Hündchen am Wegesrand von Czeslaw Milosz, Hanser-VerlagCzeslaw Milosz

Ein polnischer Dichter
(aus: Hündchen am Wegesrand
, Kalendergeschichten, 2000, Hanser - Übertragung Doreen Daume)

Ein polnischer Dichter muß die große Anstrengung auf sich nehmen, die ganze, noch in der Sprache spürbar vorhandene Sorge um das Schicksal seines Landes, das zwischen zwei Großmächten eingekeilt ist, zu bewältigen. Dadurch unterscheidet er sich von Dichtern, die in einer glücklicheren Sprache schreiben.

Ein kurdischer Dichter befaßt sich ausschließlich mit dem Schicksal der Kurden. Für einen amerikanischen Dichter existiert der Ausdruck "Schicksal der Amerikaner" gar nicht. Ein polnischer Dichter befindet sich immer irgendwo in der Mitte.

Ergibt sich nicht gerade aus dem Zusammenprall dieser beiden entgegengesetzten Kräfte der spezifische Charakter der polnischen Dichtung? Besonders deutlich tritt er in den Gedichten zutage, die allem Anschein nach mit Geschichte nichts zu tun haben, wie z.B. in den erotischen Dichtungen von Anna Swirszczynska.

Wenn man sich vollständig von seiner Prägung durch Provinz und Kleinbürgerlichkeit losgesagt hat, dann ist man sein Leben lang dazu verurteilt, fremde Modelle zu imitieren.

Ein Dichter, der in den riesigen internationalen Topf mit Bouillabaisse geworfen wurde, in dem man, wenn überhaupt, nur noch ausgekochte Fisch- und Garnelenstückchen ausmachen kann, entdeckt erst, wie fest er in seiner Provinz, in seiner Stadt, seinem Krähwinkel verwurzelt ist, und er beginnt diesen Umstand zu preisen.

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