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Gewalten
(Leseprobe aus: Gewalten, Ein Tagebuch, 2010, S.
Fischer).
Die Stadt M
Ich fahre durch die ostdeutschen Provinzen. Kann den Monat
nicht festlegen, Frühjahr, Sommer, Herbst 2009, bis
jetzt jedenfalls, und ich fahre in die Stadt M.
Das ist eine vergessene Stadt, mitten in der Börde, einer
welligen, fast baumlosen Landschaft, einer großen, weitgestreckten
Moräne aus der Saale-Eiszeit. Die Elbe kreuzt
der Zug immer wieder und andere kleinere Flüsse und Kanäle.
Wenn man Augen hätte wie dieser Mensch aus dem
Märchen (gut schießen konnte der, und schnell laufen der
andere, und einen gewaltigen Rucksack hatte ein weiterer
der Freunde), könnte man den Harz sehen, links in Fahrtrichtung.
Es regnet kaum hier, ein trockener Wind weht
ganzjährig übers Land, das im Regenschatten der Harzberge
liegt. Ich habe von den Bördebauern gelesen, die
diese dunkle Erde lieben und ihre Hände tief in sie tauchen,
weil sie so fruchtbar ist, auch wenn der Regen nicht
fällt in der Moräne, ein Naturparadox, aber die vielen
Flüsse, und die Sonne scheint seltsam blass hier, neblige
Wolken hängen am Harz.
Und ich fahre in die vergessene Stadt M. Die Landesregierung
hat dort ihren Sitz, aber ich habe noch keins der
Ministerien gesehen, als ich dort war. Man hört und liest
nicht viel über diese Stadt, tief versteckt in der ostdeutschen
Provinz. Bis Hannover ist es nicht weit, und auch bis
Bielefeld, vielleicht zwei Stunden, in den alten Bundesländern,
den westdeutschen Provinzen, machen sie Witze
über die Stadt Bielefeld, sagen sie sei leer, menschenleere
Straßen, unbewohnte Häuser, deren Fassaden große Schablonen
seien, eine fl ache Betonperipherie, aber ich konnte
das nicht begreifen, als ich einmal dorthin kam auf meinen
Reisen. Das muss im Herbst gewesen sein, 2008, denn
als ich ankam, war es bereits dunkel. Die Innenstadt ist
gleich hinterm Bahnhof. Ein schmaler Boulevard, Kaufhäuser
und Läden links und rechts. Ständig stieß ich gegen
Menschen, ein Kommen und Gehen, mehrspurig in
beide Richtungen, Gleise im Pfl aster anderer Straßen, die
ich kreuzte. Du sollst diese Stadt, die du nicht kennst, erforschen.
Ich weiß nicht, wie ich zu diesem Rummelplatz kam. Ich
trug einen dicken, kratzigen Pullover, den hatte ich in
einem der Kaufhäuser gekauft, weil es kalt war plötzlich,
und ein feuchter Nebel auf dem Boulevard, so dass ich
ständig gegen Menschen stieß. Hatte ich meine Tasche im
Hotel gelassen?, ja, ich war ohne Gepäck. Ich reise nie mit
viel Gepäck, meist nur eine Tasche. Selbst wenn ich auf andere
Kontinente fl iege (ich war erst auf einem fremden
Kontinent), habe ich nur Handgepäck. Ich hatte süßen
Punsch getrunken, um mich zu wärmen. Und war da nicht
dieses Plakat?, direkt an dem Punschstand auf dem Boulevard,
vor dem sich die Menschen stauten, weil es so kalt
war und sie süßen Punsch trinken wollten.
Am Eingang des Rummels stand ein kleiner Wohnwagen,
die Tür angelehnt, und ein großer Aufsteller neben
der Tür: WAHRSAGERIN MADAME L, KARTEN, KUGEL,
HANDLESEN – ERFAHREN SIE IHR SCHICKSAL. Ich hatte
ein Taxi genommen, denn der Rummelplatz lag weit draußen,
am Rand der Stadt. Ich konnte die Lichter schon von
weitem sehen. Um das Areal herum lagen die fl achen Häuser
der Vorstadtsiedlungen. Und die schienen wirklich
dunkel und leer zu sein, nur hier und da ein gelbes Fenster.
Ich versuchte, durch den Türspalt zu blicken. Das
kleine Fenster war von innen verhängt. Ich lief weiter,
links und rechts Buden und Fahrgeschäfte, und das mussten
sie meinen, die Spötter der Stadt Bielefeld, diese Leere
zwischen den bunten Fassaden, denn kaum einen Menschen
traf ich dort. Später erfuhr ich, dass zur selben Zeit
ein Fußballspiel stattfand, oben auf der Alm, im ansonst
fl achen Land, Arminia Bielefeld. Ich habe diesen Berg mit
dem Stadion nicht gesehen. Ich wäre gerne hinaufgestiegen
und hätte auf die Stadt geblickt, vielleicht hätte ich
den Rummelplatz erkannt, und, wenn ich Augen gehabt
hätte wie dieser eine im Märchen, mich selbst zwischen
den Buden und Karussells. Und nur wenige Menschen auf
der Herbstkirmes Bielefeld, es hat angefangen zu regnen
entzwischen (dieses Wort gibt es scheinbar nicht, ich muss
inzwischen meinen), die Wolken werden aus der Börde kommen,
aus der Endmoräne um die Stadt M.
Und an einer Schießbude bleibe ich stehen, ich liebe
Schießbuden. Der Mann reicht mir eine Flinte, fünfundzwanzig
Schuss. Weiß nicht mehr, was das gekostet hat.
Weiß nur noch – und der Zug kreuzt die Elbe zum wiederholten
Mal, über eine stählerne Brücke mit geschwungenen
Bögen rattern wir und nähern uns –, dass das eine
besonders schöne Schießbude war. Ich habe eine solche
Schießbude noch nie gesehen auf meinen Reisen über die
Rummelplätze. Ich habe Angst, dass sie verschwinden aus
HANDLESEN – ERFAHREN SIE IHR SCHICKSAL. Ich hatte
den Städten, weil keiner mehr hingeht. Ich lehne mich
über die Theke, presse den Kolben der Flinte gegen meine
Schulter. Ich ziele auf das Gebirge aus silbernem Metall.
Kleine Berge, große Berge, Hänge und Täler. Und auf den
Bergen und in den Tälern erscheinen KLACK KLACK KLACK
ruckartig und sofort wieder verschwindend verschiedene
Tiere, Jagdwild, Gemsen, Rehe, Hirsche, Hasen und sogar
Vögel über den Gipfeln. Silbern glänzen sie, und ich rücke
meine Brille zurecht und schieße sie ab. DING DING DING.
Fünfundzwanzig Schuss, vierundzwanzig Treffer sagt mir
eine Anzeige, die aus Hunderten kleiner Lämpchen besteht
und jeden Blattschuss registriert, und der Mann in
der Bude erzählt mir, dass dieses Gebirge aus den sechziger
Jahren stammt. Und dann laufe ich weiter den leeren
Boulevard entlang, die Taschen meines Mantels sind vollgestopft
mit kleinen Plüschteddys, Schlüsselanhängern,
Kugelschreibersets, Spielkarten und einem winzigen Billardtisch,
der höchstens als Schreibtischdekoration taugt.
Fünfundsiebzigmal hab ich geschossen und mindestens
siebzigmal getroffen, ich könnte einen eigenen Ramschstand
aufmachen, aber ich bin fast allein, der Herr dieses
Rummels, nur ein paar Kinder und zwei dicke Frauen kommen
mir entgegen. Ich fange zwanghaft an zu fressen, will
alle Leckereien ausprobieren, stopfe panierte Blumenkohlstückchen,
Bratfi sch, Schmalzgebackenes, Currywurst mit
Pommes Frites, Schokoäpfel am Stiel, Pilzpfannen, Spezial-
Hotdogs, Magenbrot, Schokonussbarren und einen Erdbeersahne-
Shake, in dem der Löffel steht wie in Beton, in
mich hinein, ich habe Angst, dass eines Tages die Rummelplätze
verschwinden aus den Städten. Und immer wieder
stolpere ich durch diese Gassen, FRISCHES PILS, FRISCHES
PILS, die Musik weht vorwärts, rückwärts mit dem Regen
ein Taxi genommen, denn der Rummelplatz lag weit draußen,
am Rand der Stadt. Ich konnte die Lichter schon von
weitem sehen. Um das Areal herum lagen die fl achen Häuser
der Vorstadtsiedlungen. Und die schienen wirklich
dunkel und leer zu sein, nur hier und da ein gelbes Fenster.
Ich versuchte, durch den Türspalt zu blicken. Das
kleine Fenster war von innen verhängt. Ich lief weiter,
links und rechts Buden und Fahrgeschäfte, und das mussten
sie meinen, die Spötter der Stadt Bielefeld, diese Leere
zwischen den bunten Fassaden, denn kaum einen Menschen
traf ich dort. Später erfuhr ich, dass zur selben Zeit
ein Fußballspiel stattfand, oben auf der Alm, im ansonst
fl achen Land, Arminia Bielefeld. Ich habe diesen Berg mit
dem Stadion nicht gesehen. Ich wäre gerne hinaufgestiegen
und hätte auf die Stadt geblickt, vielleicht hätte ich
den Rummelplatz erkannt, und, wenn ich Augen gehabt
hätte wie dieser eine im Märchen, mich selbst zwischen
den Buden und Karussells. Und nur wenige Menschen auf
der Herbstkirmes Bielefeld, es hat angefangen zu regnen
entzwischen (dieses Wort gibt es scheinbar nicht, ich muss
inzwischen meinen), die Wolken werden aus der Börde kommen,
aus der Endmoräne um die Stadt M.
Und an einer Schießbude bleibe ich stehen, ich liebe
Schießbuden. Der Mann reicht mir eine Flinte, fünfundzwanzig
Schuss. Weiß nicht mehr, was das gekostet hat.
Weiß nur noch – und der Zug kreuzt die Elbe zum wiederholten
Mal, über eine stählerne Brücke mit geschwungenen
Bögen rattern wir und nähern uns –, dass das eine
besonders schöne Schießbude war. Ich habe eine solche
Schießbude noch nie gesehen auf meinen Reisen über die
Rummelplätze. Ich habe Angst, dass sie verschwinden aus
in mein Gesicht und in meinen Nacken, mein Wägelchen
kracht durch die Türen der Geisterbahn, im DISCOFEVERKarussell
verdaue ich in Sekunden, und dann stehe ich
wieder vor dieser angelehnten Tür, ERFAHREN SIE IHR
SCHICKSAL.
Und ich steige aus dem Zug, Hauptbahnhof, und meine
Arme baumeln kraft- und nutzlos und zum Glück gepäcklos
mal in Hüfthöhe, mal auf Kniehöhe, alle Energien hat
sie mir ausgesaugt, MADAME L, kräftig und gesättigt wird
sie in ihrem Wohnwagen sitzen, während die Stadt M
mich aufnimmt wie ein trockener Schwamm einen Wassertropfen;
es muss gegen Mittag sein, und ich taumele
durch den Tunnel, in dem es von Wochenendmenschen
summt, Frühjahr, Sommer, Herbst 2009, zu einer der
Bänke auf dem Bahnhofsvorplatz.
(...)
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