Tagebuch und spätes Leid von Martin Meyer, 1999, Hanser

Martin Meyer

Piranesis Zukunft
(Die Einführung von: Piranesis Zukunft, Essays zu Literatur und Kunst, Essay, 2009, Hanser).

Philosophie wird zumeist als Wahrheitssuche verstanden.

Daher wird sie in unserer Zeit auch selten praktiziert – und

zwar aus zwei Gründen. Erstens kommt man durch das Studium

der Philosophiegeschichte meistens zu dem Schluss,

dass die Wahrheit unerreichbar ist und es deswegen auch

wenig sinnvoll ist, sich auf die Suche nach ihr zu begeben.

Und zweitens hat man das Gefühl, dass es, wenn es die

Wahrheit doch gäbe, nur die halbe Sache wäre, sie zu finden.

Viel schwieriger wird es, die gefundene Wahrheit zu

verkaufen, um davon in einigermaßen gesicherten Verhältnissen

leben zu können. Und an dieser Aufgabe

kommt man erfahrungsgemäß nicht vorbei. Der heutige

Wahrheitsmarkt scheint mehr als saturiert zu sein. Der

potenzielle Wahrheitskonsument wird mit dem gleichen

Überfluss konfrontiert wie der Konsument in anderen

Marktsegmenten. Wir werden von allen Seiten von Wahrheitswerbung

regelrecht attackiert. Wahrheiten finden wir

überall und in allen Medien, seien es wissenschaftliche, religiöse,

politische oder lebenspraktische Wahrheiten. So

rechnet sich derWahrheitssuchende geringe Chancen aus,

den Schatz, den er möglicherweise findet, unter die Leute

zu bringen – und gibt seine Suche rechtzeitig auf. Was

die Wahrheit anbelangt, so ist der heutige Mensch also

gleichzeitig mit zwei Grundüberzeugungen ausgestattet:

dass es keine Wahrheit gibt und dass es zuviel Wahrheit

gibt. Diese zwei Überzeugungen scheinen sich zu widersprechen,

aber sie führen beide zur gleichen Schlussfolgerung:

Wahrheitssuche ist kein gutes Geschäft.

Nun ist diese Szene, wie sie als die Szene der heutigen

Wahrheitssuche beschrieben wurde, zugleich die Urszene

der Philosophie. Im Kleinformat konnte man diese Szene

auf der griechischen Agora beobachten, zu der Zeit, als der

erste vorbildlicheWahrheitskonsument, nämlich Sokrates,

damit begann, das damals auf dem Markt vorhandene

Wahrheitsangebot zu überprüfen. Es waren die Sophisten,

die behaupteten, Wahrheiten gefunden zu haben. Sie boten

diese Wahrheiten zum Verkauf an. Sokrates aber definierte

sich bekanntlich nicht als Sophist, sondern als Philosoph,

d. h. als derjenige, der die Wahrheit (die Weisheit,

das Wissen, die Sophia) liebt, aber nicht besitzt. Oder, anders

gesagt: als derjenige, der zwar keine Wahrheit zum

Verkauf hat, aber zugleich gerne bereit ist, Wahrheit zu erwerben,

wenn er überzeugt werden kann, dass es sich dabei

tatsächlich um die Wahrheit und nicht bloß um einen

Schein von Wahrheit handelt. Der Wechsel von der Position

des Sophisten zur Position des Philosophen ist der

Wechsel von derWahrheitsproduktion zumWahrheitskonsum.

Der Philosoph ist kein Wahrheitsproduzent. Er ist

auch kein Wahrheitssuchender in dem Sinne, in dem es

Schatzsuchende oder Rohstoffsuchende gibt. Der Philosoph

ist ein einfacher Mensch von der Straße, der sich im

globalen Supermarkt der Wahrheiten verirrt hat – und der

jetzt versucht, sich dort zurechtzufinden, um zumindest

den Wegweiser zum Ausgang zu finden.

Oft wird beklagt, die Philosophie habe sich imLauf ihrer

Geschichte nicht entwickelt – dass sie keine Ergebnisse

hervorbringe, keinen Fortschritt aufweise. Nun wäre es

absolut verheerend, wenn sich die Philosophie historisch

entwickeln würde, denn die Situation des Wahrheitsproduzenten

verändert sich zwar mit der Zeit, aber die Situation

des Wahrheitskonsumenten bleibt immer die gleiche.

Nur dasWahrheitsangebot ändert sich – nicht aber die Rat-

losigkeit des Konsumenten angesichts dieses Angebots.

Jede »authentische« Philosophie ist nichts anderes als die

sprachliche Artikulation dieser Ratlosigkeit. Warum soll

dann diese Ratlosigkeit überhaupt artikuliert und formuliert

werden, warum nicht einfach stumm bleiben?

Und in der Tat bietet Sokrates das uns ohnehin vertraute

Bild eines missgünstigen, chronisch unzufriedenen, permanent

schlechtgelaunten und streitsüchtigen Konsumenten.

Immer, wenn Sokrates den schönen Reden der Sophisten

zuhört, zerstört er die gute Stimmung, indem er in

diesen Reden irgendwelche logische Defizite und Unzulänglichkeiten

findet, die sonst niemanden interessieren

oder gar stören. Solche Figuren begegnen uns übrigens

auch oft im Alltag – in Geschäften, Hotels und Restaurants.

Sie sind immer unzufrieden, beginnen gern Streit mit dem

Personal und gehen anderen Konsumenten mächtig auf

die Nerven. Unwillkürlich sehnt man sich angesichts solch

ärgerlicher und nervender Gestalten nach den guten alten

Zeiten zurück, in denen man solche Gestalten mit Hilfe eines

Schierlingsbechers schnell beruhigen konnte.

Darüber hinaus scheint die kritische Argumentation im

Fall Sokrates’ höchst ambivalent zu sein.Wenn man Sokrates

zuhört, wird in dem einzelnen Fall nicht vollständig

klar, ob er als ein kritischer Konsument auftritt, der das

hier und jetzt vorhandene Wahrheitsangebot kritisiert,

aber die Hoffnung nicht aufgibt, dass er doch irgendwann

mit der wahren Wahrheit konfrontiert werden könnte.

Oder ob er es grundsätzlich ablehnt, dieWahrheit alsWare

zu behandeln und auf den Markt zu bringen. Vieles deutet

darauf hin, dass die letzte Vermutung plausibler ist. Sokrates

ist der eigentliche Erfinder der Marktkritik. Die bloße

Tatsache, dass ein bestimmtes Wahrheitsangebot als Ware

im Rahmen der Marktökonomie fungiert, reicht Sokrates

im Grunde schon aus, um dieses Angebot abzulehnen. Die

Freilegung aller anderen Unzulänglichkeiten und Widersprüche,

die Sokrates in jedem einzelnen Wahrheitsangebot

außerdem entdeckt, ist vielleicht per se lehrreich und

spannend, aber für den allgemeinen Gestus der Ablehnung

im Grunde überflüssig. Die Feststellung der Kommerzialisierung

einer Wahrheitslehre, die Einsicht in die

Warenförmigkeit der entsprechendenWahrheit, die Entdeckung

der ökonomischen Interessen, die hinter der Formulierung

und Verbreitung dieser Lehre stecken, genügen,

um den Wahrheitsanspruch dieser Wahrheitslehre

abzulehnen. Von Sokrates über Marx bis zur Kritischen

Theorie Frankfurter Provenienz gilt, dass die Wahrheit,

wenn sie als Ware auftritt, keine Wahrheit ist. Und das bedeutet

eigentlich, dass es überhaupt keine Wahrheit gibt,

denn unter den Bedingungen der Marktökonomie kann

sich keine Wahrheitslehre dem Status der Ware entziehen.

Es bleibt zwar die oft postulierte »schwache messianische

Hoffnung« auf das Aufkommen der Wahrheit jenseits der

Wahrheit – einer absolut anderen Wahrheit, die nicht einmal

alsWahrheit auftreten würde, nicht als Lehre, nicht als

Buch, nicht als Theorie, nicht als Methode, nicht einmal

bewusst oder unbewusst, und die sich so ihrer möglichen

Kommerzialisierung grundsätzlich entziehen würde. Aber

offenbar wird diese Hoffnung nur postuliert, um immer

wieder enttäuscht zu werden.

Diese Hoffnung ist übrigens schon bei Platon zu diagnostizieren.

In seinem Höhlengleichnis beschreibt er die

Figur eines Wahrheitssuchenden, dem es gelungen ist, die

Wahrheit zu sehen, und der zu den Menschen zurückkehrt,

um ihnen über sein Erlebnis zu berichten. Im Höhlengleichnis

handelt es sich also nicht um einen Philosophen,

wie oft behauptet wird (denn dem Philosophen ist

die Betrachtung der Wahrheit verwehrt), sondern um einen

Sophisten – aber um einen, wie man so sagen darf,

wahren Sophisten, der die Wahrheit tatsächlich gesehen

hat. Doch gerade weil er sie gesehen hat, ist er von der

Wahrheit dermaßen geblendet und überwältigt, dass es

ihm die für Sophisten typischen, glatten, wohl durchdachten,

schön klingenden Reden verschleißt. Dieser Sophist

ist ein ungeschickter, tollpatschiger Sophist – und zwar gerade

deswegen, weil er ein wahrer Sophist ist. Daher bringen

die Menschen, die vom Sophisten eine bestimmte Geschicklichkeit

in der Ausübung seines Berufs erwarten, ihn

auch um. Dieser tollpatschige Sophist ist das Vorbild nicht

nur für die Figur des Gottessohns, der gerade, weil er der

wahre Gottessohn ist, am Kreuz endet, sondern auch für

alle romantischen Künstler, Dichter und Revolutionäre,

die gerade deswegen als wahre Künstler, Dichter und Revolutionäre

gelten wollen, weil sie nicht richtig malen, dichten

und gelungene Revolutionen veranstalten können. Inzwischen

aber wissen wir, dass auch das kalkulierte Scheitern

eine Ware sein kann und ist. Und um die kritische

Diagnose nicht unvollständig zu lassen: Auch diese Diagnose

selbst entzieht sich nicht der Warenform.

Die philosophische Kritik hat also dazu geführt, dass

jedeWahrheit alsWare identifiziert und damit auch diskreditiert

wird. Dieses Ergebnis lässt allerdings einen anderen

Verdacht aufkommen: Ist es nicht die Philosophie selbst,

die jede Wahrheit in eine Ware verwandelt? Und in der

Tat: Die philosophische Einstellung ist eine passive, kontemplative,

kritische und somit letztendlich konsumistische

Einstellung. Im Licht dieser Einstellung erscheint alles

Vorhandene alsWarenangebot, das man auf seine Tauglichkeit

prüfen soll, um es eventuell zu erwerben. Nehmen

wir aber an, dass der Mensch keine Zeit mehr verwenden

wird, um diesen Prüfungsvorgang durchzuführen, sondern

einfach das nimmt, was ihm per Zufall in die Hände

kommt: Bekanntschaften, Verliebtheiten, Bücher, Gespräche,

Theorien, Religionen, Autoritäten und Wahrheiten.

In diesem Fall verliert dieWahrheit ihreWarenform, denn

sie wird nicht überprüft, sondern praktiziert – so wie man

die Atmung praktiziert, indem man die Luft einatmet, die

einen gerade umgibt. Unter Umständen kann die Luft, die

man atmet, auch tödlich sein, aber nicht zu atmen ist bekanntlich

auch tödlich. In beiden Fällen kann man also

kein distanziertes, kontemplatives, kritisches, konsumistisches

Verhalten zur Atmung entwickeln – man atmet nämlich

auch in der Zeit, in der man ein neues Gerät fürs Air

Conditioning kauft.

Aus dieser Einsicht entstand ein neuer Zweig der Philosophie,

den man in Analogie zur Anti-Kunst als Anti-Philosophie

bezeichnen kann. Diese Wende, die mit Marx und

Kierkegaard beginnt, operiert nicht mit Kritik, sondern

mit Befehl. Es wird befohlen, die Welt zu verändern, statt

sie zu erklären. Es wird befohlen, zum Tier zu werden, statt

nachzudenken. Es wird befohlen, alle philosophischen

Fragen zu verbieten und über das zu schweigen, was nicht

gesagt werden kann. Es wird befohlen, den eigenen Körper

in einen Körper ohne Organe zu verwandeln und rhizomatisch,

statt logisch zu denken etc. Alle diese Befehle

wurden erteilt, um die Philosophie als ultimative Quelle

der konsumistischen, kritischen Einstellung abzuschaffen

und dadurch die Wahrheit aus ihrer Warenförmigkeit zu

befreien. Denn einem Befehl Folge zu leisten oder sich

ihm zu verweigern ist etwas ganz anderes, als eine Wahrheitslehre

infolge einer kritischen Untersuchung zu bejahen

oder zu verwerfen. Die Grundvoraussetzung der befehlsgebenden

(Anti-)Philosophie besteht nämlich darin,

dass sich die Wahrheit erst zeigt, wenn der Befehl erfüllt

wird: Erst muss die Welt verändert werden, dann zeigt sie

sich in ihrer Wahrheit. Erst muss der Sprung des Glaubens

erfolgen, dann manifestiert sich dieWahrheit der Religion

etc. Oder, um zu Platon zurückzukehren: Erst muss man

aus der Höhle hinaustreten – dann sieht man die Wahrheit.

Es handelt sich hier um eine Wahl vor der Wahl, um

eine Entscheidung im Dunklen, die jeder möglichen Kritik

vorausgeht, da sich das Objekt dieser Kritik erst infolge dieser

Entscheidung zeigt – und zwar allein infolge der Entscheidung

zur Erfüllung des Befehls. Eine Entscheidung

zur Verweigerung des Befehls lässt einen dagegen für alle

Zeiten im Dunklen – man kann nicht einmal kritisch sein,

denn man weiß nicht, was man überhaupt kritisieren soll.

Somit zeichnet sich die Entscheidung zwischen Befehlserfüllung

und Befehlsverweigerung sowohl durch ihre Unausweichlichkeit

aus wie auch durch ihre Dringlichkeit,

die keine Zeit zur Pflege einer ruhigen, kritischen, konsumistischen

Einstellung lassen. Es handelt sich hier nämlich

um keine rein philosophische, sondern um eine Lebensentscheidung,

die nicht vertagt werden kann, weil das Leben dafür zu kurz ist.

Diese anti-philosophische Wende innerhalb der Philosophie

selbst ist nicht ohne Konsequenzen geblieben. Jeder,

der heute Philosophie unterrichtet oder über Philosophie

schreibt, weiß: Wir leben in Zeiten, in denen jede kritische

Einstellung, sei es im Bereich der Politik, der Kunst oder

der richtigen Ernährung, das Publikum bloß irritiert – und

von ihm quasi reflexartig abgelehnt wird. Der Grund dafür

liegt freilich nicht darin, dass in letzter Zeit die »affirmative«

Welteinstellung, das innere Einverständnis mit dem

allgemeinen Verblendungszusammenhang oder die Akzeptanz

der herrschenden Verhältnisse plötzlich eine un-

widersprochene Hegemonie im öffentlichen Bewusstsein

erlangt hätten. Der heutige Leser glaubt nicht daran, was

in einem Text wie auch in allen anderen Medien steht, und

hat nicht einmal vor, daran zu glauben – gerade deswegen

hat er auch keine Veranlassung, diesen Text oder dieseMedien

zu kritisieren. Vielmehr tut er das, was dort steht –

oder er tut es eben nicht. Texte werden heutzutage nicht

analysiert, sondern als Handlungsanweisungen wahrgenommen,

dieman praktisch umsetzen kann, falls man sich

dazu entschließt. Texte, die solche Anweisungen explizit

enthalten, liest man besonders gern: Es sind Bücher mit

Kochrezepten, mitGarten- und Maltipps, Bücher über richtige

Marktstrategien, Anleitungen zur Bekämpfung des

amerikanischen Imperiums mitHilfe von »Multitudes«, zur

Herstellung des zeitgemäßen Images eines linken oder

rechten Aktivisten etc. Aber auch andere Bücher, die keine

solchen klaren Anweisungen geben, werden zunehmend

als Anleitungen für ein bestimmtes Verhalten gelesen. Der

Leser dieser Bücher, der den entsprechenden Anweisungen

folgt, fühlt sich durch jede Kritik an diesen Büchern

notwendigerweise persönlich getroffen – und lehnt jede

kritische Einstellung zu ihnen ab. Und er lehnt auch jede

Kritik an den Texten ab, denen er selber nicht folgt – und

zwar aus Gründen des Anstands und der Toleranz, d.h. um

diejenigen nicht unnötig zu verletzen, die diesen Texten

folgen. In beiden Fällen fühlt das Publikum, dass jede

Kritik an einem Text ungerecht ist, weil sie an der Sache

vorbeizielt. Diese Sache ist nämlich nicht der Text selbst,

sondern das, was der Einzelne in seinem eigenen Leben

daraus gemacht hat und macht. So wie unterschiedliche

Menschen aus dem Koran unterschiedliche Schlüsse ziehen

– und somit jede Kritik am Koran als Text unnötig und

eigentlich unmöglich machen. Oder so wie Künstler oft

kontern, wenn man in ihrer Anwesenheit eine Theorie kritisiert:

Du hast wahrscheinlich recht, und es ist eine blöde

Theorie, aber ich habe gute Sachen gemacht, als ich sie gelesen

habe – und deswegen glaube ich daran und möchte

mir deine Kritik nicht weiter anhören. Wenn der Text als

solcher nicht mehr als Ort verstanden wird, an dem die

Wahrheit erscheint, um sich dem kritischen Leser darzubieten,

sondern nur als Summe von Anweisungen für einen

Leser, der aufgerufen wird, zu handeln statt zu denken,

dann wird allein die Art und Weise relevant, auf welche

der Leser diese Anweisungen in seiner Lebensführung

umsetzt. Diese kann man aber nicht kritisieren, denn das

Leben selbst beginnt hier als oberster Richter zu fungieren.

Der Leser meiner Essays, die in diesem Band versammelt

sind, wird merken, dass alle Helden dieser Essays moderne

befehlsgebende Autoren sind. Sie sind allesamt Anti-Philosophen.

Die Essays selbst geben allerdings keine Anweisungen

– und können im Sinne der heute herrschenden Post-

Anti-Philosophie nur enttäuschen. Gleichzeitig vollziehen

diese Essays aber auch keine Rückkehr zur Tradition der

philosophischen Kritik. Vielmehr ist die Haltung des Autors

in diesem Fall eine wohlwollend-beschreibende. Diese

Haltung hat ihre Wurzeln in der Phänomenologie Husserls,

der sich relativ früh die Frage gestellt hat, wie man

auf den neuen befehlsgebenden Ton in der Philosophie

reagieren soll, ohne dabei die alten Fehler der kritischen

Philosophie zu wiederholen. So hat Husserl den folgenden

Befehl erteilt: Bevor man überhaupt zu denken beginnt,

hat man die phänomenologische Reduktion zu vollziehen.

Die phänomenologische Reduktion besteht darin, dass

sich ihr Subjekt von seinen eigenen Lebensinteressen, inklusive

dem Interesse an seinem eigenen Überleben, ge-

danklich Abstand nimmt und dadurch einen Horizont der

Weltbetrachtung eröffnet, der von den Nöten seines empirischen

Ichs nicht mehr verengt ist. Unter dieser breiten

phänomenologischen Perspektive gewinnt man die Fähigkeit,

allen Befehlen recht zu geben, indem man beginnt,

mit ihrer Erfüllung und ihrer Verweigerung frei zu experimentieren.

Gleichzeitig sieht sich das Subjekt der phänomenologischen

Reduktion nicht mehr genötigt, die Befehle,

die es empfängt, in seiner Lebensführung umzusetzen

oder, umgekehrt, sich ihnen zu widersetzen, denn das

phänomenologische Ich denkt so, als ob es nicht lebte. Auf

diese Weise errichtet man für sein phänomenologisches

Ich ein Reich des »als ob« – eine imaginäre Perspektive des

unendlichen Lebens, in der alle Lebensentscheidungen

ihre Dringlichkeit verlieren, so dass sich die Opposition

zwischen Befehlserfüllung und Befehlsverweigerung im

unendlichen Spiel der Lebensmöglichkeiten auflöst.

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