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Der Wanderer
Goethe in Italien
(Leseprobe aus: Der
Wanderer Goethe
in Italien, 2002, Hanser)
Unter
dramatischen Umständen kehrten Goethe und Kniep von Messina aus nach Neapel zurück.
Der halb erzwungene Aufenthalt in der vom Erdbeben verwüsteten Hafenstadt an
der Meerenge zwischen Sizilien und Kalabrien bildete, jedenfalls in dem heiter
ausgesponnenen Erzählgarn der Italienischen Reise, das groteske Schlußstück
der homerischen Wanderungen durch Sizilien. Die widrige Physiognomie der einst
so prunkliebenden Stadt, die löchrig gewordene Hafenfront der im Halbkreis
geordneten Paläste, die Palazzata, als eine großsprecherische Attrappe vor den
dahinter eingenisteten Elends-Behausungen, die so närrische wie ängstliche
Betriebsamkeit auf den Straßen und Plätzen, und mitten darin der Gouverneur
dieser so schwer heimgesuchten Metropole, wie ein der Vorwelt entronnener Oger,
der in Goethes Schilderung die Züge eines in die Komödie oder ins Satyrspiel
hineingeratenen Polyphem annahm.
Als die Reisenden überstürzt aus den Fängen notgedrungener Gastfreundschaft
sich auf einen französischen Kauffahrer flüchten, ahnen sie noch kaum, was für
Abenteuer ihnen bevorstehen. Der Golf enthüllt dem ferner rückenden Blick
schmerzlich die Schönheit der beiden Ufer, die schon, inmitten aller Gefahren,
der über die Meere irrende Odysseus vor Augen gehabt haben mußte: "doch
beschäftigte uns, bei allmähliger Entfernung vom Ufer, die herrliche Ansicht
des Palastzirkels, der Zitadelle, der hinter der Stadt aufsteigenden Berge.
Calabrien an der andern Seite. Nun der freie Blick in die Meerenge nord- und südwärts,
bei einer ausgedehnten, an beiden Seiten schön beuferten Breite. Als wir dieses
nach und nach anstaunten, ließ man uns links, in ziemlicher Ferne, einige
Bewegung im Wasser, rechts aber, etwas näher, einen vom Ufer sich
auszeichnenden Felsen bemerken, jene als Charybdis, diesen als Scylla. Man hat
sich bei Gelegenheit beider, in der Natur so weit aus einander stehenden, von
dem Dichter so nah zusammengerückten Merkwürdigkeiten, über die Fabelei der
Poeten beschwert und nicht bedacht, daß die Einbildungskraft aller Menschen
durchaus, Gegenstände, wenn sie sich solche bedeutend vorstellen will, höher
als breit imaginiert und dadurch dem Bilde mehr Charakter, Ernst und Würde
verschafft." Die abschließende Bemerkung knüpft an die Überlegungen an,
die Goethe im Anblick der Tempel von Paestum über die verändernde Macht der
Phantasie in der Aneignung vorfindlicher Wirklichkeit angestellt hatte. Aber
diese und ähnliche Überlegungen entschwanden dem neuen Odysseus rasch, als die
Wiederkehr der Seekrankheit ihm den Anblick der vom Mythos überglänzten Küsten
und die wunderbare Erscheinung einer Schar Delphine, die das Schiff schwimmend
und springend begleiteten, auf Dauer raubte.
Erst am dritten Tag, in der Annäherung an den Golf von Neapel, konnte sich
Goethe, dem Freund beim Zeichnen über die Schulter schauend, der Herrlichkeit
dieser in wechselndes Abendlicht getauchten Landschaft mit dem begeisterten
Blick des Künstlers überlassen, der auf seinen Zustand nicht zu achten
braucht. Noch in der Nachzeichnung des Reiseberichts wirkt dieser überdehnte
Augenblick des Glücks mit der gleichen Leuchtkraft wie zum Zeitpunkt des
Erlebens: "In dem glänzendsten Farbenschmuck lag Cap Minerva mit den
daranstoßenden Gebirgen vor unsern Augen, indes die Felsen die sich südwärts
hinabziehen schon einen blaulichen Ton angenommen hatten. Vom Cap an zog sich
die ganze erleuchtete Küste bis Sorrent hin. Der Vesuv war uns sichtbar, eine
ungeheure Dampfwolke über ihm aufgetürmt, von der sich ostwärts ein langer
Streif weit hinzog, so daß wir den stärksten Ausbruch vermuten konnten. Links
lag Capri steil in die Höhe strebend; die Formen seiner Felswände konnten wir
durch den durchsichtigen, bläulichen Dunst vollkommen unterscheiden. Unter
einem ganz reinen, wolkenlosen Himmel glänzte das ruhige, kaum bewegte Meer,
das bei einer völligen Windstille endlich wie ein klarer Teich vor uns
lag." Nie freilich mag ihm das Schicksal des Odysseus verwandter,
eindringlicher und drohender vor Augen gestanden haben als an diesem Abend und
in dieser Nacht. Am dritten Tag nach dem Auslaufen war das Schiff, im Angesicht
der Inselwelt vor dem Golf, des Posilipp und der Stadtsilhouette, während kein
Hauch den Meeresspiegel trübte, in eine Strömung geraten, durch die es hilflos
auf das Steilufer der Insel Capri zutrieb. Das Durcheinander an Bord, die unwürdige
Haltung des Kapitäns und der Besatzung, die lächerlichen Zurüstungen, um das
Schiff mit Rudern und mit Stangen von der Steilwand unter der fabelhaften
Residenz des Kaisers Tiberius auf ein paar Minuten abzuhalten, die Resignation
in das unausweichliche Schicksal - alles das muß Goethe die Wechselfälle des
homerischen Helden und alle Fährlichkeiten der frühen Entdecker vor die Seele
gerufen haben. Am Morgen hatte der Wind gedreht und den Kauffahrer auf den
richtigen Kurs in der Hafen von Neapel gebracht. Die kaum mehr gehoffte Rettung
ließ die Rückkehr als Wunder, aber auch als symbolische Bestätigung
erscheinen, daß sich jetzt die Italienreise innerlich vollendet habe.
Der Brief an Herder, den er in der Italienischen Reise auf den 17. Mai 1787
datierte, und die beiden Schreiben an Philipp Seidel und an Charlotte von Stein
vom 15. und 25. Mai, sind ganz von diesem Gefühl durchdrungen. Das
wiedergeschenkte Neapel erst macht die glücklich vollbrachte Reise durch
Sizilien zu einem "unzerstörlichen Schatz auf mein ganzes Leben", wie
er Seidel anvertraut.
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