Sabine Meyer

Amoklauf

Und als die Hölle gefror und der Himmel über ihr lichterloh brannte, begriff sie welcher Wolf sich in dem weichen, warmen Schafpelz verborgen hatte. Und nun in ihrem Schoß geborgen lag. Und sich mit seinen scharfen Reißzähne in ihr fest biss. Er riss ihre schreiende Haut auf, schnitt tief in ihr schlagendes Herz und zerriss in einem triumphierenden Geheul ihre Seele. Bis nur noch ihr Körper als leere Hülle da lag. In ihr war es tot und still. Nur noch der stille Atem. Und zwischen den einzelnen Atemzügen, das Warten auf den nächsten Atemzug und auf die Angst und den Schmerz, den er brachte.

Der Wolf rollte sich jaulend zu ihren Füßen zusammen. Den Schafpelz achtlos an die Seite geworfen. Er hatte bekommen, was er brauchte. Er war satt, zufrieden und schläfrig. Nun konnte er wieder Wolf sein.

Sie dagegen würde nie wieder sie selbst sein. „Tod!“ schrie sie und warf ihr letztes Wand an die Wand. Dort klebte es in blutroten Lettern, groß, knallhart und grässlich. Dann rutschte es die Wand herunter und zerschellte mit einem Glockenschlag, der die Welt um sie herum erschütterte. Der Tod fiel zu Boden. Durch nichts gehalten, fiel er tief hinab in ihre Seele und verschluckte das letzte bisschen Lichtgrau ihrer Gedanken. Dort rollte er sich wie der Wolf friedlich zusammen, schnurrte wie eine satte Katze und wiegte sie sanft in seinen schwarzen Armen des Vergessens. Er nahm all ihre Gedanken, ihre Erinnerungen, ihre Worte und schloss sie in das Schatzkästchen zu seinen Füssen ein. Vergessen würden sie sein, im tiefsten Abgrund ihrer eigener Seele und er - der Tod - er würde bis in alle Ewigkeiten sie bewachen. Solle es nur einer wagen, Drachentöter, Prinz oder Wolf - sein eisiges Schweigen würde jeden zu Stein erstarren lassen.

Sie blickte auf und sah an der Wand ihr letztes Wort blutrot herunterlaufen. Der Wolf zu ihren Füssen schlief. Die Schafe scharten sich blökend vor Angst um das nicht zusammengehörende Paar, um Frau und Wolf. Um Tod und Todbringer. Um Verzweiflung und Sattheit. Um blühenden Anfang und zerrissenes Ende.

Als sie die weichen Schafspelze um sich auf der nackten, blutenden Haut spürte, zuckte sie im Aufblitzen einer Erinnerung zusammen. Sie spürte die scharfen Fangzähne des Wolfes an sich nagen, reißen und zerren. Welches der Schafe war der nächste Wolf? Dieses? Oder dieses? Ihre Augen sahen nicht, was sie sahen. Ihre Seele war fort, nicht da um sie zu führen. Ihr Herz zerrissen, unfähig den Weg zu finden.

Sie zog das Messer aus der Schneide und brachte alle um. Die Schafe, den Wolf und sich selbst.

(2007)

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