Eifersucht von Catherine Millet, 2010, Hanser

Catherine Millet

Eifersucht
(Leseprobe aus: Eifersucht, Roman, 2010, Hanser - Übertragung Sigrid Vagt).

Unser Haus in Paris ist um einen großen Raum herum angeordnet,

der wie in Bauernhäusern für unterschiedliche

Zwecke genutzt wird. Besucher betreten diesen Raum als

ersten; dort setzt man seine Tasche ab und zieht den Mantel

aus; dort wird gekocht und gegessen; ein Bücherregal

nimmt die gesamte hintere Wand ein. In der Mitte dieses

Durchgangsraums steht ein sehr großer ovaler Tisch, auf

dem sich ständig Post, Pressemappen, Kataloge und Bücher,

die man vor den Mahlzeiten immer beiseiteschieben oder

abräumen muss. In diesem Haufen bemerkte ich mehrere

Tage lang ein Kuvert, das, wie ich sofort erkannt hatte, aus

einem Fotolabor kam. Es lag dort zwischen anderen Briefen.

Jacques macht sehr viele Fotos, lässt sie aber nicht

gleich entwickeln. Wenn er schließlich irgendwann mit den

Kontaktabzügen kommt, ist es immer ein Spaß, sie aus dem

Kuvert zu nehmen und Aufnahmen zu entdecken, bei denen

ich mich nur mit Mühe an die jeweiligen Orte und Situationen

erinnern kann. Schon mehrmals hatte ich Jacques

vorschlagen wollen, dieses herumliegende Kuvert zu öffnen,

war dann aber durch eine andere Beschäftigung davon abgelenkt

worden.

Rückblickend könnte man meinen, Jacques sei ebenso

gutgläubig wie vertrauensvoll gewesen, denn er selbst bat

mich, ihm etwas aus seinem Arbeitszimmer zu holen. Auf

seinem Schreibtisch fand ich das inzwischen dorthin gelangte

Kuvert wieder. Auch ein Notizheft lag dort. Ich bin

mir ziemlich sicher, dass das Kuvert geöffnet auf den Fotos

lag und sie teilweise verdeckte, ob das Heft aufgeschlagen

war oder nicht, weiß ich allerdings nicht mehr, obwohl

ich Jacques gegenüber behauptet habe, es sei aufgeschlagen

gewesen; ich weiß aber, dass von diesem Moment an in meinem

Umgang mit ihm Wahrheit und Lüge ständig und

unvermutet miteinander wechselten, so dass mein Gedächtnis

manchmal außerstande ist, sie klar zu trennen. Die Aufnahmen

zeigten eine junge Frau, die mit dem Fotoapparat,

den sie in ihren Händen hielt, ihr eigenes Spiegelbild

foto grafiert hatte; sie war nackt, saß auf dem Boden, die

Beine gespreizt, ihr Bauch der einer Schwangeren. Auf der

letzten Aufnahme dieser Serie hatte das Kind zwischen ih

Zeitschriften und aufgeschlagene Zeitungen häufen,

ren Beinen Platz genommen. Ich erkannte eine Freundin

von Jacques, der ich ein paar Mal begegnet war. Ob das

Heft nun aufgeschlagen war oder nicht, ich hätte es wahrscheinlich

nicht weiter beachtet, wenn es sich um Fotos anderer

Art gehandelt hätte. Auf der zuletzt geschriebenen

Seite war von einer geplanten Reise in die Provinz die Rede,

und Jacques äußerte sein Bedauern, dass Blandine – das war

nicht die Freundin, deren Fotos ich gerade gesehen hatte,

sondern eine andere – ihn nicht begleiten könne. »Wie

schön dieses Mädchen ist!« schrieb er und dann, wie sehr

er sie begehre.

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