Zu den Welten von Gertrud Kolmar von Iwona Mickiewicz, 2012Iwona Mickiewicz

Zu den Welten von Gertrud Kolmar
(Leseprobe aus: Zu den Welten von Gertrud Kolmar, Texte und Abbildungen, 2012, Galerie Albrecht, Berlin)).

Übersetzungsarten in meiner künstlerischen Arbeit: Sprachen und Bilder

1. Stille

(…)

Die Frau im Dunkel ist eine Tragende. Dann ist sie die Wissende und die Einmalige
(einmal hab ich gewusst), sie ist die Einsame (schritt ich einsam), sie ist die
Wandernde (ich wanderte über den verödeten Markt), sie ist die Stille-nde (stand ich
still
) und zugleich die Hörende, die diese Stille hört, die zwischen den Stillen oben
und unten ihren stillen Satz umarmen muss: Im Fernen redet der Fluss mit seinen
Ufern.
Ob die Frau aus dem Dunkel das Gleiche anders hört, weil der Fluss auf Polnisch
weiblich ist? Ob der Fluss als weibliche Landschaft auch anders mit seinen Ufern
redet und anders fern von der Stille entfernt liegt? Es bleibt die Frage, wie verändere
ich mich mit und in diesem Satz, wenn ich diesen Fluss vom einen zum anderen Ufer
übertrage, wiedergebe, umklammert in der Stille? Diesen Satz ohne Antwort
übersetze ich für mich selbst.
Auch wenn nach Jean Baudrillard (Passwörter) Wörter sterblich sind, werden die
Wörter in den Welten zum Wieder(er)leben ausgegraben, ausgerufen, aufgerufen,
werden in der Stille präsent, ergänzen sich mit der Stille im Kreis. Welchen Wandel
erleben sie in der Stille, in der Leere, in der Pause? Welchen Wandel erlebt der
Übersetzer, der Stille ausgesetzt?
Als ich die Briefe von Gertrud Kolmar gelesen habe, waren sie für mich eine große
Unterstützung und Ergänzung ihres Werkes, ihres Lebens, aber sie wurden
gleichzeitig zur Last. Zur Last der damaligen Zeit.
( …)
Aber jetzt bleibe ich bei dem Gedicht Die Stadt, bei dem Text, bei dem Brot.
Die Frau brach Brot und warf es weit in die Flut.
Jetzt, d.h. nach diesem Satz, kommt die Stille, die Leere, eine Pause – im Gedicht
ist sie tatsächlich zu sehen. Gibt es (ohne Derrida zu verfluchen!) wirklich nichts
außerhalb des Textes?
Nicht mal einen Krumen?
Auf keinen Fall, auf keinen Krumen!
Ein Teil des Brotes – wie groß, wie weit oder wie nah? – ist nicht zu sehen, da es
tatsächlich mit der Geste der Frau aus dem Blick gerät. Aufgelöst in der Flut, Stille,
Leere, Pause? Nein. Aber wie lange dauert an dieser Stelle die Stille, Leere, Pause?
Übersetze ich dieses Stück Brot in der Stille, der Flut oder nach der Flut? Ich
übersetze es erst danach, in einer übertragenen Stille. Übertragen durch meine
Mutter, durch Geschichte. Wie genau kann ich ein kleines Stück übertragen, damit es
in der Übersetzung bemerkbar ist, einen Platz einnimmt, als wahres Stück
wahrgenommen wird und weiter lebt? Krumenfrage wie Krumenantwort.
Die Stadt lebte tatsächlich in der Erinnerung Gertrud Kolmars, die mit Karl Joseph
Keller nach Hamburg, Lübeck und Travemünde reiste.
Alte Bäume verpflanzt man nicht mehr … Hamburg. Auch eine Großstadt. Aber da
liegt in der Mitte das Alsterbecken mit seinen Uferwegen und den Möwen …
13. Mai 1939.
Im gleichen Gedicht Die Stadt bot Laden um Laden knusprig braunes längliches Brot,
süß, mit Korinthen gefüllt, und herbes, das mehlüberstäubt oder mit Salz und
Kümmel bestreut war.
Das Brot in verschiedener Form erscheint auch in der Sehnsucht (weißes duftendes
Brot
und Datteln), im Einhorn (Mannasträucher), in Dienen (bauchige Mehltonnen,
künftiges Brot und Krumen), die Früchte der Schneebeersträucher im Gedicht
Fruchtlos sind klein, rund, weiß und weich, sehen sehr einladend aus, appetitlich,
aber sie sind giftig. Bilsenkraut (Der Engel im Walde) aus der Familie der
Nachtschattengewächse hat trauben- oder ährenähnlichen Blütenstand; Steinfrüchte
vom Mandelbaum (Mandelblüten in Asien) sind essbares Nährfleisch, wie
Steinfrüchte vom Ölbaum im Gedicht Dienen und im Gedicht Türme, auch wenn er
mit der Zeder fortgewandert ist und die Zypresse floh. Datteln sind die
zuckerreichsten Früchte. Und künftiges Brot – von allem soviel, dass es teilbar ist.
Das Brot bricht die Flut (Flut des Flusses, Flut des Textes, der Erzählung) –
Brechung auch als Teilung, d.h. Aufbruch in die Geschichte eines Schicksals, einer
Stadt, einer Fläche, eines Krumens. Mit der Stille zusammen, auch wenn sie in der
Flut nicht übersetzbar ist, lese ich in dem Brief Gertrud Kolmars vom 16. Oktober
1938:
Ich käme mir mit allem Mut-Zusprechen nur vor wie jemand, der einem Hungrigen,
statt ihm Brot zu geben, auf die Schulter klopft: „Verzagen Sie nicht, guter Mann, in
unserem Ort wohnen mildtätige Leute, da werden Sie schon irgendwo was
bekommen.“ Verzeih’ diese Offenheit – vielleicht, nein, hoffentlich wirst Du an
Deinem Orte „schon irgendwo was bekommen“.
( …)

3. Rebe

Wenn ich ein Gedicht für Gertrud Kolmar schreiben werde, dann wird das eine Tafel
sein mit Pflanzenarten im Reichtum ihrer Schattierungen.
Hier mein erster Versuch:

Rebe

Schillkraut Schöllkraut
Goldwurz
Im Schwalbennest eine Silbe
Kornblume Krummblume
Drumm eine Tulpe
Schachtelhalm mit dem Buckel
Krokus barfuß auf Gänsefüßchen
Vergissmeinnicht kleine Garbe
Gardenie mit Gängelband

Lose Wiese taube Lerche
Wie geht’s?
Fransen Rasen
Irgendwann einen Laut

Luzerne
Schneckenklee Hopfenklee Gelbklee Mittagsklee
Zwerg-Glockenblume
So streift der Klöppel die Abendsonne
Iris Esther Elvira Aster
Malka Maiglöckchen im Wald

Anemone
Wachtelweizen im Tal
Flache Felder Schwarzkümmel Czarnuszka
Schnittzunge Schneeblume Nelkenwolke

Weshalb?

Nimm eine Päonie statt einer Pfingstrose
Eine Rosenmalve statt einer Rose
Azalee! Azalee!
Zwölf Azaleen für einen Löwenzahn
Drei Wunschblumen zur Nacht

Irgendwo die Klette
Wie irgendeine Quecke
Leise Mohn Immergrün
Barwinek Bärenklau
Immortellen in einer Lupine
Georgine Levkoje
Lilie Lilith
Lina-Lena Lara-Lilianna
Magnolie Ivan-da-Maria

Halbe Halme wachen zuweilen beim Vollblatt
Fürs Veilchen
Immerrebe im Efeuregen Schachtelgras
Astermeinnicht
Vergiss

4. Wörter, Türme, Zwischenmauern

( …)

Das Verb fortwandern ist ein gewichtiges Wort und Zeichen im Gedicht Türme, in den
Briefpassagen von Gertrud Kolmar, in der Geschichte:
Die Zypresse floh. Zeder und Ölbaum sind fortgewandert,
           und keine Rebe schmiegt liebende Arme um seinen
           schlafenden Stein
.

Die Weinreben (Vitis) aus der Familie der Weinrebengewächse werden Reben
genannt; die Rebe muss hier einst groß gewesen sein, um liebende Arme ausbreiten
zu können.

Für das Verb fortwandern habe ich das polnische Verb uszły gefunden, mit dem sich
auch die Idee einer Flussmündung assoziiert; ich hoffe, es fließt im Vers.
Bei dem Wort verschwebend dachte ich zuerst und zuletzt an die Bewegung. Sich
auflösen, verschwimmen oder zergehen wäre in der Übersetzung zu spannungslos.
Kann eine Seele verschwinden, wenn sie noch die Kraft besitzt, den Klang einer
Harfe auszulösen?

Seltsamerweise stand plötzlich vor meinen Augen die Arbeit Kinetische Konstruktion
von Naum Gabo, deren Metallstab für mich einen Turm mit seinen Schwingungen als
eine einzige Gestalt zeigt. Stehende Schwingung? Schwingende Beständigkeit?
Die Landschaft dazu finde ich in der letzten Strophe des Gedichts Die Jüdin von
Gertrud Kolmar:

Riesig zerstürzende Windsäulen wehn,
Grün wie Nephrit, rot wie Korallen,
Über die Türme. Gott lässt sie verfallen
Und noch Jahrtausende stehn
.

Rezension I Buchbestellung I home IV12 LYRIKwelt © I.M.