Ich erhob mich von meinem Schreibtisch und ging in die Betriebsküche, trank
Wasser, um das aufgebrachte Gemüt zu kühlen. Dann ging ich ins Büro meiner
Chefin. Sie war nicht an ihrem Platz. Ich öffnete die Lade des Schreibtisches
und zog die Lupe hervor, mit der sie das Kleingedruckte auf Rechnungen studiert.
Ich legte die Lupe auf die Gesichter der Festredner und beugte mich, den Fokus
auf die Münder richtend, hinunter. Im Bildtext wurden Marie und Paul als Paar
bezeichnet, doch von Ehe war nicht die Rede. Sie glichen einander nicht durch
die gemeinsam verlebte Zeit, sondern durch die Dünnlippigkeit. Marie hatte einst
sinnliche Lippen gehabt und Paul auch, soweit ich mich erinnerte. Immerhin besaß
er noch sein energisches Kinn. Ich entdeckte in den Zügen bitteren Ernst. Beide
Sprecher waren durch engagierte Strenge gezeichnet. Die Lupe verrutschte und die
Buchstaben verdeutlichten: Marie war nicht nur Ärztin, sie wurde dazu auch noch
als modebewusste und attraktive Wissenschaftlerin vermarktet.
Gewiss, ich war eifersüchtig und aggressiv wegen Paul gewesen, aber dass sie so
nachtragend sein würde, meine Marie, hätte ich nicht vermutet. Im Interview
steht kein Hinweis auf mich. Wie konnte meine Schwester so gemein sein und mich
aus ihrer Karriere löschen, indem sie meine Identität verschwieg. Man fragte sie
im Interview, weshalb sie sich mit Neurophysiologie befasse. Und was für ein
Gefasel über das Geheimnis der Seele des Menschen gab Marie hier zum Besten?
Peinlich. Wir wussten es beide besser: Ich war der Anlass für ihre besondere
Hingabe an dieses Fach. Sie verstieß in weiteren Sätzen nicht nur gegen mich,
sondern auch gegen meine Würde als Frau, denn alle Ermutigungen, die sie in
ihrem Leben erfahren hätte, verdankte sie ausschließlich dem Zufall und Pauls
Förderung, sagte sie. Ihre Familienverhältnisse beschrieb sie als eng und
erstickend. Meine Sorge um sie handelte sie als „Unterdrückung gewisser
Familienmitglieder“ ab. Das konnten unmöglich die Worte meiner Marie sein. Paul
sprach aus ihrem Mund. Er stand ja zwischen uns, er hat uns entzweit.
Rezension I Buchbestellung III10 LYRIKwelt © Haymon