Ernestine geht von Benno Meyer-Wehlack, 2003, Jung und Jung

Benno Meyer-Wehlack

aus: Ernestine geht

Sie hat immer in der Bank gearbeitet, sie war eine Expertin und Vertrauensperson, sie wollten sie nicht in Pension gehen lassen. Sie hatte alle Fristen, Namen und Summen im Kopf. Als sie einmal einen Termin zum Aktivenverkauf versäumte, hat sie aufgehört, beim ersten Fehler, wie sie es sich vorgenommen hatte. Ganz der Mutter gewidmet hat sie sich dann.
Die Mutter las und las. Welche Bücher? War die Mutter schwermütig? Schwermütig geworden vielleicht. Wie Mary, zeitweise, später. Ernestine hat während des Rückwegs von der Bibliothek, auf einer Bank, in den Büchern geblättert, die die Mutter lesen wollte. Sie selbst hat keine Zeit zum Lesen gehabt. Nach der Arbeit war sie müde. Die Mutter schickte sie um neun ins Bett. Du mußt jetzt schlafen gehen. Sie sagte das noch, als Ernestine schon Prokuristin war.
Valerija meint, die Kriege dieser Zeiten hätten die Frauen zu für sie ungünstigen Mehrheiten gemacht, das betreffe auch Liebe, Ehe, Kinder. Sie hatte Brunos Weigerung begriffen, Ernestine als sitzengebliebenes Mädchen hinzunehmen.

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