Puppenglück von Annette Mingels, 2003, Zytglogge

Annette Mingels

Puppenglück
(Leseprobe aus: Puppenglück, Roman, 2003, Zytglogge)

In Regalen, die alle Wände bedecken, stehen und sitzen die Puppen, manche sind gestützt durch einen Metallständer in ihrem Rücken, andere können ohne Hilfe stehen, so hart sind ihre Körper. Man kann von einem Gesicht zum nächsten gehen, man kann die Puppen in die Hand nehmen und an ihnen riechen, und wenn sie aus Plastik sind, duften sie wie die Puppen, die man selbst hatte, man kann seine Nase in die Haare stecken, sich eine Strähne der blonden oder braunen Locken um den Finger wickeln, über die glatten Wangen streichen und sich erinnern. Man kann die Röckchen betasten, die feinen Spitzen an den Rändern, die glatten Stoffe aus Satin oder Baumwolle, man kann sie anheben und die Unterwäsche anschauen, manchmal ist sie weiss und strotzend von Rüschen, dann wieder ganz einfach, und manche Puppen tragen gar nichts unter ihren Kleidern. Es kommt vor, dass ich die Puppen, die wie echte Babys aussehen, auf den Arm nehme; ich lasse sie mit ihrem Rumpf gegen meine Schulter sinken, wiege sie ein bisschen beim Gehen, sage kleine Worte zu ihnen, klopfe sacht ihre Rücken. Dann lege ich sie wieder ins Regal, aber ganz vorsichtig, und rücke noch mal ihre Mützen zurecht. Wenn ich wieder in meiner Wohnung bin, stelle ich mir vor, wie Katrin, übergewichtig, kurz vorm Verblühen, das sie dann und wann durch eine unwirkliche Nacht aufzuhalten sucht, durch ihr Zimmer streift, die Kleider ordnet, eine der Puppen auf den Arm nimmt, auf die Strasse herabschaut, mit leicht schaukelndem Oberkörper versunken in ihr Puppenglück, und sagt: Alles wird gut.

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