Hündchen am Wegesrand von Czeslaw Milosz, Hanser-VerlagCzeslaw Milosz

Vorübergehend und nur zum Schein
(aus: Hündchen am Wegesrand, Kalendergeschichten, 2000, Hanser - Übertragung Doreen Daume)

Morgens aufstehen und zur Arbeit gehen, mit den Menschen durch Gefühle der Liebe, der Freundschaft oder der Feindschaft verbunden sein - und sich die ganze Zeit darüber im klaren sein, daß all dies nur vorübergehend und zum Schein ist. Unerschütterlich und greifbar war in ihm eigentlich nur die Hoffnung, diese war so stark, daß ihn das Leben selbst bereits ungeduldig machte. Jetzt, gleich, in einer Minute, sollte er es zu fassen kriegen - aber was eigentlich? Die Zauberformel, in der sich die ganze Wahrheit über unsere Existenz verbirgt. Er putzte sich die Zähne, und sie stand bereits hinter ihm, er stand unter der Dusche und hätte sie fast ausgesprochen, wäre er nicht zum Bus geeilt, hätte sie sich vielleicht gezeigt - und so ging es den ganzen Tag. Wenn er mitten in der Nacht aufwachte, fühlte er manchmal, daß er gerade dabei war, durch einen dünnen Schleier hindurch zu ihr vorzudringen, doch dann, durch die Anstrengung ermüdet, schlief er wieder ein.

Eigentlich bedrückte ihn diese fixe Idee. Er sah ein,
daß er ganz er selbst und ganz im Hier und Jetzt sein sollte, achtsam gegenüber den Menschen, die ihm nahestanden, und bestrebt, deren Erwartungen, die sie an ihn richteten, zu erfüllen. Aufzudecken, daß auch diese Menschen nur vorübergehend und zum Schein existierten, wäre für sie verletzend gewesen. Somit konnte er dem Gedanken nie Ausdruck verleihen, daß er für das Leben mit ihnen wahrhaftig keine Zeit hatte.

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