Bruch-Stücke von Inge Meyer-Dietrich, 2006, Asso

Inge Meyer-Dietrich

Bruch-Stücke
(Leseprobe aus: Bruch-Stücke, Erzählungen, 2006, Asso-Verlag).

Verehrtes Publikum,

gerade geht der Vorhang auf, erwartungsvoll blicken Sie zur Bühne,

wo unser Sprecher Ihnen jetzt der Reihe nach die Mitspieler vorstellen

wird, beginnend mit mir, der kleinen Mageren, die schweigend dasitzt.

Er wird behaupten, dass ich vor mich hin starre und darüber

nachgrüble, gleich nicht mehr nur das schmächtige, verschlossene

Mädchen mit den verrückten kindlichen Ideen zu sein, das keiner in

der Familie ernst nimmt, sondern dass ich mich noch heute Abend

allein gegen alle Welt stellen werde und sogar gegen meinen Onkel,

der König ist. Der Sprecher wird ankündigen, dass ich meine Rolle

durchhalten muss bis zum Ende, er wird verschweigen, dass ich in

Wirklichkeit nicht Antigone, sondern Anne bin – was er weiß – und

dass mir noch viele andere Gedanken durch den Kopf wirbeln – was

er vermuten, allerdings nicht wissen kann. Doch dass ich meine Rolle

durchhalten muss bis zum Ende, so oder so, damit hat er Recht, das ist

in jedem Fall wahr, daran gibt es nichts zu rütteln.

Heute Abend ist Premiere, Antigone wird zum ersten Mal vor Zuschauern

sterben, verzweifelt und dennoch tapfer, sie hat sich dem

Befehl des Königs widersetzt und versucht, ihren toten Bruder mit

Erde zu bedecken, Sie kennen vielleicht die Geschichte. Eteokles und

Polyneikes, Söhne des Ödipus und Brüder der Antigone, haben sich

im Streit um den Thron vor den Toren Thebens gegenseitig erschlagen.

Antigones Onkel Kreon ist der neue König, er richtet für Eteokles

ein großartiges Staatsbegräbnis aus, Polyneikes, dem angeblichen

Aufrührer, verweigert er die letzte Ehre – das Ganze ist politisches

Kalkül. Jedem, der nur eine Handvoll Erde auf Polineikes’ Leichnam

zu werfen wagt, droht die Todesstrafe, das gilt auch für die Tochter des

Ödipus. In ihrer Absolutheit gerät Antigone in einen unlösbaren Widerstreit

mit Kreon, der Recht und Gesetz zu wahren hat.

Ja, richtig, das Stück ist eine Tragödie und ich bin die Hauptfigur. Ich

habe viel an Trauer zu durchleben, die große um einen viel zu frühen

Tod und die kleinere, die dennoch schmerzt, weil Dany vermutlich

nicht zur Premiere gekommen ist und ich das auch wieder nur als

Zeichen dafür deuten kann, dass es nicht mehr stimmt mit uns beiden.

Aber ich bin Anne und nicht Antigone, auch wenn ich sie zu sein

versuche, mein Herz klopft, mein Magen rebelliert, meine Haut brennt

von meinen Versuchen, ganz tief in die ihre hineinzukriechen, angefüllt

mit ihrem Schmerz. Ich bin nicht Antigone, im Gegensatz zu ihr

hab ich schon viel zu viele Kompromisse geschlossen, viel zu bereitwillig

und viel zu früh.

Falls Sie das Programmheft nicht gelesen haben, sind Sie vielleicht ein

wenig irritiert, dass die schmächtige Antigone von Anouilh, die mit

der Kinderschaufel, in vielem so anders ist als die, die Sie sicher noch

aus Ihrer Schulzeit kennen, genau wie ich. Sie erleben eine Antigone,

der es nicht um göttliches Gebot geht noch um Familienpflicht, sie

begräbt den Bruder, weil sie es für richtig und unumgänglich hält, sie

tut es nur für sich. Zugeständnisse macht sie auch nicht, die kleine

Magere, darin gleicht sie ganz ihrer Schwester aus der Feder des Sophokles

und deshalb wird sie sterben müssen wie alle Antigones. Das

will ich nicht, so enden, so gewalttätig, so jung, so konsequent und

doch so sinnlos vielleicht. Denn darüber – das weiß der Sprecher natürlich

auch nicht, der konzentriert sich auf sein Textbuch – darüber

grüble ich am meisten nach, was einen Sinn ergibt und was nicht und

ob es vielleicht viel zu gefährlich oder falsch ist, sie Ihnen vorzuspielen,

diese heldenhafte Kindfrau, die voller Widersprüche steckt und

voller Sehnsucht. Sie will alles, sofort und vollkommen – oder sie will

nichts. Kaum fängt sie an zu leben, ist sie auch schon tot.

Ihr jungen Frauen hier im Publikum, identifiziert euch lieber nicht zu

sehr mit ihr, ihr werdet sehen, das führt zu nichts, vielleicht. Ich starre,

sagt der Sprecher, das ist richtig, ich starre in die erste Reihe, man

ist ja geblendet vom grellen Licht der Scheinwerfer, ich warte, hoffe

immer noch gegen jede Vernunft auf ein Zeichen von Dany, denn an

der verbissen verbiesterten Art, wie er die Freikarte angeschaut und

auf dem Küchentisch erst mal hat liegen lassen, als wäre es nur aus

Versehen, hätte ich mir schon denken können, dass er uns ignoriert,

Antigone und mich. Wer denn das sei, Jean Anouilh, hat er gefragt,

und ob er den Autor kennen müsse. Die Frage hat mich geärgert und

dennoch hab ich es geschafft, beinah sachlich zu sagen, dass Anouilh

nur noch selten gespielt wird, was ich jammerschade finde, er ist ein

wunderbarer Dramatiker. Dany hat sich einen Whisky eingegossen,

stumm, er wollte keine weiteren Erklärungen, wollte sich auch nicht

mit mir freuen über diese Rolle, die so ein Glücksfall für mich ist.

Denn das, verehrtes Publikum, sollten Sie ruhig wissen, auch wenn

der Sprecher es Ihnen nie verraten würde: Dies ist meine erste wichtige

Rolle. Bisher habe ich nur in unbedeutenden Stücken an kleinen,

wenig beachteten Theatern gespielt, für Hungerlohn. Da kam das Angebot

des großen Schauspielhauses wie ein Lottogewinn über mich –

ich spiele nie Lotto, müssen Sie wissen, dazu hab ich kein Geld, ich

spiele immer nur Schnipsel vom Leben anderer Menschen. Antigone

ist endlich mehr als nur ein Schnipsel, meine Mutter hat mir einmal

erzählt, wie oft sie als junge Frau das Stück gelesen und es im Theater

gesehen hat, wie wichtig es ihr war. Das ist lange her und ich hatte es

im Laufe der Jahre vergessen, doch in den Schlupfwinkeln der Seele

verliert sich nichts. Als ich erfuhr, dass die Schauspielerin erkrankt ist,

die ursprünglich für die Antigone vorgesehen war, und man stattdessen

mir die Rolle antrug, dachte ich natürlich zuerst an den Klassiker

von Sophokles, den ich in der Schule so gründlich interpretieren

musste. Ich war erleichtert, dass es um das Stück von Anouilh ging,

seine Antigone liegt mir mehr, die andere wäre mir in ihrer ganzen

Art vielleicht eine Nummer zu groß gewesen.

Ich bin nämlich auch so eine, die noch immer mit dem Wind über die

Felder läuft, dazu klein und schmal, bestimmt keine Schönheit, apart

nennen die Kritiker mich, was immer sie damit meinen, auch ich habe

einen starken Willen und bin voll Sehnsucht und Hunger nach Leben,

und, lachen Sie jetzt bitte nicht, auch ich habe einen Hund, struppig

ist er, eine so genannte Promenadenmischung, ein liebes Tier mit

sanften Augen. Ich nahm die Rolle sofort an, ohne nachzudenken und

ohne eine Sekunde zu zögern, ich wollte die ungebärdige, aufbegehrende,

als überspannt geltende Antigone spielen, unbedingt. Mir fiel

meine Mutter wieder ein, mitten im Gespräch mit dem Intendanten

vom Schauspielhaus sah ich ihr Gesicht vor mir, wie es manchmal

leuchten konnte, ich hätte ihr so gern erzählt, dass ich die Rolle habe,

von der sie so begeistert war, sie wäre froh, vielleicht sogar stolz auf

mich gewesen, doch sie ist längst tot.

Dass Dany sich nicht so für mich freuen würde wie meine Mutter, das

hab ich gleich gedacht, aber ein bisschen, eine Spur von Freude hätte

er doch aufbringen können, das ist nicht zuviel verlangt, wenn man

zusammenlebt. Schließlich könnte die Rolle ein Sprungbrett für weitere

große Bretter bedeuten, immerzu ging mir das Wort Glück durch

den Kopf, als ich nach Hause fuhr, das Gespräch mit dem Intendanten

noch im Ohr, den Vertrag in der Tasche, Glück, sang es in mir auf dem

letzten Stück Fußweg, als ich mehr tanzte als ging. Atemlos begann

ich Dany zu erzählen, doch er runzelte die Stirn und wollte nur wissen,

wie ich mir das bei der Entfernung zwischen den Städten denn

vorstellte mit den Proben, den Aufführungen und dem ganzen Kram.

Ich schluckte und sagte, ich würde mir für die Zeit dort ein Zimmer

mieten, bei der Gage sei das drin, er brauche sich keine Sorgen zu

machen. Darauf reagierte Dany nicht, er sah auch nicht aus, als ob er

sich Sorgen machte, eher wie ein Kind, dem man sein Spielzeug wegzunehmen

droht. Er ist mir in letzter Zeit oft in sich gekehrt, beinah

abwesend vorgekommen, ich glaub, ich weiß den Grund, auch wenn

er kaum darüber spricht, die Zukunft macht ihm Angst. Dany ist ein

Mensch, der Sicherheit braucht, immer, und wer hat die heute schon?

Das Anwaltsbüro, in dem er arbeitet, zählt zunehmend weniger Mandanten,

die Leute halten ihr Geld zusammen, die überlegen sich dreimal,

ob sie es auf einen Rechtsstreit ankommen lassen, sagt er, und

wenn, dann wollen sie einen erfahrenen Juristen und keinen, der erst

anfängt so wie er. Gerade deshalb dachte ich, es müsste ihn doch freu

en, dass ich endlich mehr zum gemeinsamen Haushalt beisteuern

konnte, wo meine Engagements bisher nur so wenig eingebracht

haben.

Schauspielerei gilt ja schon immer als brotlose Kunst – es sei denn,

man schafft es ganz nach oben. Und vielleicht, man darf ja noch träumen,

heißt es, vielleicht ist diese Rolle… o mein Gott, ich denke, denke,

schweife ab, muss mich zusammenreißen, konzentrieren, sonst

wird das heute Abend nichts. Wir, die soeben vorgestellten Schauspieler,

gehen jetzt alle noch einmal von der Bühne, erst dann schleiche

ich barfuß zurück und Antigones Tragödie nimmt ihren Lauf, unaufhaltsam,

Sie alle werden Zeugen sein. Sehen Sie, ich trage meine Schuhe

in der Hand, bin müde, erschöpft, es war nicht einfach, Erde auf

den toten Körper meines Bruders zu werfen unter den Augen der

Wächter, und ich hoffe noch, dass niemand hier am Hof mein Verschwinden

bemerkt hat. Pech, die Amme wartet schon auf mich, die

gute alte Haut, nein, streichen Sie jetzt bitte den Begriff Ammenmärchen

aus Ihrem Gedächtnis, denn diese Frau ist handfest und streng

und mütterlich zugleich. Ich will nicht, dass sie meinetwegen Kummer

hat und kanns doch nicht verhindern. Sie macht sich Sorgen um

mich, die Arme, mein Bett war leer um vier Uhr früh. Es schmerzt

mich, dass die Amme mein Handeln nicht versteht, genauso wenig

wie Ismene, meine Schwester, und Eurydike, Kreons Frau, die meine

Schwiegermutter werden sollte. Sie alle haben ihre weiblichen Rollen

akzeptiert, klaglos, ergeben, jede auf ihre Weise, sie stellen die Gesetze

der Männer nicht infrage, vielleicht lebt es sich leichter so als Frau, ich

weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich so nicht leben kann. Jetzt tritt

Hämon auf, Antigones Verlobter, der Abschied wird besonders hart,

wenn ich an den kleinen Jungen denke, den die beiden einmal haben

wollten, und schon wieder kommt mir Dany in den Sinn und die Kinder,

die wir uns wünschten. Wir haben schon lange nicht mehr darüber

gesprochen, doch ich habe mir oft vorgestellt, wie ich mit ihnen

spiele, so, wie meine Mutter früher mit mir gespielt hat, wir bauten

uns Höhlen aus Decken über Tischen, Stühlen und Kommoden, darin

lebten wir tagelang, sie war der Froschkönig und ich die Prinzessin,

und wenn mein Vater da war, spielte er manchmal mit, war Königsvater

oder der Eiserne Heinrich, je nachdem. Bei Schneewittchen wechselten

wir uns ab, meine Mutter und ich, sie wollte nicht immer die

böse Stiefmutter sein, das konnte ich verstehen, ich spielte die Böse ja

auch selbst mal gerne und drehte Mama mit aller Überredungskunst

den giftigen Apfel an. Damals, schon damals träumte ich von Bühnen

jenseits meines Kinderzimmers und von Ihnen, mein verehrtes Publikum.

Es ist erregend und spannend, wenn es mich auch manchmal

quält, vom eigenen ständig in andere Leben überzuwechseln, die

Grenzen verwischen sich. Aber ein Kind ist sicher noch eine ganz andere

Herausforderung, die Mutterrolle, die bleibt dir, wenn du sie erst

einmal angenommen hast, da gibt es kein Ende der Spielzeit, das Mutter-

Kind-Stück lässt sich nicht vom Spielplan absetzen, ich weiß. Doch

ich weiß nicht, ob ich dem wirklich gewachsen wäre, ob der Wunsch

nach Kindern nicht vielleicht nur dem von damals entspringt, als ich

neun oder zehn Jahre alt war und so gern eine Schwester gehabt hätte

und Brüder wie Antigone. Warum hab ich keine Geschwister?, fragte

ich meine Mutter, die könnten wir gut als sieben Zwerge gebrauchen.

Sieben sind sowieso zuviel, sagte sie, da fang ich besser gar nicht erst

an. Und ich dachte, wenn ich mir die Jungs in meiner Klasse so angucke,

hat sie vielleicht Recht und wir spielten lieber wie bisher mit unserem

begrenzten Personal, den Froschkönig am häufigsten, soweit

ich mich erinnere. Dany würde einen wunderbaren König abgeben,

wenn er nur wollte, er hat etwas von Kreon, dem König in unserem

Stück, das Grüblerische und auch, dass er die Ärmel aufkrempeln

kann, wenn es sein muss. Was hab ich nur falsch gemacht, dass uns

die Liebe so unbemerkt entglitt und eine gemeinsame Zukunft, an die

wir doch felsenfest glaubten, zur Illusion geworden ist? Als ich zuletzt

bei dir war, Dany, in unserem alten gemeinsamen Zuhause, repetierte

ich in Gedanken unentwegt meine Rolle, ich konnte nicht anders, ohnehin

schienst du so weit weg zu sein, ich drang nicht durch zu dir,

also vergrub ich mich tief und tiefer in die Sätze, die ich auswendig zu

lernen hatte, Antigones Sätze, und in der Nacht wachte ich auf in Todesangst,

röchelnd, schweißgebadet, mein Kopf steckte fest in der

Schlinge von Antigones buntem Gürtel und du lagst neben mir und

schliefst. Ich rückte weg von dir, eine Woge von Zorn überschwemmte

mich, vielleicht war es auch Hass, am liebsten hätte ich dich geschüttelt

und wach geschrien, widerstand jedoch dem Impuls, denn

du hättest mich doch nicht verstanden, so wenig wie Hämon Antigone

versteht, deine Ängste und meine sind von so verschiedner Art. Ich

bin nicht wieder eingeschlafen, schlafen – es muss schön sein, sagt

Kreon am Ende des Stückes, als die, die er geliebt hat, alle schon tot

sind, und ich habe unentwegt nachgegrübelt über den Konflikt zwischen

der kompromisslosen, unnachgiebigen Antigone und Kreon,

dem pragmatischen Staatenlenker. Die große Politik, die verstehe ich

ohnehin nicht, sie kommt mir immer wie ein gigantischer Schwindel

vor. Du wolltest ja auch einmal Politiker werden, Dany, als Jurist hättest

du sicher Chancen gehabt, doch eine Partei, das war letztlich

nichts für dich, zuviel Gleichmacherei, fandest du, zuviel Egoismus,

du hattest nach kurzer Zeit genug davon.

Warum guckst du dir unser Stück nicht an, Dany, ich bin mir sicher,

Kreon wäre was für dich, dieser Realist, der dennoch Visionen hat.

Heutzutage sind Utopien ja in Verruf geraten, doch ich, naiv vielleicht,

ich brauche das, den Entwurf einer besseren Welt, die Hoffnung, dass

noch nicht alles verloren ist, denn diese Erwartung und der vorsichtige

Optimismus sind es, die mich im Gegensatz zu Antigone am Leben

halten. Wie die Zukunft aussehen wird, ich weiß es nicht, ich weiß

nur, dass ich meinen Weg gehen muss als Gauklerin, spielend, alles

aufs Spiel setzend, Dany, und wenn es auch noch so weh tut. Sei ’s

drum, so tragen wir jeder für sich unsere Sehnsüchte zentnerschwer

mit uns herum, strampeln uns ab in unseren Rollen, sterben unzählige

Tode auf den inneren und äußeren Bühnen des Lebens, spielen,

riskieren, verlieren, rappeln uns wieder auf und versuchen es neu,

gleich geht das Stück zu Ende, der Vorhang fällt, Antigone ist tot und

ich bin nicht Antigone. Dennoch werde ich morgen hier an dieser

Stelle dieselben Fragen stellen nach Sinn und Pflicht und Glück und

wo man noch Ja sagen darf oder Nein sagen muss, verehrtes Publikum,

ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, wünsche Ihnen einen

sicheren Heimweg und einen ungestörten Schlaf trotz aller Katastrophen

auf der Welt und trotz der vielen Toten hier auf der Bühne

heute Abend. Leben Sie wohl!

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