|
|
ZU ILSE WEBER UND IHREN GEDICHTEN
In Theresienstadt, jener im Zweiten Weltkrieg zum Konzentrationslager umfunktionierten alten Habsburger Garnisonsstadt nördlich von Prag, gab es ein Grab für Gedichte.
Vermutlich gibt es viele solche Gräber, die nie entdeckt wurden, weil die Menschen, die sie gegraben hatten, ermordet waren. Doch dieses eine wurde wiedergefunden. In ihm hatte ein Häftling, den die SS im Lager als Gärtner eingesetzt hatte, das poetische Werk seiner Frau versteckt, ehe er nach Auschwitz deportiert wurde.
Wer in Theresienstadt seinen Namen auf den Transportlisten fand, musste Schlimmstes befürchten. Das Wort Osttransport war in der Vorstellung der Gefangenen von einer Aura des Grauens umgeben. Genaues wussten die meisten darüber nicht, doch ahnten sie, dass ihnen am Zielort Schrecklicheres als im Ausgangslager drohte. Häftlinge, die von der Massenvernichtungsindustrie erfasst wurden, hatten kaum eine Möglichkeit, Geschriebenes welcher Art auch immer, ob Briefe, Gedichte, Notizen, Skizzen, über Auschwitz, Sobibor oder Treblinka hinaus zu retten. Dies waren Orte, an denen keine gegenständliche Fixierung künstlerischer Produktion mehr möglich war. Hier konnte ein Häftling, falls er dem Gas entging, nur retten, was sein Gehirn an Erinnerungen barg. Nach der Befreiung schrieben manche Überlebende Zeugnisse literarischer Arbeit in den Lagern aus dem Gedächtnis nieder, um sie für die Nachwelt zu bewahren. Yad Vashem, Jerusalem, Anfang der achtziger Jahre. Wochenlang blätterte ich im Archiv der Gedenkstätte zur Erinnerung an die Opfer der Shoa in einer Vielzahl von Papieren, um literarische Stimmen aus dem Konzentrationslager Theresienstadt zu finden. Ich entdeckte eine Menge von Schriftstücken, die Zeugnis ablegen von dem Leid und den Qualen, aber auch dem künstlerischen und literarischen Schaffen der Gefangenen.
Rezension I Buchbestellung I home 0I09 LYRIKwelt © Hanser