Zwei Frauen in Prag von Juan José Millás, 2005, dtv

Juan José Millás

Zwei Frauen in Prag
(Leseprobe aus: Zwei Frauen in Prag, Roman (2005, dtv - Übertragung Ilse Layer)

Von dem Augenblick an, da Luz Acaso und Álvaro Abril sich kennenlernten, verhedderten sich ihre Leben wie zwei Schnüre in einer Hosentasche.
Luz war durch eine Zeitungsanzeige auf die Schreibwerkstatt aufmerksam geworden, in der sie nun von Álvaro begrüßt und in ein kleines Büro voller Bücher an den Wänden und auf dem Boden gebeten wurde.
»Mein Name ist Álvaro Abril. Wir haben miteinander telefoniert.«
»Aha«, erwiderte sie.
»Sie setzen sich am besten dorthin und ich mich hierher«, fügte der junge Mann hinzu und deutete auf zwei unbequeme Stühle, die sich an einem billigen Tisch gegenüberstanden.
»Jetzt würde ich am liebsten davonlaufen«, gestand die Frau, während sie ihren Mantel aufknöpfte, ohne ihn jedoch auszuziehen, und sich hinsetzte.
»Warum das denn?« fragte Álvaro Abril mit einem Lächeln.
»Ich weiß nicht.«
Die Schreibwerkstatt biete in erster Linie Kurse in kreativem Schreiben an, erklärte ihr der junge Mann.
»Wir machen aber auch andere Dinge wie zum Beispiel das, was in der Anzeige steht, die Sie zu uns geführt hat.«
»Und? Findet dieses Angebot Anklang?« fragte sie.
»So langsam, ja. Wir stecken noch in den Anfängen. In Barcelona verbucht man damit seit vier, fünf Jahren einen schönen Erfolg. In Madrid sind wir die ersten. Es gibt viele Menschen, die, sobald sie in den Ruhestand kommen oder auf einmal mehr Freizeit haben als sonst, ihr Leben schriftlich festhalten möchten. Aber zum Schreiben braucht man das richtige Handwerkszeug, wie zu allem anderen auch. Und dafür sorgen wir von der Schreibwerkstatt. Die Leute steuern ihr Leben bei und wir das Handwerkszeug. Dabei geht es nicht nur um einen guten Stil, sondern auch darum, das Material zu sichten. Im Grunde kommt das Verfassen einer Biographie dem eines Romans gleich. Das fertige Buch kann man später den Kindern oder Enkeln schenken und lebt dadurch irgendwie weiter, so wie durch die Fotos im Familienalbum, hab ich nicht recht?«
Luz Acaso hatte bestimmt den Eindruck, er bete die Sätze nur herunter. Denn Álvaro Abril wirkte mit dieser Tätigkeit überfordert. Vielleicht hing die Höhe seines Gehalts davon ab, ob er Leute wie sie zu ködern vermochte.
»Also, ich bin keineswegs im Ruhestand. Ich bin gerade mal vierzig Jahre alt«, entgegnete sie scheinbar gekränkt, was möglicherweise gar nicht ihrem Empfinden entsprach.
»Es ist offenkundig, daß Sie noch nicht im Rentenalter sind, verzeihen Sie. Ich meinte damit auch den üblichen Interessentenkreis, doch kann man natürlich in jedem Alter den Wunsch haben, das eigene Leben niederzuschreiben. Was würden Sie denn sagen, welches Ihre Beweggründe dafür sind?«
Luz Acaso sah dem jungen Mann ins Gesicht.
»Ich bin Witwe geworden.«
Ich bin Witwe geworden: Kaum hatte sie diesen Satz gesagt, zuckte sie kurz zusammen und begann dann zu weinen, sehr zur Überraschung Álvaro Abrils, der konsterniert und reglos auf der anderen Seite des Tisches sitzen blieb.
Da steckte jemand den Kopf herein, zog sich jedoch gleich wieder zurück und schloß die Tür, als er oder sie die eigenartige Spannung im Raum spürte. Diese Störung stoppte Luz Acasos Tränenfluß abrupt, und sie murmelte eine Entschuldigung, während sie sich die Wangen mit einem Papiertaschentuch trocknete.
»Viele glauben«, ergriff Álvaro Abril wieder das Wort, »wenn man das eigene Leben erzählt, müsse man von ganz vorn anfangen: Geburtsjahr und -ort und so weiter. Dabei kann man durchaus mit dem Schluß beginnen oder in der Mitte, wo auch immer. Ich bin mir nicht so sicher, daß die Dinge sich tatsächlich nacheinander ereignen. Häufig ist nämlich etwas, das in der chronologischen Reihenfolge erst später kommt, in Wirklichkeit schon früher geschehen. Wenn Sie mit dem Tod Ihres Mannes ansetzen wollen oder müssen, können wir das gerne tun; wir werden dann schon sehen, wo Ihr Gedächtnis oder Ihre Gefühle Sie hinführen. Wichtig ist nur, daß die Ereignisse, die wir auswählen, von zentraler Bedeutung sind, damit die Erzählung lebendig wird. Das sage ich, weil ich davon überzeugt bin, daß das Leben nichts anderes ist als ein Bericht, eine Geschichte, die es allemal wert ist, erzählt zu werden.«
Álvaro Abril sprach von den Bestandteilen einer Biographie wie ein Biologe von einem tierischen Organismus, was sogar ihn selbst etwas erstaunte, so als habe er soeben die Verwandtschaft zwischen dem Schreiben und dem Leben entdeckt. Da ging die Tür erneut auf, und jemand machte ihm wohl ein Zeichen, denn er warf nun einen Blick auf die Uhr und meinte verstimmt, er müsse gleich zum Unterricht, aber wenn Luz das Projekt weiterverfolgen wolle, sollten sie sich zuvor noch über die praktischen Fragen verständigen. Normalerweise, fügte er hinzu, arbeite er mit einem Kassettenrecorder, mache sich aber auch Notizen. Er schätze, ein halbes Dutzend einstündiger Termine dürften genügen, doch gebe es da keine festen Regeln; es könnten auch mehr oder weniger sein.
»Manche Leute möchten ihre Biographie lieber kurz, andere lieber lang haben. Man kann ein Leben auf fünfzig oder auf fünfhundert Seiten zusammenfassen. Die Entscheidung liegt bei Ihnen.«
Luz Acaso billigte alles, selbst den Preis pro Arbeitssitzung und die Kosten für eine Veröffentlichung des Buches, falls sie sich am Ende entschließen sollte, eine kleine Auflage drucken zu lassen. Sie wollte gehen, sicherlich um wiederzukommen. Vielleicht dachte sie ja, je eher dieses Vorgespräch beendet wäre, desto eher könnten die eigentlichen Arbeitstreffen beginnen. Daher empfand sie es bestimmt als Erlösung, sich vom Stuhl erheben zu können, nachdem sie eingewilligt hatte, jeden Tag um zwölf Uhr vorbeizukommen. Über seine eigenen Füße stolpernd, brachte Álvaro Abril sie zur Tür, wo sie sich zwischen Grüppchen von jungen Leuten verabschiedeten, die mit Heften und Büchern unter dem Arm in der Schreibwerkstatt ein und aus gingen.
Während Luz Acaso die Straße überquerte, knöpfte sie ihren Mantel zu, knöpfte ihn jedoch absurderweise gleich wieder auf, als sie vor ihrem Auto stand. Für gewöhnlich zog sie ihn aus und legte ihn auf den Rücksitz, damit er keine Falten bekam, aber sie war an diesem Tag so durchgefroren, daß sie sich mit dem Mantel ins Auto setzte. Das Gebäude der Schreibwerkstatt befand sich am Ende eines Sträßchens mit alten Einfamilienhäusern, das in der Nähe der Calle de López de Hoyos von der Avenida Alfonso XIII. abging und von der Schallschutzmauer der Stadtautobahn abrupt abgeschnitten wurde. Das Sträßchen hieß Francisco Expósito, und an seiner Abzweigung stand ein Verkehrszeichen mit dem Symbol für Sackgasse.
Luz Acaso blieb einige Sekunden gedankenverloren im Auto sitzen. Als sie gerade den Zündschlüssel umdrehen wollte, hörte sie, wie jemand ans Beifahrerfenster klopfte. Erschrocken drehte sie den Kopf und erblickte hinter der Scheibe eine junge Frau mit einer schwarzen Klappe über dem rechten Auge. Sie trug eine schwarze Lederjacke, und ihr Haar war ziemlich kurz und zerzaust.
»Was gibt’s?« fragte Luz, während sie das Seitenfenster öffnete.
»Fährst du vor zur Avenida Alfonso XIII.?«
»Ja.«
»Kannst du mich mitnehmen?«
»Steig ein.«
Laut über die Kälte schimpfend, kletterte die Einäugige in den Wagen. Sie hatte eine grüne Mappe mit Gummizug und ein abgegriffenes Buch dabei. Luz ließ den Motor an und fragte die Frau, wo sie hinwolle.
»Egal«, antwortete sie.
»Machst du einen Kurs in der Schreibwerkstatt?«
»Ich habe mich nach den Preisen erkundigt, aber sie sind mir zu hoch.«
Sie erläuterte Luz, daß die Schule einen Teil ihres Prestiges der Tatsache verdanke, daß Álvaro Abril dort unterrichte, ein junger Schriftsteller, der als Zwanzigjähriger durch einen sehr erfolgreichen Roman bekannt geworden sei, seit fünf Jahren allerdings nichts mehr veröffentlicht habe. Man munkele, er stecke in einer Krise, was ihn jedoch nur noch attraktiver mache.
»Ich würde mich dafür prostituieren, von ihm Unterricht im Schreiben zu bekommen«, sagte sie dann noch. »Ist er dein Lehrer?«
»Er ist mein Biograph«, antwortete Luz Acaso verwundert.
»Dein Biograph? Was soll das heißen?«
Luz erklärte der Einäugigen, wie sie auf die Schreibwerkstatt gestoßen war. Plötzlich kamen ihr wieder die Tränen.
»Entschuldige«, sagte sie, »ich weiß nicht, was mit mir los ist.«
»Vielleicht wirst du krank.«
»Das ist es nicht. Ich habe die letzten zwei Monate nur zu Hause gesessen, ohne mit jemandem zu reden, bis ich zufällig auf die Anzeige der Schreibwerkstatt in der Zeitung stieß. Da habe ich gleich einen Termin vereinbart. Zwei Monate, ohne mit einem einzigen Menschen zu reden! Ich war kurz davor, völlig durchzudrehen, aber dann habe ich die Anzeige entdeckt, und jetzt, wo die Anspannung nachläßt, kommen mir die Tränen. Entschuldige.«
Vom Weinkrampf geschüttelt, fuhr sie ziemlich ruckartig, trat aufs Gas und bremste dann wieder scharf ab, was ihre einäugige Beifahrerin gleichgültig hinnahm.
»Und warum hast du zwei Monate lang mit niemandem geredet?«
»Man hat mich wegen Depressionen krank geschrieben. Ich bin Beamtin und habe beschlossen, nie mehr ins Büro zurückzukehren, nie, nie wieder, doch dazu muß ich noch wesentlich depressiver werden. Der Arzt merkt sofort, wenn es einem wieder besser geht, also habe ich zwei Monate lang Depressionsübungen gemacht, um auch in Zukunft nicht zur Arbeit zu müssen. Aber zwei Monate mit keiner Menschenseele zu reden ist einfach zuviel. Es macht einen verrückt. Da habe ich die Anzeige mit den Biographien gesehen, in der Schreibwerkstatt angerufen und einen Termin vereinbart.«
Beim Erzählen war sie im Kreis gefahren, so daß sie sich nun fast wieder am Ausgangspunkt befanden. Ihre Unterhaltung und das Auto drehten sich im Kreis. Der Himmel hatte sich bewölkt, und auf die Windschutzscheibe klatschten dicke Tropfen, die von den Scheibenwischern ächzend zur Seite befördert wurden. In der Nacht hatte es ein wenig geschneit, so wie es in Madrid eben schneit. An manchen Straßenecken waren noch Überreste des ehemals weißen Matschs zu sehen.
»Álvaro Abril ist also berühmt?« fragte Luz Acaso, zu der Einäugigen gewandt.
»Na ja, man kennt ihn, vor allem in der Literaturszene. Er gilt als Außenseiter, und alle warten gespannt auf seinen zweiten Roman. Jetzt kann er nicht mehr mein Lehrer werden. Selber schuld.«
»Und was schreibst du für Sachen?«
»Reportagen oder Romane, kommt drauf an. Im Moment sitze ich an einer Geschichte über Lumbago.«
»Über plötzlich auftretende Kreuzschmerzen? Ich habe das öfter«, sagte Luz Acaso.
»Du kommst mir wie gerufen! Ich würde mich gern mit dir unterhalten. Hast du’s eilig?«
»Eilig? Ich? Ich hab dir doch gesagt, daß ich seit zwei Monaten mit niemandem mehr geredet habe.«
Auf einmal hörte der Scheibenwischer zu quietschen auf, und im Inneren des Fahrzeugs überkam die beiden Frauen ein tiefer Friede, fast eine Welle des Glücks.

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