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Eifersucht
Unser Haus in Paris ist um einen großen Raum herum angeordnet,
der wie in Bauernhäusern für unterschiedliche
Zwecke genutzt wird. Besucher betreten diesen Raum als
ersten; dort setzt man seine Tasche ab und zieht den Mantel
aus; dort wird gekocht und gegessen; ein Bücherregal
nimmt die gesamte hintere Wand ein. In der Mitte dieses
Durchgangsraums steht ein sehr großer ovaler Tisch, auf
dem sich ständig Post, Pressemappen, Kataloge und Bücher,
die man vor den Mahlzeiten immer beiseiteschieben oder
abräumen muss. In diesem Haufen bemerkte ich mehrere
Tage lang ein Kuvert, das, wie ich sofort erkannt hatte, aus
einem Fotolabor kam. Es lag dort zwischen anderen Briefen.
Jacques macht sehr viele Fotos, lässt sie aber nicht
gleich entwickeln. Wenn er schließlich irgendwann mit den
Kontaktabzügen kommt, ist es immer ein Spaß, sie aus dem
Kuvert zu nehmen und Aufnahmen zu entdecken, bei denen
ich mich nur mit Mühe an die jeweiligen Orte und Situationen
erinnern kann. Schon mehrmals hatte ich Jacques
vorschlagen wollen, dieses herumliegende Kuvert zu öffnen,
war dann aber durch eine andere Beschäftigung davon abgelenkt
worden.
Rückblickend könnte man meinen, Jacques sei ebenso
gutgläubig wie vertrauensvoll gewesen, denn er selbst bat
mich, ihm etwas aus seinem Arbeitszimmer zu holen. Auf
seinem Schreibtisch fand ich das inzwischen dorthin gelangte
Kuvert wieder. Auch ein Notizheft lag dort. Ich bin
mir ziemlich sicher, dass das Kuvert geöffnet auf den Fotos
lag und sie teilweise verdeckte, ob das Heft aufgeschlagen
war oder nicht, weiß ich allerdings nicht mehr, obwohl
ich Jacques gegenüber behauptet habe, es sei aufgeschlagen
gewesen; ich weiß aber, dass von diesem Moment an in meinem
Umgang mit ihm Wahrheit und Lüge ständig und
unvermutet miteinander wechselten, so dass mein Gedächtnis
manchmal außerstande ist, sie klar zu trennen. Die Aufnahmen
zeigten eine junge Frau, die mit dem Fotoapparat,
den sie in ihren Händen hielt, ihr eigenes Spiegelbild
foto grafiert hatte; sie war nackt, saß auf dem Boden, die
Beine gespreizt, ihr Bauch der einer Schwangeren. Auf der
letzten Aufnahme dieser Serie hatte das Kind zwischen ih
Zeitschriften und aufgeschlagene Zeitungen häufen,
ren Beinen Platz genommen. Ich erkannte eine Freundin
von Jacques, der ich ein paar Mal begegnet war. Ob das
Heft nun aufgeschlagen war oder nicht, ich hätte es wahrscheinlich
nicht weiter beachtet, wenn es sich um Fotos anderer
Art gehandelt hätte. Auf der zuletzt geschriebenen
Seite war von einer geplanten Reise in die Provinz die Rede,
und Jacques äußerte sein Bedauern, dass Blandine – das war
nicht die Freundin, deren Fotos ich gerade gesehen hatte,
sondern eine andere – ihn nicht begleiten könne. »Wie
schön dieses Mädchen ist!« schrieb er und dann, wie sehr
er sie begehre.
Rezension I Buchbestellung I home 0I10 LYRIKwelt © Hanser Verlag