Iwona Mickiewicz

Muffelofen

Ich habe so ein wunderschönes Heft.
Ein Heft mit goldenem Rand, rotem Umschlag und einer roten Schleife.
Ein elegantes Geburtstagsgeschenk von Caroline.
Jetzt musst du schreiben, sagt sie.
So eine Wohltätigkeit ist mir suspekt wie: Jedes Thema kann ein großes Thema sein.
Neckerei. Heft hat vier Buchstaben.
In der Mitte der ersten Seite des Heftes steht gedruckt (nicht von mir geschrieben!):
                                                                                                       Ein Semikolon

Meiner Ansicht nach wäre es umgekehrt logischer: oben das Komma, unten der Punkt.

Nun gut; als ich meine Bewerbungsunterlagen für das Gymnasium im polnischen Góra ausfüllen musste, schrieb ich als ersehnten Beruf: ślusarz-mechanik, d.h. Schlosser.

Meine Mutter ging in die Schule, sah meine Schrift, Direktorin und Lehrer sagten kein Wort dazu, meine Mutter kam kreidebleich nach Hause: sie schwieg zwei Tage lang. Auch ich war schweigsam, leicht angeschlagen, etwas bleich, denn ich wusste wirklich nicht, wozu ich das Wort ślusarz- mechanik geschrieben hatte.

Pubertäts -Erschütterung.

Punkt.

Ich schaue jetzt, was ich in meinem Heft notiert habe, ohne die rote Schleife und die Interpunktion zu beachten: der Schaft der Griff der Bart

Richtig, das sind die Schlüsselteile.

Die Backe, die Spindel, der Knebel, die Feilen: Grobfeile, Schlichtfeile, Präzisionsfeile.

Ich glaube, das ist der Parallelschraubstock.

Da nehme ich die Schneidkluppe.

Ich erkenne die Falle. Die Nuss, mit Vierkantloch, den Führungszapfen und die Feder.

Den Nonius.

Ob man heute noch einen Muffelofen benutzt?

Ich weiß, wenn ich ein Semikolon benutze, arbeite ich jedenfalls noch nicht unter einem Schutzhelm.

Das Semikolon gehört angeblich zur Familie der Hermaphroditen, allein daher benutze ich es recht selten. Trotzdem bin ich nicht kleinbürgerlich.

Meinen Geburtstag hatte ich allerdings nicht in einem Schloss am Meer organisiert, sondern bei einem selbstgebackenen Käsekuchen in meiner Küche; so kam ich in den Besitz dieses Heftes.

Woher diese Krümchen im Heft?

(Cherusker, Goten, Gola, Jastrzębia, Głogów, Zburowka, Cherson, - welche Insel - ?… Warszawa, Leningrad, … lass das Komma geh weiter)

 

Das Heft hat keine nummerierten Seiten; ich weiß nicht, was mir noch bevorsteht.

Auch nett; an die Arbeit.

Die zehnte Seite handelt von einem polnischen Nilpferd mit Lockenwicklern.

Wie peinlich.

Die elfte Seite verkündigt: Ich bin hier nur unterwegs.

Lüge!

Des weiteren steht ein Regenschirm in der Stille.

Eine vulgäre Realität.

Erst ab Seite einundzwanzig greife ich eine punktierte Brutalität an:

Verboten als Schullektüre in Polen: Gombrowicz, Dostojewski und Goethe.

Auch diese Seite bricht mit einem goldenen Rand ab - ohne Dostojewski und Goethe, dafür wenigstens mit einem Sonett.

Bei dieser polnischen Regierung war ich leider Sonett-schwach.

Die Regierung auch.

 

(Korruption hoch vier, Presidentura hoch vier: Zloty-Zloty)

 

Der erste Vers Gedankenstrich soundso.

Der zweite Vers Komma kein Punkt

Die anderen Verse: ohne Striche und Gedanken.

Es gibt nicht einmal zwei richtige Sätze, die man mit einem Semikolon verbinden kann.

Da stottert der Führungszapfen.

Rezension I Buchbestellung I home 0110 LYRIKwelt © I.M.