Liebeslänglich von Susanne Mischke, 2006, Piper

Susanne Mischke

Liebeslänglich
(Leseprobe aus: Liebeslänglich, Roman, 2006, Piper)

Mathilde trank ihren Kaffee aus und winkte der Bedienung.
"Ich muß jetzt gehen. Sie brauchen sich keine Sorgen um mich zu machen. Sie kennen vielleicht Lukas Feller. Aber Sie kennen nicht mich. Ich bin weder naiv noch zerbrechlich."
Ihr Gegenüber nickte.
"Ich weiß. Sie fühlen sich stark und selbstbewußt. Es reizt Sie, es mit einem Mann aufzunehmen, der anders ist als die anderen. Im Grunde Ihres Herzens ahnen Sie, daß er böse ist. Aber gleichzeitig verspüren Sie diese unwiderstehliche Gewißheit, daß sich ein dunkler Teil
Ihres Wesens in seinem spiegelt. Und Sie lassen sich darauf ein, obwohl Sie wissen, daß er Ihnen schaden wird."
Mathilde hatte den Blick in ihre leere Tasse gesenkt. Es war, als würde die fremde Frau ihre eigenen Empfindungen aussprechen. Sie wünschte, sie würde schweigen und gehen, aber sie redete weiter:
"Er wird Sie belügen, betrügen und demütigen, er wird Ihnen das nehmen, was Ihnen wichtig ist. Doch das ist nicht das Schlimmste, das tun andere auch.
Er wird Sie verändern. Lukas Feller ist nicht nur der schlechteste Mensch, den ich kenne, er holt auch aus seinen Mitmenschen das Schlechteste heraus."
Die Frau stand auf und legte ein paar Münzen für den Kaffee auf den Tisch.
"Es ist eine alte Weisheit, daß, wer sich mit dem Teufel einläßt, nicht den Teufel verändert, sondern sich selbst", sagte sie und ging hinaus. Ihr langer, schwarzer Mantel schlackerte um ihre dünne Gestalt.

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