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Umarmung
(Leseprobe aus:
Umarmung, Roman, 2002, DVA).
Als ich mich abends hinsetzte, um das Buch von Ernst H. Kantorowicz über »The King’s Two Bodies. A Study in Mediaeval Political Theology« endlich in die Hand zu nehmen und durchzuackern, und mir einen Schwarztee einschenkte, der mich über das muffig madige Wort Bergamotte nachdenken ließ, während sich das Aroma wie ein Geist aus der Kanne entfaltete, der mir das Lesen der Studie so behaglich wie möglich gestalten sollte, um so lange wie möglich durchzuhalten, läutete es plötzlich an der Tür.
Erst wollte ich mich nicht bemerkbar machen. War froh, allein zu Hause zu sein, hatte eine anstrengende Nacht und einen anstrengenden Tag hinter mir. Draußen wüteten heftige, ja katastrophenartige Schneefälle. Wer schlittert bei solchen Witterungsverhältnissen ausgerechnet zu mir? Die Haustür hatte offen gestanden, das Schloß funktionierte nicht. Deshalb das Geläute gleich heroben an meiner Tür. Ich horchte und konnte nichts hören. Da ich noch im Velourslederkleid steckte, das mir wie eine zweite Haut paßte, die ich nicht ausbeulen wollte durch das Herumlungern auf dem Sofa, also ohnehin noch einmal hätte aufstehen müssen, um mich umzuziehen, und da ich auch noch nicht angefangen hatte, mich mit den »Two Bodies« dieser unauflöslichen Körpergemeinschaft einer persona ficta und non ficta zu beschäftigen, nichts mehr essen wollte, mich aber unterhalten vielleicht und meine Neugier stärker war als jedes Interesse, schlug ich das Buch zu und legte es neben den Earl Grey, erhob mich und ging und öffnete die Tür.
Sofort sprang mich die Kälte an, wie ein starkes, wildes Tier krallte sie sich in mein Gesicht. Sie wünschen? höre ich mich noch fragen. Eine schwarze Gestalt stand auf der Schwelle, völlig vermummt. Freudig überrascht, sagte ich noch: Du?!, denn es war meine Freundin LM. Ich hatte die Tür noch gar nicht richtig aufgemacht, da stellte sie ihren Fuß herein und stieß mich wie ein Rüpel beiseite und preschte, unaufgefordert und sich überstürzend, herein. Ihr Atem ging schnell wie der Atem eines gehetzten Tieres, der Blick flitzte über meine Wände, stürzte sich hinein in die dunklen Löcher meiner Zimmer. Sie raste, den Atem in immer kürzeren Intervallen ausstoßend, raste im Zickzack durch die Wohnung und sagte: Wo bin ich? In jedem Zimmer machte sie Licht, sah sich blitzartig um, stürmte ins nächste Zimmer, zuerst systematisch, eins nach dem anderen, dann, immer irrer, schoß sie kreuz und quer hin und her und schien nach irgend etwas für sie Elementarem zu suchen.
So geht das nicht, dachte ich. Seit Jahrzehnten führen wir Gespräche, hauptsächlich über Literatur und LMs Arbeit, die ich über alle Maßen schätze, ich dies LM aber niemals mitteilen dürfte, da ich sonst ihr Vertrauen, das sie in mich als ihre wichtigste Kritikerin setzt, verlieren würde. Ich wunderte mich über ihr plötzliches, panisches, aufdringliches, überrumpelndes und völlig aus ihrer Art schlagendes Verhalten. Bis ins Ausruhzimmer drang sie vor, wo Roger sich einen kleinen Arbeitsplatz eingerichtet hat, sich sonst aber nur der Fernsehapparat und das bequeme Sofa mit dem Beistelltischchen befinden, auf dem der Tee dampfte neben der noch immer daliegenden Studie.
Ich versuchte LM aufzuhalten, da schlug sie nach mir aus. Ich schreckte zurück und wurde wütend, denn Gewalt verachte ich. Was erlaubst du dir, höre ich mich noch fragen, meine Wohnung so aufgebracht zu betreten und dich hier zu verhalten, als wärst du in den eigenen vier Wänden?
Mein Haus steht immer offen für LM, doch nicht so offen, daß das Chaos der ungemachten Betten, der herumliegende Krimskrams des Kindes, das mit dem Mann zum Skiurlaub in die Berge gefahren ist, zu beleuchten und zu beäugen sind. Ich hatte weder Lust noch Zeit, das Chaos fortzuschaffen. LM ist mit den Augen nur so darübergeflitzt. Ich weiß, daß sie jedes Detail wahrnimmt und schamlos benützt, um einen Text zu erarbeiten. Sie wird über mich schreiben, wie ich jetzt über sie.
Ich schloß die Türen und folgte ihr, löschte hinter ihr die Lichter. Im Vorzimmer kam sie endlich zum Stillstand. Es war eiskalt, und der Wind heulte durchs Haus. Die Wohnungstür stand noch immer offen. Ich wartete. Sie betrachtete ihr Spiegelbild. Also auch mich im Hintergrund. Ich gebe zu, ich fürchtete mich oder war zumindest sehr verunsichert durch diesen Auftritt. Ich hätte über meine Schwelle springen und durchs Stiegenhaus davonlaufen können. Aber ich schämte mich meiner Furcht. Schließlich kenne ich LM. Ich zeigte mich kontrolliert. Hielt Stand dem Blick und fror dabei in der Tür. LM streifte den Mantel ab und gab der Tür einen Schubs, und ich sagte noch, das sei eine gute Idee, weil so nicht die ganze Wohnung auskühle. LM stieß ein verächtliches Lachen aus. Sie entdeckte die hervorgetretene Ader auf meiner Stirn, die ich aus ein paar Metern Entfernung im Spiegel selbst sehen konnte. Ich erschrak über diese Ballung, das Blut, das in mein Gesicht geschossen war. Erregung entstellt. LM sagte, geschieht dir recht, und ich wußte nicht, wieso sie das sagte.
Was hast du denn? fragte ich. Blitzschnell drehte sie sich zu mir um und sagte: Verarsch dich bitte selbst.
Da ich nie einen negativen Gedanken über sie gedacht, geschweige denn geschrieben, ihr also keinerlei Anlaß gegeben hatte, durch den sie sich verarscht hätte fühlen können, sie nie mißbraucht hatte, um mir vielleicht nur die Langeweile zu vertreiben, obwohl ich an Langeweile extrem leide und mich dann oft eine Sehnsucht nach dem Geist der LM packt, nach ihrem Witz und nach ihrem angenehm distanzierten Wesen, das mich aus der Reserve zu locken und mir, ja, ich muß es so ausdrücken, auch einen Erkenntniswillen, trotz aller Aussichtslosigkeit, daß Erkenntnis meine Langeweile vertreiben konnte, zu geben vermag, einen unsinnigen Lebenssinn, und ich sie deshalb nicht nur schätze, sondern geradezu liebe, war ich getroffen und wußte plötzlich, daß ich dennoch eine Grenze überschritten haben mußte und sie zu verlieren drohte.
Sie wußte, daß ich allein war in dieser Woche, und ich hatte ihr versprochen, sie gleich, nachdem ich meine Lieben zum Zug gebracht hatte, anzurufen, um sie zu einem gemeinsamen Frühstück einzuladen, es auch versucht hatte, doch war sie nicht zu erreichen gewesen. Auch nachmittags nicht, und weder am Sonntag noch am Montag noch am Dienstag. Heute noch hatte ich versucht, sie zu erwischen. Aber nur das Band war an, und zurückgerufen hatte sie nicht. Freilich, auch sonst war sie nie mit Anmeldung aufgetaucht. Ich wußte nicht, was sie hatte.
Setz dich doch, sagte ich.
Wohin? fragte sie spitz, mit einem unguten Ton, den ich nicht von ihr kenne. Sie folgte mir ins Ausruhzimmer. Sie setzte sich ohne weitere Aufforderung auf das Sofa. Ich blieb reserviert und goß ihr erst einmal Tee ein. Beruhigte mich selbst, um meine Unnahbarkeit zu erhalten. Ich bin, wer ich bin, dachte ich und gedachte das auch LM gegenüber zu bleiben.
Ich wollte mich gerade einlesen, sagte ich. Da ich wußte, daß sie an einem Roman arbeitete, in dem sie Geister, Doppelgänger und Psychotiker auftreten lassen wollte, um das Entrische, das Gespenstische der sich vollziehenden Jahrhundertwende, der Wirtschaftswende, der Kommunikationswende, der Politwende, der Kriegsführwende, der Fortpflanzungswende, der Menschheitswende darzustellen, hatte ich mich entschlossen, ein Buch über Identität und mich in ihrer Gestalt zu verfassen. Eine Art Ich-Wende hatte ich in Angriff genommen, um den Übergang von etwas Altem zu etwas Neuem zu beschreiben. Um mich nicht zu zerfransen, legte ich mich quer, also hin, und dachte nach. Wertesysteme fallen. Man muß wissen, wer man ist. Man ist, wohin man sich wendet. Man ist, wohin man gezählt wird. Wer sind die anderen? Was wollen diese von mir? Was will ich von diesen? Komfort? Meinen Frieden? Meine Geschichten? Neue Ingenieure betreiben Gesellschaftskunst. Sie schichten die Gesellschaft um. Wo bin ich? Wo lande ich? Wer sind sie, daß sie mich stören dürfen? In einem Brei von Material hatte LM eine Form gesucht, ein Konstruktionsprinzip, bei dem ich ihr gerne mit Rat zur Verfügung gestanden hätte und deshalb auch, auf ihren Tip hin, in die Nationalbibliothek gegangen war, um den sterblichen und unsterblichen Körper der englischen Könige zu ergründen, unter deren Herrschaft die Gesellschaft ein stetig wachsendes Rechtssystem, Parlamentarismus und Demokratie entwickeln konnte.
LM suchte eine Figur. Einen seelisch-körperlichen Überbau. Einen Schädel, der so groß war, daß er ihre Gedankenmasse fassen konnte. Agathe gehört aber mir. Ein Mensch, eine Frau, ein dreidimensionales Gebilde, das stirbt, oder auch nicht. Ich stand nicht nur Pate bei der Entwicklung Agathes. Ich habe sie gezeugt. Jeden kleinen Einfall, jedes Erlebnis dieser Agathe habe ich dank LM gefunden, den Fragen, die sie mir stellte, entlockt.
Wer ist Agathe? hat sie mich jahrelang gefragt und mich mit dieser Frage bis zur Hirnerweichung gequält. Dabei war klar, daß ich Agathe bin. Aber weil mir LM so nahestand, kann ich sagen, daß Agathe auch mit ihr zusammenfallen hätte können. Sie vereint alle Stimmen in sich, die der Mutter und Tochter, der Restauratorin und Zerstörerin, der Freundin und Feindin, der Ehefrau und Betrügerin, des Gesellschaftstieres und der Individualistin. Aber was, so wollte sie wissen, ist das Österreichische an dieser Agathe?
Wieso das Österreichische? fragte ich zurück.
Sie muß eine Kultur in sich haben. Wie bewegt sie sich? Sieht sie schlampig aus? Welche Haltung hat die gnädige Frau?
Als Österreicherin könnte sie die Musik lieben. Doch Agathe hört nicht. Sie ist wie ich.
Und sie muß fühlen, sagte LM. Genau das ist der Punkt. Was fühlt sie denn?
Da ich LM für meine Schriftstellerin halte, gebe ich ihr gern meine Stimme und alle Stimmen, die ich mir denken kann, die meine Biographie und mein Leben wiedergeben. Vielleicht ist es Eifersucht, die sie hergetrieben hat, um mir die Meinung zu sagen, da sie in ihrem Innersten weiß, daß sie nichts erfindet, sondern nur abschreibt, und das von mir, einer Unbekannten, im Verborgenen Wirkenden. Ich schätze ihre schriftstellerischen Fähigkeiten, aber ich kenne auch die Komplementärseiten. Sie hat mir Imaginationsschwäche vorgeworfen und Visionslosigkeit, dabei kam sie nicht weiter. Was ist das Österreichische? Sentimentalität oder Ressentiment?
Das alte Haus Österreich. Ich mag das Träumerische daran. Der Traum eines Häuselbauers. Wer ist der Häuselbauer? LM zimmert in den Trümmern ihrer Geschichte herum. Die Trümmer meiner Geschichte liegen in der Kapuzinergruft, wo die körperschaftlichen Relikte des alten Hauses Österreich in Särgen aufgebahrt sind.
Ich möchte nicht begraben sein wie ein Hund. Das Haus Österreich ist eine Gruft. Das ewige Jerusalem, wo Gott wohnen soll, ist auch eine Gruft.
Glaubt Agathe an die Dauer oder an die Ewigkeit? Was davon hat einen Beginn? Glaubt sie an Gestaltung? Würde sie einem tausendjährigen Reich zustimmen, um ein ewiges Leben vorzukosten? Würde sie einem heiligen Jerusalem zustimmen? Ist dies umsetzbar, wenn man an die Autorität von Ingenieuren glaubt?
Im Grunde ist Agathe eine Ungläubige. Eine faule Heidin, die ihren Aberglauben nicht verlieren kann, wie es dem katholischen Gehabe entspricht.
Ich würde, wenn ich könnte, Sichel und Hammer mit Weihwasser von den Sünden reinwaschen und mit Königswasser die Macht zersetzen.
Geist besitzt der Österreicher, wie auch den Glauben an Geister. Das sei in England nicht so und auch nicht in Frankreich, und wie es in Deutschland sei, interessiere LM nicht, weil die Deutschen sich von einem Österreicher in die Hölle haben führen lassen.
Ich wollte verstehen, was sie mit ihrem in Arbeit befindlichen Roman zum Ausdruck bringen wollte. Da sie das Österreichische nicht greifen konnte, wollte sie Agathe begreifen.
Mein Ich ist ein Zufall. Mein Zellhäuflein hat sich auf österreichischem Boden herausgebildet. LM schätzt mich als Neurotikerin ein, da ich mich gegen die Heimat wehre, ihr dabei aber so verbunden bin, daß ich mich mit vierzig noch wehre. Und jetzt sitze ich im Schrankraum und bin froh über die altdeutsche Anrichte, in der ich die Kerzen gefunden habe. Ich sage, daß ich keine Neurotikerin bin, aber LM für eine halte, da sie mir einzureden versuchte, die altdeutsche Anrichte sei ein Sarg.
Agathe sitzt neben mir, und sie wird mich vielleicht befreien. Sie war bereits erfolgversprechend angelegt, von mir erfunden, von LM gefunden. Sie ist mir zum Greifen nah. Aber ich blicke zurück, und Schritt für Schritt gehe ich vor und fetze die Geschichte hin.
LM schaute an mir vorbei und stieß den Atem durch die Nase. Ich holte mir den Fauteuil vom Arbeitstisch meines Mannes und schob ihn heran. Vorsichtig, leise, damit ich meine aufgewühlte Schriftstellerin nicht weiter aufstörte oder gar zerstörte. Ich setzte mich hin und warf ihr einen kurzen Blick zu. Ich war stolz darauf, als Vorbild von meiner Autorin aufgesucht worden zu sein. Ich werde dir die beste Agathe sein, die es gibt, dachte ich. LM hätte nichts erfinden müssen, nur adaptieren ein wenig.
Es geht um Agathe? fragte ich die verstörte LM.
Niemand versteht etwas von Literatur, nur die, die sie erleben, stieß sie aus sich heraus. Aber wer will Literatur erleben? Denn wenn ich Literatur sage, meine ich das Erschütternde. Den Brief an den Vater, de Profundis und Teile aus Malina. Was bitte soll Agathe schlachten, damit der Text stark ist?
Sie hat oft und immer um Rat gefragt, sie hat sogar um Kritik gefleht. LM hatte sich aber immer taub gestellt, hatte dagesessen, unbewegt, und hatte mich reden lassen. Das wunderte mich nie. Ich ahnte, daß sie meine Ideen benützen würde. Daß sie mich aushorchte. Daß sie mich beobachtete. Agathe sah sie in mir. Ich sollte sie profilieren.
Ich weiß, daß sie das weiß. Aber trotzdem wußte sie heute mehr als ich.
Ich weiß, daß du zur Kritik zu faul geworden bist, zu faul zum Einwand, zu faul, mich zu stoppen, zu faul, mich aufzuklären, zu faul, mich zu einer Umkehr, zu faul, mich zu einem Neuanfang anzuregen, zu faul, mich zu prügeln, zu faul, mich mit mir und diesem Kasperltheater zu konfrontieren.
Das sagt ja schon alles.
Welch ein Ende für eine Hauptfigur, die unbelebt im Regal sitzt. Ich schreibe ihr mit dem Bleistift ein »Agathe« auf die Stirn, damit jeder weiß, um wen es sich handelt, falls man den Körper findet.
LM sagte mehrmals »Agathe« vor sich hin, als wollte sie sich auskotzen. Sie hielt die Hände auf und sagte die Agathe- As, und die Vokale sammelten sich auf den Handtellern und verbreiteten sich mit dem Ä am Schluß. LM klatschte alles zusammen. Wen interessiert eine Figur, die sich schon in der Melodie ihres Namens für bedeutungslos erklärt, sich also selbst vernichtet! A-A-Ä. Ich bitte dich!
An einem Namen scheitert die Geschichte nicht, sagte ich und zeigte mich verständnislos.
LM warf den Kopf in den Nacken. Glaubst du, ich schreib über Brustkrebs? fragte sie.
Mir wird schlecht, wenn ich an Brustkrebs nur denke, sagte ich. Du wirst ihr doch nicht einen Brustkrebs andichten. So etwas Unappetitliches, sagte ich. Du schreibst doch nicht an einer Brustkrebsgeschichte? fragte ich.
Wenn sie Agathe heißt, entsteht automatisch eine Brustkrebsgeschichte. Agathe ist die Schutzheilige der Brustkranken. Also wird sie unweigerlich an Brustkrebs denken müssen, und deshalb hat sich der Brustkrebs schon eingeschlichen in die Geschichte.
Ich will keine Brüste, keine Mammographie, keine grapschenden Frauenärzte und schon gar keine Geschwüre, mir vielleicht auch noch offene, stinkende, unheilbare Brustkrebsgeschwüre vorstellen müssen, um sie gleich wieder wegzudenken und nicht darüber zu schreiben. Gewiß sind Namen nicht prägend, oder sie müssen nicht prägend sein.
Eine Agathe muß sich den Teufel um Brustkrebs scheren, sie muß auch nicht leiden. Aber gerade dann, wenn jemand keine Symptome hat, ist es ernst um ihn bestellt. Nicht umsonst beginnt spätestens ab vierzig ein flächendeckendes Krebsvorsorgeprogramm. Agathe wird sich ihr sexistisch ausgenütztes Fleisch zwischen Glasscheiben quetschen lassen, und natürlich wird sie währenddessen über die Bedeutung ihres Namens nachdenken. Ich würde mir ja etwas verschenken, wenn sie Agathe heißt und ich die Schutzheilige der Brustkranken einfach außer acht lasse. Nach Jahren sinnloser Arbeit komme ich dahinter, daß Agathe eine Puppe ist.
Laß das Kasperltheater mit der Puppe, der Sissi, dem Hitler und der Kapuzinergruft, hättest du sagen müssen, aber da du nichts gesagt hast, mich im Gegenteil sogar bestärkt hast, daß eine österreichische Gruftgeschichte zu mir paßt, hast du mich zum Narren gehalten. Ich bin nicht bockig, ich bin verzweifelt. Ich habe meine Zeit verschwendet, meine kostbare Energie in die Gruft getragen und mich vergiftet.
Vor den Särgen der Erzherzoginnen und der Schar von Kindersärgen erinnere ich mich, daß man über Tote nicht schlecht sprechen soll, sonst kommen sie und holen einen. Als Studentin der Archäologie hatte ich eine Kommilitonin abgelöst, die in Ägypten bei Ausgrabungen von Mumien volontierte und plötzlich zurück mußte. Diese Frau hätte eine Schutzheilige brauchen können.
Als Frau nach Ägypten gehen, sagte der Restaurator, bei dem ich damals in die Lehre ging, und brach ab und setzte fort, daß er also ihre Stellung, und er räusperte sich und korrigierte, ihre Stelle bei den Mumien nicht angenommen hätte.
Wochenlang schlief ich in einer Baracke, an einem Platz, an dem niemand sonst sein Bett aufgestellt haben wollte. Ich glaubte an keine Geister, Flüche oder Götter. Ich fand den Platz besonders geschützt, da ich die Wand im Rücken hatte. Wochenlang litt ich unter schrecklichen Beklemmungen und Ängsten, deren Ursache ich auf die Existenz in einer Nekropole zurückführte. Ich schlief mit dem Rücken zur Wand. Ich atmete schnell, pumpte die Luft in mich, und meine Lungen waren voll. Bevor ich platzte, trank ich eiskaltes Wasser, das das Luftvolumen in mir schrumpfen ließ. Durch die Mauern sickerte was, durch die Laken und meine Wäsche, durch die Haut an meine Knochen und Eingeweide. Ich war durchtränkt von etwas. Ich lag wach und hörte dem Schnarchen und Röcheln meiner Kollegen zu, inhalierte die schwarze, geruchlose, durchsichtige Luft und begann an immer ärger werdenden Bauchkrämpfen zu leiden, bis ich mich in medizinische Betreuung begeben mußte und man eine Nekrotisierung meines Darminhaltes feststellte und glücklicherweise noch etwas dagegen tun konnte.
Ich räumte meine Baracke und packte mein Werkzeug aus dem angrenzenden Geräteschuppen. Der Schuppen war direkt an der Wand zu meinem Bett angebaut. Ich stöberte im Regal nach meinen Sachen. Hinter dem Werkzeug entdeckte ich prallgefüllte Nylonsäcke. Gliedmaßen, Köpfe und Rümpfe von uninteressanten Mumien waren da reingestopft. Ich kann sagen, daß ich jede Nacht Kopf an Kopf mit tausende Jahre alten Schädeln schlief, getrennt durch eine dünne Bretterwand. Ich war entsetzt, daß mich diese Gebeine so affizieren konnten.
In Ö spezialisierte ich mich auf Metalle. Schmuck, Orden, Münzen. Bei den Zinnsärgen bin ich gelandet. Ich wollte Substanz, das schöne Leben in den Händen spüren, die Schönheit dem Tod entreißen und der Vanitas des Todes ins Antlitz sehen.
Mein Chef ist ein Mann, aber kein Unmensch. Er erzählte die Geschichte der vergewaltigten, eingesperrten, wer weiß wie oft vergewaltigten Kommilitonin, die sich angeblich, kurz nach ihrer Auslöschung, umgebracht hatte. Er verwendete in seiner Erzählung nicht das Wort »vergewaltigen«. Statt »vergewaltigen« sagte er »mausen«. Zurück in Ö, wurde die gemauste Kommilitonin von einem Waschzwang befallen. Angeblich duschte sie den ganzen Tag, mit immer heißer werdendem Wasser. Sie war unansprechbar und in einer Klinik. Man ließ sie duschen, so oft und so lange sie wollte. Man kontrollierte nur die Temperatur, damit sie sich nicht verbrühte, und damit sie sich nicht erhängte, war der Duschkopf einzementiert. Doch eines Tages – irgendwo und irgendwie hatte sie sich die Tauchsieder organisiert – verlangte sie nicht nach einer Dusche, sondern nach einem Vollbad. Niemand in der Anstalt war daraufhin stutzig geworden. Man gewährte es ihr, und sie war allein im Bad. Sie steckte die Tauchsieder ins Wasser, und als es wild kochte, stieg sie hinein. Der Kreislauf kollabierte. Über eine Stunde lag sie im kochenden Wasser, war gar und eigentlich konserviert.
Über sie wollte ich schreiben. Aber sie ist fort. Krebsrot war ihre Leiche. Schamrot, stelle ich mir vor. Das ist nun die Strafe. Alle sind ein bißchen von Geistern gejagt, aber wer ist schon so gequält wie diese Agathe? Vielleicht hat sie sich in mein Leben geschwindelt, mich kooptiert. Sie hat sich halt abgelagert. Ich nannte sie Agathe. Ich benenne sie nun um.
LM ist keine Vergewaltigte, eher eine Vergewaltigerin. Sie ist keine Verfolgte, sondern eine Verfolgerin. Deshalb ist sie bei mir. Sie sucht ein Dilemma.
Nebensächlich, sagte LM. Soviel muß gesagt werden zu einer weiblichen Hauptdarstellerin, die nicht jung, sondern erwachsen ist und in einem Alter, wo sie Stellung zu beziehen hat: Ob sie Kinder hat oder nicht, und wenn ja oder nein, wieso ja oder nein, ob sie einen Mann hat oder nicht, oder mehrere oder nicht, und wenn nicht, wieso nicht, und ob sie arbeitet, und wenn, wieso überhaupt nicht was ganz anderes.
Mit einer Frau ist man gebunden. Ein Jahr habe ich mir darüber den Kopf zerbrochen, wie ich Agathe auftreten lasse. Was sie anstellt und wie ich ihre Stellung erzähle, um ihr alles andichten zu können, was mir nahegeht. Ein Mann tut etwas, und das ist dann die Geschichte. Mit Agathe bin ich eingeschränkt. Und dabei ist sie die willfährigste Puppe.
Zuerst muß ich den Körper verschwinden lassen, dachte ich. Ihn zerschreiben, von innen nach außen wenden, dachte ich, und dann kam die politische Wende, und mit der Wende kamen die Habsburger in die Geschichte, und mit den Habsburgern Österreich und Hitler, und die zweite Republik, und wieder die Wende, und mit der Wende das Ende meiner Agathe-Geschichte. Und in das Ende der Agathe-Geschichte krachte der Terror, und mit dem Terror brach Agathe wieder auf, dabei krachten phallische Türme zusammen, aber da es zwei waren, waren die Türme für mich keine phallischen, sondern lactalische Symbole. Und ich wußte, mein Problem ist die Frau.
Ich riß die Fenster auf, als ich die Türme im Fernsehen einstürzen sah. Ich saugte die modrige Luft aus dem engen Hinterhof tief in die Lungen. Ich war dankbar, daß Wien so uninteressant und friedlich war, trotz grassierendem, radikalen Rechtspopulismus. Schreibzwang befiel mich. Agathe soll auferstehen. Der männliche Geschichtskörper, der immer terroristisch ist, wird sie nicht mausen. Ich fing mit ihrem Busen an.
Ihr Busen, ehrlich gesagt, stört mich. Ich bin eben überhaupt nicht lesbisch gepolt. Selbst herumliegende BHs stören mich. Wenn ich jemanden Agathe nenne und eine Hauptperson aus dieser Agathe mache, kann ich mir ihren Busen gar nicht vorstellen, aber wenn Agathe eine Frau ist, wird sie einen Busen haben müssen, es sei denn, sie ist eine Brustamputierte, also eine Lädierte, sagte LM.
Eine gesichtslose Frau wäre ja schnell gefunden. Aber eine geschichtslose? Eine körperlose Frauengeschichte. Was sagst du? Milch? Nein, danke, keine Milch. Ich trinke den Tee lieber schwarz. Wenn es schneit, denke ich, daß es die flockige Milch einer Göttin ist, die uns zudeckt und erstickt. Ist das nun weiblich oder bloß verrückt? Finde das milchgebende Organ appetitlich und du hast keine Probleme, dich in Agathe zu versetzen und aus ihr heraus zu schreiben. Wäre ich gestillt worden von meiner Mutter und nicht nur an ihr weiches, nährendes Organ gedrückt und fast erstickt, würde ich den Körper der Agathe annehmen können und aus ihrer Geisteswelt schreiben.
Ihre Augen sind nackt und starren. Die weißliche Haut ist käsig, schlaff, unterfettet. Die Nase ist zu fleischig, der Bauch zu breiig. Die Brust betrachtete ich gar nicht, der Po war verbeult, »durchgesessen« würde man zu einem Sitzmöbel sagen. Ich besorgte Messer und Spitze und näherte mich aus dem Hinterhalt. Schlich mich von hinten an die Hauptfigur heran.
Jetzt sitze ich in meinem Schrankraum und wundere mich über die Größe. Schaue nicht in die Augen der Agathe, sondern in die glotzenden Brüste und zücke die Spitze, mit der ich mich schriftlich bei Trost halte. Gehe ich so mit weiblichen Hauptfiguren um, weil ich nicht gestillt worden bin? Die Frauenmilchforschung besagt, daß dreiundachtzig Prozent der männlichen Nachkommen und nur ein Bruchteil der weiblichen Nachkommen gestillt werden in der österreichischen Sozialisation. In den meisten Fällen leiden die Tochtermütter an Stillhemmung. Sie fürchten durch das Stillen von Töchtern auf das Kreatürliche reduziert zu werden. Die Knäblein hingegen säugen sie ausgiebig, und da haben sie nichts dagegen, als Muttertier zu gelten. So wie meine Mutter sich erfreute am forschen, wachen, durchschauenden Blick des noch blinden, weiblichen Säuglings, so fühlte sie doch auch eine tiefe Befremdung angesichts meines nach ihrem Busen schnappenden Munds. Sie hat die Milch nicht vom Fleisch trennen können.
Wie die Stillhemmung sie befiel, befällt mich eine Schreibhemmung, wenn eine weibliche Hauptfigur von mir beschrieben werden soll. Ich richtete den Blick auf sie. Stift und Papier und eine Skizze. Sehe ich Agathe geschrieben, fallen mir Alter und Schönheit und eine Art Aufrichtigkeit an den Lettern dieses Namens auf. Oder ist es Redlichkeit? Redlichkeit nervt. Redlichkeit ist ein betuliches Wort. Ich fühle, wie mir jemand das Haar aus der Stirn pustet. Agathe ist mir sehr nah. Sie sitzt ja gleich neben mir und ist ziemlich schwer, und das Regal wird sie hoffentlich tragen, sie schaut auf das Blatt. Beobachtet, wie ich schreibe. Da sie so nah ist, berührt mich ihre Nähe überall. Ich flüsterte in ihr Ohr und sagte zu ihr, einer Lactalphobikerin, daß wir einander nähren könnten und voneinander schöpfen, daß die eine der anderen etwas zufließen lassen kann, daß wir einander säugen sollten.
Ich ging aus dem Zimmer, sagte LM, mir erklärend, daß ich die Frauen wie ein Mann lieben müsse, denn richtige Männer verfallen keiner Schreibhemmung.
Ich streifte mein Kleid glatt, vertrat mir die Füße und ging wieder zurück.
Da stand Agathe wie angewurzelt im Zimmer. Sie rührte sich nicht von der Stelle. Wie eine leere, starrende Hülle stand sie im Zimmer herum. Ich sprach sie an, sie antwortete nicht. Ich stupste sie an, und sie rührte sich nicht. Ich kommandierte sie wie einen Hund. Das Verständnis reichte nicht zur Befolgung eines Kommandos. Die Augen waren stumpf und leer und dumm. Wie eine Puppe stand sie da, erstarrt wie zur Salzsäule. Sie transpirierte. Die Haut glänzte wie Plastik. Sie war aber nicht aus Plastik, denn ich roch die Körpercreme, mit der sie sich eingerieben hatte. Ich leckte ihr über die Wange. Ich schmeckte das Salz. Da Agathe eine militante Nichtraucherin ist, provozierte ich sie mit einer Zigarette. Ich zupfte mir eine Zigarette aus der Schachtel, direkt vor ihren Augen. Ich deutete mit der Zigarette nach dem frischen Obst, hielt die Zigarette und beschrieb im großen Bogen wie mit einem Stift den herrlichen Duft der reifen Himbeeren in der Schale auf dem Tisch, der von dort bis zu mir und um mich herum den ganzen Raum erfüllte. Dann zündete ich die Zigarette an, nahm einen langen, noch die letzte Bronchie verteerenden Lungenzug, lehnte mich zurück in den Fauteuil, schlug die Beine übereinander und blies den krebserregenden Rauch in ihre Richtung.
Ich selbst schwieg und verbot mir, die Nase zu rümpfen. Ich bin eine militante Nichtraucherin.
Respektlosigkeit hatte ich für Mut gehalten. Und ich fühlte mich stark, weil ich mir den Mut leistete, respektlos zu sein, und die Wohnung verstank, sagte LM.
Mitten im Raum stand LM, mit kurzgeschorenen Haaren, farblos, aschblond, von einem nebelfarbenen Grau durchsetzt, und spielte Agathe. Immerhin starrte sie mich an, sagte LM. Weil sie mit mir und mit einer Zigarette nicht gerechnet hatte.
Agathe schwieg, stand da, wie eine Puppe, ein leeres Kästchen in Menschenform, ein Sarkophag in Fleischfarbe und Lederkleid. Freilich hat Agathe Angst, denn sie mußte sich für wahnsinnig halten, weil ich bei ihr aufgetaucht war, eine Erscheinung, ein Geist in ihrer Wohnung, in ihrem liebevoll eingerichteten Wohnzimmer. Wie aus dem Koma erwacht, ganz ohne Gedächtnis, stierte sie. Ich trällerte ein Liedchen zur Zerstreuung. Pfiff eine fröhliche Melodie und guckte mich um und entdeckte auf dem Kaminsims die glasäugigen Vögel ihres angetrauten Tierpräparators. Es sind Trophäen und Pokale in einem. Die Tierpräparation ist eine Kunst mit eigener Fachwelt. Diese Fachwelt hat ihre eigenen Gesetze. Und nach diesen Gesetzen wird geurteilt und verurteilt. Die zwei ausgestopften Exemplare sind auf jeden Fall Prachtstücke. Das sieht sogar ein Laie wie ich. Wie aus dem Leben gerissen ist der Bruchteil einer Sekunde in Dauer übergegangen. Die Vögel drehen ihre Köpfe voneinander weg und schauen links und rechts in die Wand. Die Spannung ihrer sich gerade hebenden Flügel wird mit Draht unterstützt. Wohin immer sich die beiden Wendehälse gerade aufmachen wollten, la mort subite hat sie erwischt. Zu den Krallen der Vögel glänzten Metallplättchen. Von meiner Warte aus war es jedoch unmöglich zu lesen, was darauf stand.
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