Vorübergehend und nur zum Schein
(aus: Hündchen am
Wegesrand, Kalendergeschichten, Hanser)
Morgens aufstehen und
zur Arbeit gehen, mit den Menschen durch Gefühle der Liebe, der Freundschaft oder der
Feindschaft verbunden sein - und sich die ganze Zeit darüber im klaren sein, daß all
dies nur vorübergehend und zum Schein ist. Unerschütterlich und greifbar war in ihm
eigentlich nur die Hoffnung, diese war so stark, daß ihn das Leben selbst bereits
ungeduldig machte. Jetzt, gleich, in einer Minute, sollte er es zu fassen kriegen - aber
was eigentlich? Die Zauberformel, in der sich die ganze Wahrheit über unsere Existenz
verbirgt. Er putzte sich die Zähne, und sie stand bereits hinter ihm, er stand unter der
Dusche und hätte sie fast ausgesprochen, wäre er nicht zum Bus geeilt, hätte sie sich
vielleicht gezeigt - und so ging es den ganzen Tag. Wenn er mitten in der Nacht aufwachte,
fühlte er manchmal, daß er gerade dabei war, durch einen dünnen Schleier hindurch zu
ihr vorzudringen, doch dann, durch die Anstrengung ermüdet, schlief er wieder ein.
Eigentlich bedrückte ihn diese fixe Idee. Er sah ein,
daß er ganz er selbst und ganz im Hier und Jetzt sein sollte, achtsam gegenüber den
Menschen, die ihm nahestanden, und bestrebt, deren Erwartungen, die sie an ihn richteten,
zu erfüllen. Aufzudecken, daß auch diese Menschen nur vorübergehend und zum Schein
existierten, wäre für sie verletzend gewesen. Somit konnte er dem Gedanken nie Ausdruck
verleihen, daß er für das Leben mit ihnen wahrhaftig keine Zeit hatte.
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