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Reisebriefe aus Arktis und Antarktis
(Leseprobe aus: Høyt mot nord, langt mot
sør, Reisebrev per satellitt fra Arktis og Antarktis/Reisebriefe aus Arktis und
Antarktis, 2006, Forlaget Oktober - Übertragung
Gabriele Haefs).
Was soll ein Norweger sagen, wenn er mit Anklagen über den norwegischen Walfang bombardiert wird? Als wir mit Kurs auf Norden und auf die Heimat von der Antarktis aus die Drakestraße durchquerten, fand ich eine ungeheuer offensive Antwort. Ich erklärte, der norwegische Walfang im südlichen Eismeer habe dazu beigetragen, aus Norwegen eine selbständige und damit widerstandsfähige Nation zu machen, und ohne Walfang hätte Norwegen vermutlich niemals als seefahrende Großmacht dazu beitragen können, die Welt vor Adolf Hitlers Nazidiktatur zu retten.
Diese spontane Theoriekonstruktion nahm ihren Anfang Sekunden, nachdem wir auf der Brücke an Bord der Polar Star das Glück gehabt hatten, einen quicklebendigen Finnwal zu sehen. Der ist, nach dem Blauwal das größte Tier der Welt und kann bis zu fünfundzwanzig Meter lang werden.
Die berüchtigte Drakestraße zeigte sich von ihrer allerbesten Seite. Der Westwind war nur ein sanfter Hauch, die Wellen eine Andeutung von Kräuseln und die See so blau wie das Mittelmeer. Zuerst sahen wir in der Ferne einen Springbrunnen aus Blas. Dann kam das Biest, wenn ich das mal so sagen darf, und durchbrach gleich neben unserem Schiff die Wasseroberfläche. Wir sahen die gewaltige Rückenflosse, Finne genannt, die der Art den Namen gegeben hat, und die gelbweißen Barten, die den Finnwal aussehensmäßig vom Blauwal unterscheiden. Wir stießen allesamt einen Seufzer aus, der fast so mächtig war wie die klatschende Schwanzbewegung, mit der der Wal verschwand, um dann auf seiner ewigen Jagd nach den planktonischen Kleinkrebsen, die als Krill bekannt sind, wieder aufzutauchen.
Im Eifer des Augenblicks prahlte ich unvorsichtigerweise damit, dass ich einmal dabei gewesen war, als mit einer Granatharpune ein Finnwal erlegt wurde. Die Geschichte ist wahr, aber es war natürlich eine gewaltige Eselei, sie da und dort zu erzählen. Meine Mitreisenden aus den USA, Südafrika, England, Schottland, Neuseeland - you name them -erschraken zuerst, dann reagierten einige von ihnen ungemein sauer.
Finnwale gibt es in allen Meeren, sowohl hoch im Norden als auch tief im Süden. Als junger Reporter der Zeitung Nordlys durfte ich 1971 auf dem Walfängerschiff Star III mitfahren, das von der Landstation Skjelnan in Tromsø aus operierte. Auf dem Weg zu den Gewässern vor Ankenes wurden ein ziemlich großer Finnwal und ein riesiger Pottwal erlegt. Ich sah zu, wie das Meer sich blutrot färbte und wie die Tiere mit dem Bauch nach oben im Wasser trieben. Dann wurden sie zur Station geschleppt und nach allen Regeln der Walfängerkunst aufgeschnitten und zerlegt, in einer Orgie aus Speck und Schleim.
Menschen, die in die Antarktis reisen, wissen oft unangenehm viel darüber, wie der norwegische Walfang im 20. Jahrhundert den Bestand dort dezimiert hat.
„Zuerst habt ihr den Blauwal erledigt, und dann habt ihr verdammt noch mal versucht, auch noch den Finnwal auszurotten“, rief ein wütender Yankee.
Ich wusste, dass es nicht ausreichen würde, Norwegens Ehre mit dem Argument zu verteidigen, daß die Yankees damals auf dem Meer und bei den Seehundsherden ebenso gewütet haben wie wir. Denn die amerikanische Fangtätigkeit auf allen Meeren liegt so lange zurück, daß sie in den USA nur noch eine romantische Erinnerung ist. Deshalb gab ich meiner Verteidigungsrede eine breite, moderne Perspektive. Und da ich mich vorhin so blamiert hatte, mußte ich mich jetzt zusammenreißen und deshalb eine Geschichte erzählen und eine Theorie vortragen. Es ist eine wilde Theorie, die vielleicht gerade deshalb genauere Untersuchung verdient.
Das hier ist die längere Version, elaborierter, als ich das auf der Brücke auf einem Schiff vortragen konnte, umzingelt von Feinden.
Der norwegische Walfang in der Antarktis hat fast genau in dem Jahr eingesetzt, in dem Norwegen aus der Union mit Schweden ausschied und zur unabhängigen Nation wurde.
Obwohl es eine Zeit der nationalen Begeisterung war, wäre damals noch niemand auf die Idee gekommen, zu behaupten, es sei typisch norwegisch, gut zu sein. In europäischem Zusammenhang war es eher typisch norwegisch, arm zu sein.
Das Land war noch kaum elektrifiziert und besaß keine wirklich starken modernen Wirtschaftszweige. Die Ausnahme lag auf dem Meer, wo Norwegen damals den Übergang von Segel zu Dampf vollzog, und dort spielten wir eine Rolle als Fänger, die über die neueste Technologie verfügten. Im Fangfeld war das wichtigste Element die Harpunenkanone, die von einem Norweger erfunden worden war, von Svend Foyn.
In heroischen Polarübungen waren wir gut. Aber davon konnten wir nicht leben, wir konnten sie höchstens als Inspiration für den Ausbau neuer Wirtschaftszweige benutzen.
Die Antarktis wurde zu einem Tummelplatz, auf dem Norwegen zur weltweit führenden Wirtschaftsnation emporstieg. Dort konnten wir unsere Küstentraditionen und unsere besonderen Kenntnisse heranziehen und unseren Beitrag leisten zur Entwicklung der damaligen Hochtechnologie, mit leistungsfähigen Geschützen, schnellen Walschiffen mit Dieselantrieb und Walkochereien mit Heckhelling. Die Kochereien gehörten zu den größten Handelsfahrzeugen, die die Welt bis dahin je gesehen hatte.
Der Walfang war das erste norwegische Ölabenteuer im 20. Jahrhundert, das ja überhaupt für Norwegen zum Jahrhundert des Öls wurde. Und dieses erste Abenteuer trug in hohem Grad zur Entwicklung des zweiten Ölabenteuers bei.
Beim ersten Ölabenteuer vollzog die Entwicklung sich so schnell, dass die Expansionsgeschwindigkeit in der Nordsee nach 1970 dagegen verblaßt. Ich denke hier an den fast explosiven Wuchs der Anzahl norwegischer Öltanker. Innerhalb der zwei Jahrzehnte von 1920 bis 1939 versiebzehnfachte sich der Umfang der norwegischen Tankerflotte. Ja, sie versiebzehnfachte sich! Das machte Norwegen zur drittgrößten Tankernation der Welt, nach Großbritannien und den USA, mit achtzehn Prozent der Weltgesamtflotte. Die Tanker auf norwegischem Kiel hatten geringere Durchschnittsalter als die der anderen Nationen, und ein sehr viel größerer Anteil wurde mit Dieselmotoren betrieben. Mit anderen Worten, es war eine supermoderne Flotte.
Und wo in Norwegen wurde diese Tankerflotte gebaut? Am Oslofjord. Als Norwegens zweigrößte Seefahrtsstadt geriet Bergen in der Zwischenkriegszeit ins Hintertreffen. Bei Kriegsausbruch 1939 besaßen die Redereien in Oslo 119 Tanker mit insgesamt 891 000 Tonnen. Bergen dagegen konnte nur 26 Tanker mit insgesamt 207 000 Tonnen aufweisen. (Zum Ausgleich lag in Bergen bei Kriegsausbruch Norwegens größte Tankerreederei, H. Westphal-Larsen & Co A/S, die in der Zwischenkriegszeit gewaltig expandierte und in einzelnen Quellen als weltweit größte private Tankerrederei vor 1939-40 bezeichnet wird).
In Sandefjord war aus fast nichts zur Jahrhundertwende eine Flotte von dreizehn Tankern mit 103 00 Tonnen geworden. Meine Hypothese lautet nun so, daß die Expansion am Oslofjord zu einer Anhäufung des durch den Walfang erzielten Kapitals führte. Als Finanzzentrum am Fjord profitierten nicht nur die Städte in Vestfold von dieser Entwicklung, sondern auch die Hauptstadt Oslo. Ich glaube mich zu erinnern, daß sich ein Shipping-Netzwerk bildete, das „Oslofjord-Kapital“ genannt werden kann. Wichtige Mitspieler, die auf Grundlage des Walfangs Tankerreedereien aufbauten, waren Thor Dahl und Anders Jahre in Sandefjord. Sie und andere Reeder am Fjord konnten auch Wechsel auf das im Walfang erworbene Wissen über die Fracht von Öl ziehen. Als ich in der Landstation in New Sandefjord auf Deception Island verrottete Walkochapparate und Öltanks sah, ahnte ich eine Beziehung zum Anwachsen der norwegischen Öltankfracht.
Wie aber sollte sich diese unglaubliche Expansion erklären lassen, ohne dass Walfanggeld und -Kenntnisse einen Teil der Erklärung bildeten? Das ist meine Gegenfrage an mögliche Skeptiker. Ich meine jedenfalls, daß dieser Zusammenhang eine Untersuchung verdient hat.
Stellen wir uns vor, Norwegen hätte keine Tankerflotte gebaut, die ein Fünftel der weltweiten Kapazitäten ausmachte. Stattdessen wären die Achsenmächte Deutschland, Japan und Italien für dieses Wachstum zuständig gewesen. Oder auch neutrale Länder wie Spanien und Portugal. Dann hätten die Alliierten sich nicht die unmittelbare Kontrolle sichern können, die sie über Norwegens Tankerflotte besaßen, und für die Dauer des Zweiten Weltkrieges behielten. In einer kritischen Phase des Krieges transportierten norwegische Tanker vierzig Prozent des von Großbritannien benötigten Öls. Das ist keine norwegische Prahlerei, sondern eine Tatsache, die auf englischen Kriegsplakaten betont wurde
„Ohne diese Ölfracht auf norwegischen Schiffen hätte es für die Welt verdammt schlecht ausgehen können“, sagte ich dort auf der Brücke in der Drakestraße. „Dann hätte Großbritannien den Krieg gegen Hitler verloren. Und die USA wären bestenfalls zu einer Insel in einem nazistischen und faschistischen Meer geworden.“
Voilà! Das mit dem Sieg über die Nazis ist die Schlußfolgerung aus meiner Theorie. Mir ist schon klar, daß es sich um eine baufällige Konstruktion handelt Und bestimmt fragt jetzt jemand, wie es sich mit dem Imperialismus verhält, dem norwegischen Eismeerimperialismus. Aber dafür habe ich jetzt nicht genug Platz, ich muß ein anderes Mal darauf zurückkommen.
Ich habe noch viel mehr über die Antarktis in petto. Aber auch das muß auf die nächste Gelegenheit warten. Denn jetzt muß ich den Schlußpunkt hinter diesen Reisebrief setzen und Ihnen für die Begleitung ins Eis danken.
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